Hitzestress im Milchviehstall vermeiden

Ventilatoren im MilchviehstallBild vergrößern
Abbildung 1: Axialventilatoren in Reihe längs zur Stallachse. Werden sie in 2,70 m Höhe über dem Laufgang montiert, kann man auf Schutzgitter verzichten und erhöht damit den Wirkungsgrad.


Tränke im MilchviehstallBild vergrößern
Abbildung 2: Eine optimale Wasserversorgung ist Voraussetzung für den Erfolg aller Maßnahmen gegen Hitzestress. Viele Tränkestellen sollten im Stall verteilt und gut zu erreichen und zu verlassen sein.


Salzleckstein im MilchviehstallBild vergrößern
Abbildung 3: Salzlecksteine können zusätzlich die Versorgung mit Natriumchlorid sicherstellen. Auch Natriumbicarbonat kann so zur freien Aufnahme angeboten werden.


Zellzahlanstieg, geringere Milchinhaltstoffe, Milchmengenabfall - die Auswertung von Milchkontrolldaten zeigt die Folgen von Hitzestress bei Milchkühen. Julia Glatz berichtet.

Moderne Milchkühe erbringen eine enorme Stoffwechselleistung. Damit einher geht eine starke Wärmeproduktion durch Milchbildung und Verdauungsvorgänge. Im ersten Laktationsdrittel haben Milchkühe eine Wärmeabgabe von rund 1.500 W - das entspricht in etwa der Leistung eines größeren Heizkörpers. Wenn aufgrund von klimatischen Bedingungen die Wärmeabgabe nicht in ausreichendem Maße erfolgen kann, leiden Rinder unter Hitzestress. Auch wenn z.B. in 2013 das sommerliche Wetter in Nordrhein-Westfalen lange auf sich warten ließ, treten auch bei uns in der wärmeren Jahreszeit klimatische Bedingungen auf, die für Milchkühe zur Belastung werden. Ab 24 °C Umgebungstemperatur und 70 % Luftfeuchte beginnt Hitzestress.

Kühe ändern ihr Verhalten

Auch wenn Kühe als Säugetiere eine sehr konstante Körperkerntemperatur haben, sind sie in der Lage diese bei warmen Bedingungen in geringem Maße zu erhöhen. Dass dieser Mechanismus aber schnell an seine Grenzen stößt, fanden nordamerikanische Forscher in einer neuen Studie heraus. Sie untersuchten das Steh- und Liegeverhalten in Bezug auf die Körperkerntemperatur von Milchkühen und fanden heraus, dass die Kühe bereits ab einer Erhöhung der Körperkerntemperatur um nur 0,5 °C deutlich mehr standen und weniger Lagen. Die Kühe versuchen so mehr Wärme abzugeben, da sie im Stehen eine größere Oberfläche und eine größere Chance, durch eine Luftbewegung das Wärmepolster um ihren Körper aufzulösen, haben. Doch wenn Kühe weniger Liegen hat das negative Folgen auf das Wiederkauverhalten und den Energieverbrauch. Die Wissenschaftler wollen die Daten aus ihrem Versuch nutzen, um anhand des veränderten Stehverhaltens frühzeitig für die Kühe stressige Bedingungen vorherzusagen um so möglichst schnell Abhilfe schaffen zu können.

Bei Hitzestress kommen natürlich auch noch weitere Verhaltensänderungen hinzu, wie insgesamt weniger Bewegung, damit weniger Besuche am Futtertisch, weniger Brunstverhalten, die Kühe kauen weniger wieder, hecheln, strecken die Zunge raus, verlieren Speichel, pumpen, schwitzen und saufen mehr. Dies alles führt in der Summe dazu, dass weniger gefressen wird, der Energiebedarf aber erhöht ist, die Mineralstoffausscheidungen erhöht sind und weniger Speichel als Puffer im Pansen ankommt. Nicht selten sind die Folgen von Sommerklima erhöhte Zellzahlen bis hin zu einer gesteigerten Mastitisrate, geringere Milchfett- und Milcheiweißgehalte, ein Abfall der Milchmenge und eine schlechtere Trächtigkeitsrate.

Auswertung von LKV-Daten zeigt Hitzestressfolgen

Eine Auswertung von 2.639 Monatsmilchkontrolldaten aus dem Jahr 2011 durch die Landwirtschaftskammer NRW zeigt deutlich, wie mit ansteigenden Umgebungstemperaturen im Jahresverlauf auch die Zellzahl ansteigt (Grafik 1). Kommen die Monatsmittelwerte der Tageshöchsttemperaturen an Werte von 18 °C und mehr, sinken die Milchinhaltstoffe Fett und Eiweiß, ein Milchmengenabfall folgt nach. Grafik 2 zeigt diese Ergebnisse. Ein Einfluss der Melktage konnte für diese Auswertung ausgeschlossen werden, da sie im Jahresverkauf sehr konstant zwischen 182 und 194 lagen und nicht mit der Milchmenge und den Inhaltstoffen in Verbindung standen.

