Informationen zum Schmallenberg-Virus

Rindergesundheitsdienst

Das Schmallenberg-Virus ist ein neues Virus in Europa. Nachweise einer Infektion gibt es bis jetzt von Rindern, Schafen und Ziegen.

Die ersten Hinweise auf ein neues Virus bei Rindern gab es seit Ende August 2011 in Rinderherden im deutsch-niederländischen Grenzgebiet. Milchviehhalter aus dieser Region berichteten übereinstimmend, dass bei einzelnen Kühen starker Milchleitungsabfall (bis 50%), Fieber bis 41,0 ° C. und Abgeschlagenheit beobachtet wurde. Bei der Untersuchung dieser Fälle konnten bekannte Ursachen wie z.B.: Blauzunge etc. ausgeschlossen werden. Nach Rücksprache mit dem Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) wurden gezielt Betriebe besucht, die über ein aktuelles Krankheitsgeschehen klagten. Gleichzeitig wurden auch Proben zur BTV 8-Diagnostik eingesandt, die an den Untersuchungsämtern negativ untersucht worden waren. Aus diesen Proben gelang es Mitarbeitern des FLI Mitte November ein neues Virus zu isolieren. Das Virus wurde nach dem Ort der Probenherkunft Schmallenberg-Virus getauft. Insgesamt wurden aus fünf akut betroffenen Betrieben 25 Proben eingesandt. Von diesen Proben waren 7 Kühe Virus positiv. Die erste Probe wurde am 7. September, die letzte Probe am 7. November positiv auf Schmallenberg-Virus getestet. Im weiteren Verlauf wurden niederländische Proben aus demselben Zeitraum mit ähnlichem Vorbericht untersucht. Hier waren 18 von 50 untersuchten Proben positiv. Eine direkte Übertragung von Tier zu Tier ist nicht möglich, es bedarf immer eines stechenden Insektes.

Krankheitsanzeichen bei Milchkühen

Die sieben positiv getesteten Milchkühe haben alle einen starken Milchleitungsabfall um bis zu 50% gezeigt. Gleichzeitig ist die Tagesleistung der Herde für 10 - 14 Tage um 10 bis 15% gefallen. Am Tag der Probenentnahme konnte nur bei einem Tier Fieber festgestellt werden. Weitere Symptome waren Trägheit, Lahmheiten, teilweise verminderte Futteraufnahme. Nach 5 - 7 Tagen waren die Symptome bei 6 Tieren wieder verschwunden. Von den niederländischen Kollegen wurde in den betroffenen Beständen bei vielen Tieren wässriger Durchfall beobachtet. Das FLI konnte an drei künstlich infizierten Tieren zeigen, dass nur vom zweiten bis zum fünften Tag Virus im Blut nachweisbar ist. Es ist zu vermuten, dass bei den meisten Tieren die Infektion unbemerkt verläuft. Dies bestätigen auch erste serologische Tests.

Von den Infektionen mit anderen Akabane-Viren ist bekannt, dass ungeborene Kälber bei einer Infektion der Mutter großen Schaden nehmen können. In Einzelfällen wurden für Akabane-Viren auch Hirnhautentzündungen bei erwachsenen Tieren beschrieben. Für das Schmallenberg-Virus ist ähnliches zu erwarten. In wenigen Fällen wurden Missbildungen bei Kälbern auch schon in Deutschland und den Niederlanden beobachtet worden.

Infektion tragender Tiere

Viren aus dem Akabane-Komplex sind dafür bekannt, dass bei Infektionen in bestimmten Phasen der Trächtigkeit der Fetus stark geschädigt wird. Bei der Infektion tragender Tiere sucht das Virus aktiv die Gebärmutter auf und befällt das ungeborene Kalb. In der Folge kann es zu Fruchtresorption, mumifizierten Feten, Aborten, Totgeburten oder der Geburt von missgebildeten Kälbern kommen. Eine Verlängerung der Tragzeit ist ebenfalls beschrieben. Die Missbildungen betreffen die Gliedmaßen, Wirbelsäule und das Gehirn. Die Kälber werden teilweise lebend geboren und sterben kurz nach der Geburt oder müssen eingeschläfert werden.

Kälber mit Hirnmissbildungen können unter Umständen selbstständig stehen und laufen, aber zeigen insgesamt ein abnormes Verhalten. Mögliche Symptome für eine Hirnmissbildung sind: herabgesetzter Saugreflex, Blindheit, gestörte Wahrnehmung der Umwelt, zielloses umherlaufen, Bewegungsstörungen und vieles mehr. Werden Kälber kurz vor der Geburt infiziert, können Symptome ähnlich einer Hirnhautentzündung auftreten.

