Wie bauen die Rinderhalter in NRW?

Rinderstall-NeubauBild vergrößern
Knapp 93 % der AFP-Anträge die Rinderhalter im Jahr 2012 gestellt haben, drehen sich um Bauvorhaben für Milchkühe und deren Nachzucht. Foto: Julia Glatz


Moderner MastbullenstallBild vergrößern
Besonders tiergerechte Haltungsformen für Mastbullen werden nach Anlage 4 der AFP-Richtlinie gefördert. Die Ställe bieten viel Platz, Licht und Luft. Foto: Willem Tel


Plattenkühler zur Vorkühlung der MilchBild vergrößern
Investitionen in moderne Melktechnik und energiesparende Verfahren stehen in vielen Betrieben an: Beispiel Milchvorkühlung mittels Plattenkühler. Foto: Julia Glatz


Betriebsentwicklungen in der Rinderhaltung vollziehen sich auch in Nordrhein-Westfalen: während die Anzahl der Rinderhalter rückläufig ist, steigen die Tierbestände. Maßgeblich hieran beteiligt ist die Milchkuhhaltung. Viele Betriebsentwicklungen gehen mit baulichen Maßnahmen einher. Worauf die Bauherren in Nordrhein-Westfalen besonderen Wert legen, beschreibt Julia Glatz

Die Nachfrage nach Beratung zu baulichen und produktionstechnischen Lösungen in der Milch- und Rindfleischproduktion ist nach wie vor sehr hoch. Betrachtet man die Entwicklung der Rinderhaltung in NRW, wird klar woher die Nachfrage kommt. Zwar ist die Anzahl der Rinderhaltungen im Zeitraum von November 2011 bis November 2012 um 3,4 % gesunken, die Bestandsgröße je Halter hingegen ist um 3,9 % gewachsen. Insgesamt werden in NRW rund 6.500 bzw. 0,5 % Rinder mehr gehalten als noch vor einem Jahr. Der Bestand an Milchkühen ist um 0,6 % auf insgesamt 402.952 Tiere gewachsen, während Zuchtrinder und sonstige Kühe rückläufige Bestände aufweisen und die Anzahl männlicher Rinder ab 1 Jahr nahezu konstant bleibt. Die Vergrößerung des Milchkuhbestands führt dazu, dass je Halter 1,3 Kühe bzw. 6,4 % mehr gehalten werden. Stand November 2012 gibt es 7.652 Milchkuhhalter mit im Schnitt 52,7 Kühen. Für wachsende Bestände müssen ausreichende Kapazitäten in den Bereichen Tierplätze, Melken und Milchlagerung sowie Futterlagerung geschaffen werden.

Finanzielle Unterstützung durch Mittel des Agrarinvestitionsförderungsprogramms

Viele Bauvorhaben der Rinderhalter in NRW werden mit Mitteln des Agrarinvestitionsförderungsprogramms (AFP) unterstützt. Betrachtet man die bautechnischen Stellungnahmen des Jahres 2012, die von der Bauberatung der Landwirtschaftskammer für die Rinder haltenden AFP-Antragsteller erstellt worden sind, so wird auch hier der oben beschriebene Trend sichtbar. Knapp 93 % der rund 140 Bauvorhaben werden für Milchkühe und / oder deren Nachzucht vorgenommen. Stallneu- und Umbauten für Mastbullen und Mutterkühe werden zu kleinen Anteilen beantragt. Zwei Drittel aller Anträge beinhalten die Errichtung neuer Anlagen, ein Drittel befasst sich mit An- und Umbauten. Eine gute Futterlagerung hat unter den Rinderhaltern einen wichtigen Stellenwert: rund 18 % der Antragsteller widmen sich dem Bau oder der Erweiterung bzw. Modernisierung von Fahrsiloanlagen.

Unterschiede in den Regionen Westfalen und Rheinland

Betrachtet man die Vorhaben nur für Milchkühe (83 % der bautechnischen Stellungnahmen für AFP-Anträge aus dem Bereich Rind), beinhalten davon 35 % Investitionen in Systeme für automatisches Melken (AMS). Aber auch Investitionen in die Modernisierung konventioneller Melktechnik stehen in knapp 15 % der Fälle an.