Zellzahl in Abhängigkeit von der Temperatur
Grafik 1: Zellzahl und Tageshöchsttemperatur im Jahresverlauf 2011 in NRW

Milchmenge und Milchinhaltsstoffe in Abhängigkeit von der Temperatur
Grafik 2: Milchinhaltstoffe Fett und Eiweiß, Milchmenge und Tageshöchstwerte der Umgebungstemperatur im Monatsmittel aus dem Jahr 2011 in NRW

Hitzestress minimieren lohnt sich

Die Folgen von Hitzestress sind vielfältig und wirtschaftlich bedeutend. Es lohnt sich also mit entsprechenden Maßnahmen Hitzestress für die Milchkühe zu minimieren und es ihnen zu ermöglichen, dass sie sich auch im Liegen wohl fühlen. Oft geht das schon mit ganz einfachen Maßnahmen. Wichtig ist, dass rechtzeitig damit begonnen und konsequent durchgehalten wird. Verschiedene Ansatzpunkte bieten Haltung und Fütterung:

  • Stress vermeiden: keine Überbelegung, auf unnötiges Umtreiben in heißen Stunden verzichten, Fliegenplage verhindern
  • gute Wasserversorgung: viele Tränkestellen im Stall verteilt, für jedes Tier leicht zu erreichen und zu verlassen, Wasser von guter Qualität in ausreichender Menge aus sauberen Tränken
  • Luftbewegung ermöglichen: Seitenwände, Tore und Türen, wenn möglich First öffnen, Lochblech an Giebeln
  • Unterstützungslüftung mit Ventilatoren: Langsamläufer mit 1,20 bis 1,50 m Durchmesser in Reihe parallel zur Futterachse über dem Fressgang und den Liegeboxen, im Wartebereich vorm Melkstand bzw. Melkroboter aufhängen, 10 bis 15 ° Neigung, 2,70 m über dem Laufgang, bereits ab 18 bis 20 °C Stalltemperatur laufen lassen, automatische Steuerung sinnvoll
  • Wasserkühlung der Kühe: erst ab Temperaturen über 24 °C! Großtropfige Versprühung oder Duschen in Intervallen von 5 Minuten Beregnung und 10 Minuten Pause, feuchte Luft muss entweichen können, aber zu starke Unterstützungslüftung kann zu Lungenentzündungen führen, Anordnung am Futtertisch oder im Rücktrieb vom Melkstand, nicht im Wartehof oder über den Liegeboxen
  • Strahlungswärme vom Stalldach reduzieren: helle Dacheindeckung oder isolierende Sandwichelemente, keine Lichtplatten, Beschattung z.B. durch Photovoltaikanlage
  • bei Weidegang auf Schatten achten
  • erhöhte Gabe von Mineralfutter und Viehsalz: ca. 10%, zusätzlich Salzlecksteine
  • Einsatz von Natriumbicarbonat oder anderen puffernden Produkten: Na-Bicarbonat 150 bis 300 g je Tier u. Tag, andere Produkte nach Herstellerangaben
  • Lebendhefen: Stabilisierung der Verhältnisse im Pansen
  • Faseranteil der Ration reduzieren: ohne die Wiederkäuergerechtheit zu missachten (Grobfutteranteil > 50%).
  • Erhöhung der Energiedichte der Ration: pansenstabile Futterfette, glucoplastische Energieträger wie Propylenglycol und Glycerin, Einsatzmengen je nach Produkt und Herstellerangaben bei 150 bis 800 g je Tier u. Tag
  • Futteraufnahme anregen: mehrmaliges Futteranschieben, Füttern auf zwei oder mehr Mahlzeiten am Tag verteilen
  • Nacherwärmung vermeiden: qualitativ hochwertigste Silagen, konservierende Produkte, z. B. Kaliumsorbat mit 400 g je Tonne, Säure oder Säuremischungen, Dosierungsempfehlungen der Hersteller und futtermittelrechtliche Bestimmungen beachten, Merkblatt Säureeinsatz und Anlage Merkblatt Säure, www.dlg.org/fachinfos-futtermittel_allgemein.html
  • Oxidativen Stress reduzieren: Vitamin E-Zulage ca. 1.000 mg je Tier u. Tag, Selen, ß-Carotin

Fazit

Sommerklima mit hohen Temperaturen ist oft ein unerkanntes Problem besonders für hochleistende Milchkühe, und verursacht wirtschaftliche Verluste. Eine Auswertung von Milchkontrolldaten zeigt einige Folgen von warmen Umgebungstemperaturen. Ab einer Temperatur von 24°C und einer Luftfeuchte von 70 % beginnt Hitzestress für Milchkühe. Durch ihr Verhalten bringen Kühe ihr Unwohlsein zum Ausdruck. Mit Haltungs- und Fütterungsmaßnahmen können Hitzestress und seine Folgen deutlich reduziert werden. Grundvoraussetzung für den Erfolg aller aufgeführten Maßnahmen ist das rechtzeitige Handeln vor dem Eintreten von Hitzestress.

Autorin: Julia Glatz