Fruchtbarkeitsstörungen bei Schaf- und Ziegenböcken

Bedeutung und Vorkommen

Der Schaf- und Ziegengesundheitsdienst wird jährlich im Vorfeld von Auktionen und bei Einzeltierverkäufen mit der andrologischen Untersuchung von ca. 250 bis 300 Schaf- und Ziegenböcken beauftragt. Im wesentlichen geht es darum, durch eine spezielle Untersuchung der äußeren Geschlechtsorgane, d. h. von Hodensack, Hoden, Nebenhoden, Samensträngen, Penis und Vorhaut, Mängel zu erkennen, die die Zuchttauglichkeit der Böcke beeinflussen können.

Die Auswertungen der letzten Jahre demonstrieren, dass über 3% der vorgestellten Tiere Kleinhodigkeit bzw. Hodenasymmetrien sowie Samenstauung aufwiesen, die zum Ausschluß der Tiere aus der Zucht führten.Die klinischen Erscheinungen und die Ursachen dieser Veränderungen sollen nachstehend dargestellt werden.

Physiologische Grundlagen:

Die im Hodensack gelagerten, paarigen Hoden haben beim Schafbock ein Gewicht von 220 - 350 g bei einer Größe von 10 x 6 x 4 cm, beim Ziegenbock weisen sie ein Gewicht von 95 - 150 g bei einer Größe von10 x 5 x 4 cm auf.

Beim gesunden Tier dienen die symmetrischen Hoden der Bildung der männlichen Samenzellen, der Spermien. Gleichzeitig werden hier Hormone produziert, insbesondere das für die Libido verantwortliche männliche Geschlechtshormon Testosteron.

Die den Hoden eng angelagerten paarigen Nebenhoden bestehen aus drei Anteilen:

  1. den Nebenhodenköpfen, die den Hoden beidseitig aufliegen und knapp walnussgroß sind,
  2. den Nebenhodenkörpern, die parallel zueinander in der Senkrechten verlaufend an der hinteren Berührungsfläche der Hoden positioniert sind; sie bilden eine kaum fühlbare strangförmige Verbindung zu den
  3. Nebenhodenschwänzen, die als ca. kleinhaselnußgroße, längsovale, derbe Gebilde den Hoden unten anhaften.

Die Nebenhoden bestehen aus einem engen, teilweise in Schlingen liegendem Kanalsystem, welches beim kleinen Wiederkäuer eine Länge von 47 bis 52 m erreicht. Sie übernehmen die Aufgabe der Reifung, Ernährung sowie Speicherung der Spermien vor der Ejakulation und sind somit auch für die spätere Beweglichkeit der Spermien verantwortlich.

Klinische Erscheinungen bei der Kleinhodigkeit:

Die Entwicklungsstörung fällt dem Tierbesitzer häufig erst beim Erreichen der Geschlechtsreife (Ziege: 7 Monate / Schaf: 10 Monate) oder beim direkten Grössenvergleich mit den Keimdrüsen geschlechtsgesunder Altersgenossen auf.

Wie aus der Bezeichnung ableitbar, sind die Hoden ein- oder beidseitig zu klein, d. h. nicht dem Alter der Böcke entsprechend entwickelt. Je nach Grad der Entwicklungsstörung zeigen die Böcke eine mehr oder weniger stark beeinträchtigte sexuelle Aktivität.

Bleiben die Hoden trotz guter Ernährung bzw. ungestörter körperlicher Entwicklung von der Geburt an in der Größe zurück, handelt es sich um eine sog. Hodenhypoplasie. Sie kann einerseits genetisch bedingt sein (z. B. Inzucht), andererseits aber auch auf äussere Einflüsse (z. B. Pilzgifte, Schwermetalle) zurückgeführt werden. Beim Abtasten fühlt sich das physiologischerweise elastische Drüsengewebe der Hoden hart an.

Fruchtbarkeitsstörungen
Linker Ziegenbock der WDE mit Hodenhypoplasie

Erreichen die Hoden zunächst ihre normale Grösse und beginnen später zu schrumpfen, handelt es sich um eine ein- oder beidseitige Hodenatrophie.

Ursächlich kommen akute oder chronische Hodenentzündungen nach äusseren Einwirkungen, Infektionen, hormonellen Störungen oder nach Fütterungsfehlern in Betracht. Die Konsistenz des Hodengewebes erscheint weich-gummiartig.