In Tabelle 1 sind die Bauvorhaben für Milchkühe aus den bautechnischen Stellungnahmen 2012 aus dem Bereich Rind anteilig für NRW und die Regionen Westfalen und Rheinland dargestellt. 60 % der Vorhaben für Milchkühe in NRW sind Neubauten, wovon ein Drittel auf das automatisierte Melken setzt. Die Bedeutung des automatischen Melkens ist mit 45 % in Westfalen deutlich größer als im Rheinland mit nur 17 %. Der Anteil der Neubauten für Milchkühe ist in beiden Regionen mit 58 % für Westfalen und 63 % für das Rheinland ähnlich.

Tabelle 1: Übersicht über die Anteile der Bauvorhaben für Milchkühe an den bautechnischen Stellungnahmen für AFP-Anträge Rind aus dem Jahr 2012 für ganz NRW bzw. die Regionen Westfalen und Rheinland.

Region NRW insgesamt Westfalen Rheinland
Vorhaben für Milchkühe aller AFP-Anträge Rind 2012 83 % 80 % 91 %
- davon Vorhaben mit AMS 35 % 45 % 17 %
Neubau für Milchkühe in Bezug zu Vorhaben für Milchkühe 60 % 58 % 63 %
- davon mit AMS 33 % 44 % 15 %

Bullenmastställe nach Anlage 4 der AFP-Richtlinie

In den letzten Jahren zeigten viele Bullenmäster Interesse an besonders tiergerechten Haltungssystemen. Bullenmastställe, die nach den baulichen Anforderungen gemäß Anlage 4 der AFP-Richtlinie erstellt werden, werden meist als Tretmistställe konzipiert und bieten den Tieren sehr viel Platz, Licht und Luft. Im Gegensatz zu konventionellen Mastställen werden mindestens 4,5 m² je Bulle angeboten. Diese Systeme passen sehr gut zu Betrieben, die zu vertretbaren Kosten Stroh bereitstellen können, da der Einstreubedarf erheblich ist und alternative Einstreumaterialien kaum relevant sind.

Welche Prioritäten werden gesetzt?

Nicht nur bei großen Wachstumsschritten, sondern auch zur Optimierung von Arbeitsabläufen und Haltungssystemen sind bauliche Veränderungen sinnvoll. Der Blick in die Zukunft bezüglich Anordnung von Anlagen und Gebäuden auf der Hoffläche ist dabei ein wichtiger Planungsgesichtspunkt, den es neben vielen weiteren Dingen zu berücksichtigen gilt. Betrachtet man die Entwicklung der Haltungssysteme für Rinder im Allgemeinen, ist ganz klar festzuhalten, dass Investitionen in neue Ställe in kleinen als auch in stärkeren Größenordnungen immer mit deutlich besseren Haltungsbedingungen für die Tiere einhergehen. Dies gilt insbesondere für die Haltung von Milchrindern. Moderne Ställe bieten viel Licht, Luft und Bewegungsraum. Selbst in den vermeintlich platzsparenden 3-reihigen Liegeboxenlaufställen wird eine nutzbare Stallfläche (Liege- und Laufflächen) von mehr als 7 m² je Tier erreicht, wodurch der Natur der Rinder gut entsprochen wird. Rinder sind Tiere mit Individualdistanz und sie vermeiden Körperkontakt zu Stalleinrichtung und Gefährten, ausgenommen natürlich freiwilliges Sozialverhalten. In beengten Verhältnissen, z.B. weniger als 5 m² Nutzfläche je moderne Deutsche Holsteinkuh, wird Bewegung für Rinder zu Stress und das normale Verhalten wie der Gang zum Futtertisch, zur Tränke, zur Kuhbürste oder auch zu Stallgefährten für soziale Interaktionen wird deutlich eingeschränkt.

