Blauzungen-Krankheit bleibt aktuell

Mücke der Gattung Culicoides
Einer der natürlichen Überträger des Blauzungen-Virus sind kleine, 1–3 mm lange Mücken der Gattung Culicoides.

Seit August 2006 verursacht die Blauzungenerkrankung große Probleme für die Tierhaltung insbesondere in NRW. Betroffen sind alle Tierhalter, die Rinder, Schafe, Ziegen oder Wiederkäuer in Gehegen halten. Sie können ihre Tiere nur unter Auflagen und Verbringungsregelungen, die von der EU vorgegeben sind, in Virus-freie Gebiete transportieren. Es ist abzuwarten, ob der Ausbruch der Blauzungenkrankheit ein einmaliges Ereignis ist oder sich die Erkrankung dauerhaft nördlich der Alpen etabliert. Dr. Johannes Winkelmann und Dr. Wilfried Adams, Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, mit den Einzelheiten.

Das Virus, ein Orbivirus, wurde in Deutschland erstmals am 20. August 2006 im Bereich des Dreiländerecks Niederlande, Belgien, Deutschland nachgewiesen. Erstmalig wurde der Virus-Serotyp 8 in Europa festgestellt, der bislang nur südlich der Sahara beschrieben wurde. Der Virus der Blauzungenkrankheit – die Abkürzung BTV kommt aus dem Englischen, Bluetongue-Virus, vermehrt sich in Insekten der Gattung Culicoides (Gnitzen). Der Stich durch diese Gnitzen überträgt das Virus und führt zur Infektion der Tiere. Es sind keine fremden Gnitzen-Arten eingeschleppt worden, sondern die hier vorkommenden Arten haben sich mit dem Virus infiziert und das Virus vermehrt. Drei bis zwölf Tage nach dem Stich der Mücke zeigen die infizierten Tiere erste Krankheitszeichen: Entzündliche Rötung der Nasen- und Mundschleimhäute, Ödeme im Kopfbereich an Augenlider, Nasenrücken, Lippen, starkes Speicheln und wässriger, zum Teil schleimiger Ausfluss.

Das Virus ist im Blut von Schafen bis zu 60 Tagen nachweisbar, Antikörper sind schon sieben Tage nach der Infektion nachzuweisen. Mit der sensiblen PCR-Methode kann bei Schafen bis 100 Tage und bei Rindern bis 220 Tage nach der Infektion die Virusstruktur festgestellt werden, wobei davon auszugehen ist, dass diese Virusstrukturen nicht mehr ansteckend sind.

Wie ist das Virus eingeschleppt worden?

Da der Typ 8 des Blauzungenvirus auch in den Mittelmeerländern bislang noch niemals nachgewiesen wurde, wird darüber spekuliert, wie dieser Virustyp nach Deutschland, Holland und Belgien gelangen konnte. Wichtig zu wissen ist:

  • Sind infizierte Tiere aus Regionen importiert worden, in denen der Typ 8 vorkommt?
  • Sind infizierte Gnitzen mit nicht empfänglichen Tieren, wie zum Beispiel Pferden, oder mit dem Wind in die Region verbracht worden?
  • Erfolgte die Einschleppung über Samen, Eizellen oder Embryonen?

Keine der drei Möglichkeiten ist bislang sicher nachzuweisen, so dass der Einschleppungsweg nach wie vor unklar bleibt. Welche Gnitzen verbreiten also die Blauzungenkrankheit und auf welchem Wege?

In Deutschland wurden aus heimischen Culicoides obsoletus und in den Niederlanden auch aus Culicoides dewulfi das Virus isoliert. Diese Arten haben sich als sehr effektive Virusüberträger herausgestellt und können von April bis Oktober flugaktiv sein. Der Höhepunkt der Flugaktivität liegt im Juni und September, wobei die Aktivität durch hohe oder niedrige Tagestemperaturen beeinflusst wird. In den Gnitzen vermehrt sich das Virus optimal bei 25 °C bis 30 °C. Unter 15 °C findet in den Mücken keine nennenswerte Virusvermehrung mehr statt. Sind die Gnitzen einmal infiziert, können sie lebenslang das Virus übertragen, wobei die Übertragung von der Gnitze als Vektor auf Schaf, Rind oder andere Wiederkäuer sehr effektiv ist. Ein Mückenstich reicht für die Infektion aus. Die Gnitzen vermehren sich je nach Art in Feuchtgebieten mit stehendem Gewässe, einzelne Arten auch im Kot von Tieren.

