Viehwaagen

Viehwaage

Die Waagentechnik hat sich in den letzten Jahren weiter entwickelt und damit sind auch neue Einsatzmöglichkeiten erschlossen worden. Elektronische Waagen und die dazugehörigen Auswerteprogramme und Anzeigemöglichkeiten haben lange die Forschungsanstalten und Universitätsinstitute verlassen. In manchen Anwendungen sind sie inzwischen selbstverständlich (Flüssigfütterung). Für den Bereich der Tierwaagen werden einige technische Lösungen und praxistaugliche Anwendungen aufgezeigt.

Bauarten

Früher waren die mechanisch arbeitenden Waagen weit verbreitet. Die Wägelast wird dabei durch ein Hebelwerk untersetzt und durch Gegengewichte in eine Gleichgewichtsstellung gebracht. Aus dieser Bauart ist z. B. die Dezimalwaage bekannt, bei der durch Auflegen von Gewichtsstücken das Gleichgewicht zur Wägelast im Verhältnis 1 : 10 hergestellt wird. In der Regel wird sie nur für kleinere und mittlere Lasten eingesetzt, da sonst das Gegenwicht unhandlich wird.

Bei Laufgewichtswagen wird das Wiegestück auf einem Wägebalken verschoben, bis das Gleichgewicht eintritt. Das Austarieren wird dadurch leichter und schneller möglich als bei Dezimalwaagen. Mechanische Waagen können aber auch mit einer analogen Anzeige ausgestattet sein. Dann wird durch Verdrehen des Zeigers die Masse unmittelbar angezeigt, was den Bedienungskomfort wesentlich verbessert.

Seit einigen Jahren werden zunehmend elektro-mechanische oder elektronische Waagen eingesetzt. Bei dieser Bauart werden die Wägelasten direkt von Wiegezellen aufgenommen. In der Regel handelt es sich um Biegestäben mit aufgeklebten Dehnungsmessstreifen. Die Wägelast verursacht ein leichtes Verbiegen des Biegestabes, wodurch sich der elektrische Widerstand des Dehnungsmesstreifens verändert. Diese elektrische Größe wird umgeformt, elektronisch verstärkt und in einem Prozessrechner direkt in Masseeinheiten (kg) umgerechnet und angezeigt. Ein Austarieren der Wiegung ist damit nicht mehr notwendig. Häufiger Anwendungsfall ist z. B. der Mischbehälter von Flüssigfütterungsanlagen.

Als Zwischenform zwischen mechanischen und elektronischen Waagen sind Hybridwaagen einzuordnen. Sie verfügen noch über das Hebelwerk der mechanischen Waagen, zur Wägung werden aber keine Gewichte aufgelegt, sondern die Last wird von einem Biegestab aufgenommen und weiterverarbeitet wie bei den elektronischen Waagen.

Ausgangspunkt der Wägung ist das Verbiegen der Biegestäbe. Sie müssen also im Bezug auf ihre Länge, ihren Durchmesser, ihrer Anzahl und Materialkennwerte so ausgelegt werden, dass die vorgesehenen und üblichen Wägelasten einerseits eine nennenswerten Verbiegung hervorrufen, andererseits aber keine dauerhafte Verformung nach sich ziehen. Nur so kann man erreichen, dass ein genaues Wägeergebnis erzielt werden kann. Es ist leicht nachzuvollziehen, dass Biegestäbe, die auf drei Tonnen ausgelegt sind, Probleme haben, auch bei 3 kg mit hoher Genauigkeit und großer Auflösung zu reagieren.

Mechanische wie elektronische Wiegesysteme werden in eichfähiger und nicht eichfähiger Ausführung angeboten, wobei die eichfähigen Ausführungen in der Regel deutlich teurer sind. Für den Geschäftsverkehr müssen geeichte Waagen eingesetzt werden, für den innerbetrieblichen Einsatz genügen auch nicht eichfähige Wiegesysteme. Nicht geeichte Waagen müssen als "nicht geeicht" gekennzeichnet sein, was aber nicht heißt, dass diese Waagen nicht genau messen. Sie werden nur vom Eichamt nicht regelmäßig geprüft (geeicht) und letztlich werden dadurch Prüfgebühren eingespart.