Bei den Bauvorhaben für Milchkühe legen die Landwirte großen Wert auf Tierkomfort und setzen dazu viele aktuelle Empfehlungen um. So werden Laufgänge am Fressgitter mit 3,50 bis 4,00 m Breite angelegt, Laufgänge zwischen den Boxenreihen sind 2,50 bis 3,00 m breit. Übergänge zwischen den Boxenreihen und an den Giebelseiten sind je nach Art der Nutzung geräumig angelegt: sind einfache Übergänge für den Tierverkehr geplant, reichen 2 Liegeboxenbreiten aus, werden hingegen Tränken oder Bürsten in diesen Bereichen installiert, werden 3 oder mehr Boxenbreiten genutzt. Eine Bauweise ohne Stufen kommt den Tieren natürlich sehr entgegen, ist aber bei bestimmten Entmistungstechniken nicht möglich. Landwirte, die ihren Tieren diese großen und günstig angelegten Flächen zur Bewegung zur Verfügung stellen, sehen dort vermehrt brünstige Kühe und beschreiben, dass sie dadurch bessere Fruchtbarkeitsergebnisse erreichen.

Gerade zu den Zeiten frischer Futtervorlage, aber auch zu anderen Zeitpunkten im Tagesverlauf, fressen Kühe gerne gemeinsam, auch bei Fütterung einer Totalmischration. Mit einem Fressplatz-Tierverhältnis von 1 zu 1,2 und Fressplatzbreiten von mind. 65 cm werden kurze Wartezeiten und stressfreies Fressen für laktierende Kühe möglich. Um eine frische Futtervorlage mehrmals am Tag zu bieten, setzen Landwirte vereinzelt auf automatische Fütterungssysteme.

Die Stalleinrichtung rund um die Liegeboxen entwickelt sich stetig weiter und bringt viele Möglichkeiten hervor, die Steuerungselemente der Liegebox exakt auf die Tierbedürfnisse einzustellen. Auch bei den Liegeflächen wird viel Wert auf Tierkomfort gelegt: zum einen werden Tiefboxen angelegt, wofür entsprechende Befülltechnik und breite, befahrbare Laufgänge aber vor allen Dingen ein Topmanagement notwendig sind, zum anderen werden hochwertige Boxenbeläge eingesetzt, die z.B. über einen 2,5 bis 4 cm dicken Schaumstoffkern verfügen und eine längerfristige Verformbarkeit aber auch Federwirkung versprechen. Einen klaren Favoriten unter den Boxentypen gibt es nicht.

Durch die moderne offene Bauweise mit Traufhöhen von 4,00 m oder mehr werden helle und luftige Ställe geschaffen, die ein Luftvolumen von mehr als 50 m³ je Tier bereitstellen. Hierdurch sind die Ansprüche der Kühe an das Stallklima deutlich einfacher zu realisieren, weil Feuchte, Staub und Schadgase zügig abgeführt werden können und die Aufheizung des Stalles durch Strahlungswärme reduziert ist. Für die Querlüftung wird großer Wert auf eine möglichst großflächige Öffnung der Ställe gelegt. Curtainsysteme an den Längsseiten, die flexibel verstellt werden können, bieten dafür gute Voraussetzungen und werden vermehrt eingesetzt. An den Giebeldreiecken werden z.B. gelochte Trapezbleche montiert, die nicht nur Luft, sondern zusätzlich Tageslicht in den Stall lassen. Wo es möglich ist, werden Stallgebäude quer zur Hauptwindrichtung und freistehend errichtet.

Neben den klassischen Liegeboxenplätzen für produktive Kühe und Jungrinder, werden vermehrt Investitionen in Bereiche für Kühe mit besonderen Anforderungen getätigt. Hierzu gehört zum Beispiel der übersichtliche zweireihige Boxenlaufstall, der für Frischmelker und deren Betreuer gute Bedingungen bietet. Im Zweireiher stehen den Kühen mehr als 9 m² Nutzfläche und mehr als ein Fressplatz zur Verfügung.