Bei einer einseitigen Entwicklungsstörung (Diagnose im Zweifelsfall durch Rechts-Links-Vergleich beim Abtasten) spricht man bei der Hypoplasie und Atrophie von einer Hodenasymmetrie. Ohne exakten Vorbericht erlaubt der Tastbefund jedoch nicht immer eine klare Zuordnung.

Klinische Erscheinungen bei der Samenstauung:

Die sog. "Samenstauung" findet man bei jungen, noch nicht geschlechtsreifen Schaf- und Ziegenböcken, nicht selten entwickelt sie sich aber auch in einem späteren Lebensalter, nachdem die Tiere über mehrere Jahre ohne Beanstan- dung im Zuchteinsatz waren. Beim Ziegenbock gilt die Samenstauung als wichtigste Ursache der Unfruchtbarkeit; 60 bis 80 % aller sterilen Böcke sollen davon betroffen sein. Bei Schafen wird eine Rassedisposition (erhöhte Anfälligkeit bei Grauen Gehörnten Heidschnucken, Merionfleischschafen) beschrieben. Ursächlich werden nach derzeitigem Kenntnisstand nichtinfektiöse und infektiöse Faktoren genannt, wobei in der Praxis meist keine eindeutige Einstufung möglich ist.

Zu den nichtinfektiösen Ursachen zählen erblich bedingte Verlegungen bzw. Engpässe im Kanalsystem des Nebenhodens, aber auch äussere Einflüsse wie Hornstösse oder Hundebisse kommen infrage.

Neben Chlamydia psittaci und Actinobacillus seminis wird in Deutschland insbesondere Brucella ovis als infektiöse Komponente für die Samenstauung verantwortlich gemacht. Bei der Übertragung soll auch das weibliche Tier eine Rolle spielen, wenn es zuvor von einem infizierten Bock gedeckt wurde. Übersichtsuntersuchungen bei Bergschafen in Österreich zeigten, dass sich bei etwa 10 % der Widder im Serum Antikörper gegen Brucella ovis nachweisen liessen.

Die genannten bakteriellen Infektionen rufen entzündliche Veränderungen im oben genannten, weitläufigen Kanalsystem des Nebenhodens hervor, so dass es zu Verstopfungen der Kanälchen kommt. Die daraus resultierende Samen- stauung führt zu tastbaren, selten schmerzhaften Verdickungen, die sich als unregelmäßige, erbsen- bis walnussgroße, knotige Verdickungen am Nebenhodenkopf oder -schwanz zu erkennen geben. Die Veränderungen treten in 90 % der Fälle einseitig auf. In ausgeprägten Fällen lassen sich die Veränderungen schon bei oberflächlicher Betrachtung des Bockes von der Seite erkennen, da der zugehörigen Spermien-produzierende Hoden nach anfänglicher akuter Schwellung später infolge des erhöhten Innendruckes und der damit einhergehenden Zerstörung des Spermienproduzierenden Gewebes schrumpft (sog. "Druckatrophie").

Beurteilung:

Bei der spermatologischen Untersuchung betroffener Böcke mit einer hochgradigen Hodenhypoplasie oder Hodenatrophie lassen sich i. d. R. im wässrigen Ejakulat keine oder nur sehr wenige Samenzellen feststellen. Die Böcke sind daher meist unfruchtbar.

Weniger gravierende Abweichungen von der physiologischen Norm bzw.eine einseitige Samenstauung führen zu geringeren Ejakulatvolumina, welche mit einer geringeren Spermiendichte, einer deutlich reduzierten Beweglichkeit der Samenzellen und einem höheren Anteil mißgebildeter Samen zellen gekoppelt sind. Das Befruchtungsvermögen derartiger Böcke ist lediglich eingeschränkt, d. h. eine gewisser Prozentsatz der gedeckten Ziegen nimmt auf.

Um genetischen Defekten vorzubeugen und eine Erregerübertragung durch infizierte Böcke bzw. die von ihnen gedeckten, klinisch unauffälligen Muttertiere zu verhindern, müssen grundsätzlich alle betroffenen Böcke von der Zucht ausgeschlossen werden.

Autor: Dr. Wilfried Adams