Einige dieser Symptome konnten bei vorrangig bei Schaflämmern, aber auch bei Kälbern in der letzten Zeit beobachtet werden, wobei nicht immer eine eindeutige Zuordnung zum Schmallenberg-Virus möglich war. Zur weiteren Erforschung der Krankheit ist daher die Untersuchung vieler Totgeburten, Missbildungen und verhaltensauffälligen Kälbern notwendig.

Infektionsweg

Eine Übertragung von Tier zu Tier ist nicht möglich. Das Schmallenberg-Virus wird von Gnitzen und anderen Stechinsekten übertragen. Die Entwicklung der Gnitzenpopulation ist stark an die Jahreszeit gekoppelt. Optimale Bedingungen für die Vermehrung dieser Insekten ist ein feuchter Sommer. Unter diesen Bedingungen kommt es zu einer massenhaften Vermehrung der übertragenden Insekten.

Behandlung und Vorbeugung

Eine direkte Behandlung von mit Schmallenberg-Virus infizierten Tieren steht nicht zur Verfügung. Es kann lediglich eine begleitende Behandlung zur Linderung der Symptome wie Fieber und Abgeschlagenheit durchgeführt werden. Eine Impfung ist prinzipiell möglich und steht auch in Japan und Australien gegen andere Akabaneviren zur Verfügung. In Europa gibt es zurzeit keinen zugelassenen Impfstoff. Der australische oder japanische Impfstoff ist gegen das Schmallenberg-Virus wirkungslos, da die antigenetische Verwandtschaft nicht gegeben ist.

Zum Schutz tragender Tiere im empfiehlt es sich ein mückenabwehrendes Mittel ( Repellent) anzuwenden, ähnlich der Maßnahmen gegen Infektionen mit dem Blauzungenvirus.

Diagnostik

Zurzeit ist nur der direkte Nachweis des Virus möglich. Bei erwachsenen Tieren wird der Nachweis aufgrund der kurzen Verweildauer des Virus im Blut in vielen Fällen nicht gelingen. Bei Kälbern mit Missbildungen oder Verhaltensauffälligkeiten ist zum jetzigen Kenntnisstand der Virusnachweis im Gehirn am aussichtsreichsten. Dazu müssen die Kälber in den staatlichen Veterinäruntersuchungsämtern seziert werden

In näherer Zukunft wird es auch einen Test auf Antikörper gegen das Schmallenberg-Virus geben. Mit diesem Test kann bei einem Abort oder der Geburt abnormaler Kälber Blut der Mutter untersucht werden und eine Infektion nachgewiesen werden.

Vorgehen bei Verdacht auf eine Infektion mit dem Schmallenberg-Virus:

Treten in einem Bestand Aborte auf oder werden abnormale Kälber geboren, sollten in Zusammenarbeit mit dem Hoftierarzt oder dem Tiergesundheitsdienst die Ursache geklärt werden. Dazu müssen auch Untersuchungen auf andere Erreger vorgenommen werden, dazu gehören unter anderem Aborterreger wie: BVD/MD, BHV 1, Q-Fieber, Neospora canimum und Chlamydien. Begründete Verdachtsfälle auf eine Infektion mit Schmallenberg-Virus sollten dem Veterinäramt gemeldet werden.

Seit wann gibt es das Virus in Europa und wie ist es hier her gekommen?

Das Schmallenberg-Virus wurde im Herbst 2011 zum ersten Mal nachgewiesen. Wann das Virus nach Europa gekommen ist, ist unklar. Es ist denkbar, dass das Virus schon länger hier war, aber erst dieses Jahr, aufgrund günstiger klimatischer Bedingungen für die übertragende Gnitze, sich massenhaft ausbreiten konnte. Die Verbreitungsgeschwindigkeit des Virus war im Vergleich zur Blauzungenkrankheit offensichtlich sehr schnell, so dass jetzt NRW komplett und Teile von Hessen und Niedersachsen sowie die Niederlande und Belgien betroffen sind. Wie das Virus nach Europa gekommen ist muss in weiteren Untersuchungen geklärt werden.

Ausblick

Es ist noch nichts bekannt über die Fähigkeit des Virus oder der Gnitzen den Winter zu überstehen. Es muss auch im nächsten Jahr mit einem erneutem Auftreten des Schmallenberg-Virus gerechnet werden. Tiere, die sich im diesen Jahr infiziert haben, sollten gegen eine erneute Infektion geschützt sein.

Das Friedrich-Loeffler-Institut veröffentlicht regelmäßig aktuelle Informationen zum Schmallenberg-Virus:

Autor: Dr. Mark Holsteg