Fälle im Herbst 2007

Die hauptsächliche Ausbreitung der Gnitzen erfolgt durch Windverwehungen. Da in der hiesigen Region vorwiegend eine Westwindlage herrscht, kam es zur Ausbreitung der Erkrankung aus dem Raum Aachen in östliche Richtungen mit einer Häufung von Infektionsfällen im Bergischen Land. Auch in den Nachbarländern war eine deutliche Zunahme der gemeldeten Krankheitsfälle festzustellen.

Anzahl der Fälle von Blauzungenkrankheit in Nordrhein-Westfalen, März 2008

Regierungsbezirk Zahl der Fälle Veränderung
zum Februar
RB Arnsberg 2.682 + 91
RB Detmold 2.026 + 2
RB Düsseldorf 1.672 + 2
RB Köln 1.548 + 51
RB Münster 2.557 + 48
NRW gesamt 10.485 + 194

Was wird getan?

NRW ist in 15 geographische Einheiten mit einer Fläche von je rund 2 000 km² eingeteilt. In diesen geographischen Einheiten wird eine bestimmte Zahl Blauzungen-freier Tiere, so genannte Sentineltiere, bei denen das Virus negativ und der Antikörper ebenfalls negativ sind, ab März bis Oktober monatlich mittels Blutprobe auf das Vorkommen von Neuausbrüchen untersucht. So soll festgestellt werden, ob, wann und wo neue Blauzungenkrankheitsfälle auftreten. Gleichzeitig wird ein so genanntes entomologisches Monitoring durchgeführt, um die Gnitzenarten zu bestimmen, in denen das Virus möglicherweise nachgewiesen werden kann. Hierzu sind Insektenfallen aufgestellt worden, in denen die Gnitzen gefangen werden. Dieser Mückenfang erfolgt auch von April bis voraussichtlich Oktober. Weiterhin wird ein Wildtiermonitoring durchegführt, bei dem insgesamt rund 2 000 Wildwiederkäuer auf Blauzungenvirus untersucht werden sollen.

Gesamt NRW ist zum Gefährdungsgebiet (20 km-Zone) erklärt: Wenn empfängliche lebende Tiere in freie oder in Beobachtungsgebiete verbracht werden sollen, müssen bestimmte Voraussetzungen hinsichtlich Insektizid-Behandlung und Untersuchung erfüllt werden. Die einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen sind zum Beispiel auf der Internetseite des MUNLV NRW nachzulesen. Änderungen dieser Vorgaben sind aber jederzeit möglich, da aus Brüssel neue Anpassungen kommen können.

Gibt es Perspektiven?

Es ist mit neuen Neuausbrüchen der Blauzungenkrankheit nach allgemeiner Einschätzung zu rechnen. Die Möglichkeiten einer effektiven Bekämpfung sind zur Zeit noch als mäßig einzuschätzen, da die zur Verfügung stehenden Insektizide keinen 100-prozentigen Schutz der Tiere vor den Gnitzen bieten und mehrfache Insektizidbehandlung das Risiko der Resistenzbildung bei den Gnitzen in sich tragen. Ein Impfstoff gegen den hiesigen Serotyp 8 ist in der Entwicklung und soll möglicherweise in 2008 zur Verfügung stehen.

Informationen zu den Restriktionen in NRW finden Sie beim Ministerium für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen (MUNLV). Einen Überblick zum Krankheitsbild liefert das Faltblatt des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI), Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit.

  • Vortrag zur Blauzungenkrankheit bei Rind und Schaf (Stand: 10 / 2009)

Auf Wunsch schicken wir Ihnen den Vortrag gerne per E-Mail zu. Schreiben Sie bitte an stefan.bohres@lwk.nrw.de.

Autor: Dr. Johannes Winkelmann