Viele Landwirte nutzen Anbauten, um Tiefstreulaufställe für Kranke und Tiere rund um die Kalbung zu schaffen. Als Faustzahl gilt, dass für ca. 10 bis 15 % der Herde solche Laufställe vorhanden sein sollten. Der Platzbedarf ist natürlich von der Anzahl Abkalbungen, dem Management, dem Fitnessstatus und den weiteren Haltungsbereichen abhängig. Um den Einstreubedarf zu reduzieren, setzen Landwirte bei Neubauten immer mehr auf Zweiflächensysteme, hier können je Kuh 8 bis 9 m² Liegefläche zzgl. befestigter Fläche am Fressplatz angesetzt, bei Einraumlaufställen hingegen sollten 10 bis 11 m² je Tier geplant werden. Für ein gutes Hygienemanagement legen die Landwirte Ihren Fokus auf eine möglichst einfache und zügige Entmistung, daher sind Zweiflächensysteme und viele, breite Tore an Giebel aber auch an den Längsseiten häufig zu finden. Für jeden Betrieb sollten mindestens drei Tiefstreubereiche vorhanden sein: Vorbereitung mit Abtrennung für Kalbung, Frischmelker und Krankenstall. Bei der Errichtung von Tiefstreubereichen ist ein Trend zu Ventiltrog- oder Trogtränken mit Stopfensystem zu erkennen, einfache Schalentränken sind für den hohen Wasserbedarf bei typischen Vorbereitungsrationen und nach der Kalbung nicht ausreichend.

Zur Stallbeleuchtung werden nach wie vor die mit 130 bis 140 Lumen pro Watt sehr effizienten Natriumdampfleuchtmittel eingesetzt. Als Alternative, wenn das gelbliche Licht der Na-Dampflampen nicht gewünscht ist, bieten sich Metallhalidleuchtmittel mit einer Lichtausbeute von gut 100 Lumen pro Watt an. Allerdings haben diese Leuchtmittel mit ca. 10.000 Stunden eine nur halb so lange Lebensdauer wie die Na-Dampf-Leuchten. Hier kommt allmählich die LED-Technologie ins Spiel, mit einer Lichtausbeute von ca. 120 Lumen pro Watt und Lebensdauern bis zu 50.000 Stunden stellen sie eine interessante Alternative dar, zu deren Einsatz aber noch Forschungsbedarf besteht.

Die Wahl des Melksystems

Neu geplante Boxenlaufställe für automatisches Melken unterscheiden sich in der Regel deutlich von Neubauten mit konventionellem Melksystem. Für Anlagen mit zwei oder mehr Melkboxen wird am Häufigsten der sechsreihige Boxenlaufstall mit zwei außenliegenden Futtertischen gewählt. Diese Stallform hat den Vorteil, dass der Kuhverkehr recht einfach ohne Überquerung des Futtertischs vorgenommen werden kann und flexible Aufteilungsmöglichkeiten auch für Selektionsbereiche bestehen. Mittlerweile gehen die Erfahrungen dahin, dass Größenordnungen für 4 Melkboxen, also rund 280 bis 300 Kühe gut funktionieren können. Für Betriebe, die größere Kuhzahlen anstreben, passen andere Betriebskonzepte meistens besser, was neben anderem daran liegt, dass konventionelles Melken bezüglich Kuhzahl und Fremdarbeitskrafteinsatz flexibler ist. Automatische Melksysteme passen oftmals sehr gut in Familienbetriebe, weil dadurch eine Aufstockung auf die Tierzahl, die für die Auslastung von einer oder zwei Melkboxen nötig ist, also rund 75 bzw. 150 Kühe, realisiert und die Arbeit ein Stück weit flexibler gestaltet werden kann. Ebenfalls werden AMS gerne genutzt, um alte Melktechnik abzulösen und sehr lange Melkzeiten für die Betriebsleiter in ungünstig angelegten oder für die Tierzahl nicht ausgelegten Melkständen zu reduzieren. Die Entscheidungskriterien für automatisches oder konventionelles Melken sind vielschichtig und müssen betriebsindividuell gegenübergestellt werden.

Neben der Modernisierung über den Einsatz eines AMS werden auch viele Investitionen in die Modernisierung und Erweiterung vorhandener Melktechnik getätigt. In dem Zuge liegt der Fokus ganz klar auf energiesparenden Techniken und Verfahren sowie der Arbeitsoptimierung.

Autor: Julia Glatz