Einsatzmöglichkeiten

Viehwaagen können als stationäre, ortsfeste oder als mobile transportable Systeme eingesetzt werden. Ist z. B. in einem Schweinemaststall ein zentral gelegener Ort vorhanden, kann dort eine ortsfeste Waage z. B. als zweites Wiegesystem des Fütterungscomputers aufgebaut werden. Alle ankommenden Ferkelpartien und alle verkaufte Mastschweinegruppen können hier dann verwogen werden zur Kontrolle der Einkaufs- und Verkaufsgewichte. Prinzipiell wären auch Zwischenwägungen möglich, um den Mastverlauf zu kontrollieren und daraufhin die Fütterungsstrategie zu optimieren. Allerdings ist das häufige Treiben der Tiere zeitaufwendig und kann auch zu Einbrüchen bei der täglichen Zunahme führen Aus diesen Gründen ist eine Einzeltierwiegung bei dieser Lösung ebenfalls als nicht praxistauglich anzusehen, obwohl der Informationsgewinn beachtlich wäre.

Günstiger für stationäre Waagen sieht es bei der Milchviehhaltung aus. Hier hat man den Flaschenhals Melkstand, in dessen Abtriebswegen eine Waage untergebracht werden kann. Früher musste die Kuh auf der Waage kurz zum Stehen bleiben gebracht werden (indem die Tore der Waagen kurz geschlossen wurden), damit genaue Wägungen möglich waren. Das hat das zügige Abwandern der Kühe nach dem Melken verzögert und somit den Gruppenwechsel im Melkstand behindert. Moderne Waagen arbeiten so schnell, dass die Kühe hinreichend genau beim Darüberlaufen gewogen werden können. In dieser kurzen Zeit werden die Kühe einige Male gewogen. Anschließend werden in einem Auswerteprogramm nur sinnvolle und logische Werte, die also in der selben Größenordnung wie die letzte Wägung liegen, zu einem Mittelwert verarbeitet (selbstverständlich tarieren sich diese Waagen auch automatisch auf den Nullpunkt aus, so dass Verschmutzungen wie z. B. durch Kot, unberücksichtigt bleiben).

Das absolute Gewicht, vor allem aber die tägliche Gewichtveränderung, können wertvolle Hinweise für die Fütterung, die Tiergesundheit und die Milchleistung geben. Zum Laktationsstart können die Kühe gar nicht soviel fressen, wie sie für ihre Milchleistung benötigen. Sie müssen zusätzlich Körpersubstanz abbauen, sie verlieren also deutlich als Gewicht. Im weiteren Verlauf der Laktation nimmt dann die Milchleistung wieder ab, das Körpergewicht stabilisiert sich und in der zweiten Laktationshälfte nimmt das Körpergewicht wieder zu, häufig sogar in unerwünscht hohem Maße. Durch die Kontrolle des Gewichtsverlaufs kann die Fütterung entsprechend angepasst werden. Zusammen mit anderen Parametern wie Milchleistung, Aktivität (Schrittzahl) und Leitfähigkeit kann das Gewicht als zusätzliche Information genutzt werden, um Krankheiten oder Brunst frühzeitig zu erkennen und geeignete Maßnahmen einzuleiten. Insbesondere in Großbeständen, in denen die hohen Anschaffungskosten einer Tierwaage auf eine große Tierzahl verteilt werden können, ist dann mit relativ geringem Kosten/Tier die Sicherheit der Dateninterpretation am Rechner zu erhöhen.

Wesentlich weiter ist der Einsatz von Tierwaagen in der Mastgeflügelhaltung. Bei Boilern oder Mastputen wird eine Waage im Abteil, in größeren Abteilen auch zwei Waagen, installiert. Die Tiere besteigen die Waagen, ihrem natürlichen Spieltrieb folgend, freiwillig. Anfangs kommt man auf 5000 bis 6000 Wägungen/Tag; am 10. Masttag sind dann häufig noch 2000 Wägungen am Tag zu verzeichnen, die aber auf etwa 200 bis 250 Wägungen am 35. Tag zurückgehen. Die schweren Tiere werden träger und im Mastabteil ist auch am Ende der Mast nicht mehr soviel freie Fläche vorhanden. Durch die Vielzahl der Messungen ist aber trotzdem eine repräsentative Aussage zur Gewichtsentwicklung möglich. Abweichungen von der Soll-Kurve ergeben zusammen mit Futter- und Wasserverbrauch, die ebenfalls gemessen und in einem Rechner zusammengeführt werden, wertvolle und frühzeitige Hinweise auf eventuelle Krankheitseinsbrüche oder auf die Qualität der eingesetzten Futtermittel. Das durchschnittliche Tiergewicht am 27. oder 28. Tag wird von den Schlachtereien genutzt, um den genauen Schlachttermin festzulegen. Der Preis von ca. 1.000 € für eine Waage ist schnell amortisiert.

Im Prinzip ist diese Lösung auch machbar in der Schweinemast. Auch Mastschweine sind aktiv und betreten deine in der Bucht vorhandene Waage. Allerdings ist die Anschaffung mit ca. 10.000 € deutlich teurer und die Möglichkeiten, auf Grund der Gewichtsentwicklung kurzfristig auf sinnvolle Parameter im Produktionsablauf einzugreifen, sind noch nicht ausreichend erforscht und wohl auch nur begrenzt möglich, so dass zurzeit ein schlechtes Kosten-Nutzen-Verhältnis besteht..

Bislang werden stationäre Waagen vereinzelt genutzt, um eine Bucht bei der Mastschweinehaltung oder einige Käfige bei der Legehennenhaltung als repräsentative Gruppe zu wiegen und die gemessenen Ergebnisse auf das ganze Abteil zu übertragen. Die hohen Kosten und der hohe technische Aufwand beschränken aber auch diese Einsätze zunächst auf Forschungseinrichtungen oder Pioniere.

In der Mastschweinehaltung werden dagegen häufig mobile Waagen eingesetzt. Sie sollten klein, leicht und wendig sein damit sie zügig über die Abteilgänge an den jeweiligen Einsatzort gebracht werden können. Dort können dann zu den Schlachtterminen zumindest die Mastschweine, bei denen der Betriebsleiter nicht sicher ist, ob sie schon das passende Gewicht für die gültige Schlachtmaske haben, über die Waage getrieben werden und entsprechend farblich gekennzeichnet und/oder vorsortiert werden. Gerade in Zeiten der enger werdenden Masken und der hohen Abschläge für Tiere außerhalb der Maske kann es lohnend sein, nur passende Tiere zu vermarkten. Nach Berechnung der Erzeugerringe und Arbeitskreise belaufen sich die durchschnittlichen Verluste durch Fehlsortierung auf etwa 2 bis 3 €/Mastschwein. Gelingt es, durch Wiegungen diese Verluste auf durchschnittlich 1 € zu senken, so kann man für ein Abteil von 200 Mastschweinen Verluste von ca. 350 € vermeiden. Für die Wägungen der betreffenden Schweine sind nach Erfahrungen aus der Praxis etwa 2 Arbeitsstunden zu veranschlagen. Die vermiedenen Verluste sichern also einen guten Stundenlohn und eine kurze Amortisationszeit für die Waage.

Fazit

Tierwaagen gibt es in verschiedenen Bauarten und Ausführungen, so dass für die unterschiedlichen Einsatzbereiche auch passende Lösungen gefunden werden können. Haupteinsatz ist die Gewichtsfeststellung beim Ein- und Ausstallen der Tiere. Vor dem Hintergrund der engen Schlachtmasken bei Mastschweinen ist auch hier häufig eine Rentabilität gegeben. Neue Einsatzbereiche werden in der laufenden Überwachung des Produktionsverlaufs erschlossen. Insbesondere in der Mastgeflügelhaltung sind Tierwaagen ein wichtiger Bestandteil des Managements geworden und in führenden Betrieben inzwischen nicht mehr wegzudenken. Für die anderen Tierarten ist das Kosten-Nutzen Verhältnis zur Zeit noch nicht so günstig, aber die Überlegungen zu Qulitätssicherung, Dokumentation der Produktion und die zunehmende Vernetzung der einzelnen Prozessrechner (für Klima, Fütterung, Milchleistung, Auswertung im Büro) begünstigen die Entwicklung.

Autor: Dr. Horst Cielejewski