Ein- oder zweiphasige Trockensteherfütterung?

Rinder im Stall

Ein- oder zweiphasige Trockensteherfütterung?

Aus Gründen der Betriebsorganisation sowie ungünstiger Stallkonzepte verzichten einige Landwirte auf die differenzierte Versorgung der Trockensteher. Stattdessen setzen sie eine mit Stroh verdünnte Ration der laktierenden Kühe über die gesamte Trockenstehzeit ein. Der mittlere Energiegehalt einer solchen Ration bewegt sich in Abhängigkeit der Energiedichte der Ausgangsration und des tatsächlichen Strohanteils zwischen 5,8 und 6,2 MJ NEL/kg TM. Dadurch ändern sich weder die Futterkomponenten in der Trockenstehzeit noch ist der Wechsel in eine andere Gruppe in der Trockenstehzeit erforderlich. Es stellt sich die Frage, ob eine solche Vorgehensweise zu vergleichbaren Leistungen wie die zwei geteilte Fütterung der Trockensteher führt.

In einem Versuch in der Landesanstalt für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau Sachsen-Anhalt, Iden wurden die Effekte einer zweiphasigen und einer einphasigen, verkürzten Trockensteherfütterung auf Milchleistung, Futteraufnahme und Stoffwechselgesundheit verglichen (Engelhard u. a., 2007). In jeder Gruppe befanden sich 40 Kühe der Rasse DH, die sich bezüglich ihrer Vorleistungen nicht unterscheiden. In die Auswertungen wurden weitere 23 Kühe aufgenommen, die wegen geringer Leistung, hoher Zwischentragezeiten oder zu üppiger Körperkondition früher trocken gestellt wurden. Vor dem Trockenstellen lagen die Milchleistungen der einphasigen und zweiphasi-gen Trockenstehergruppen bei jeweils etwa 20 kg ECM je Tier und Tag. Für die ein-phasige, verkürzte Trockenstehergruppe bedeutet dies ein Mehrertrag von 420 kg Milch je Kuh gegenüber der zweiphasigen, normalen Trockenstehergruppe. Die Milchleistung der Tiere mit verlängerter Trockenstehzeit war mit 9 kg ECM pro Kuh und Tag wesentlich geringer. Über die Milchleistung und Futteraufnahme nach der Kalbung gibt die Tabelle 1 Auskunft.

Nach der Kalbung gaben die Kühe der einphasig kurzen Trockenstehergruppe ge-genüber der zweiphasig normalen Trockenstehzeit weniger Milch bei gleichzeitig höheren Eiweißgehalten. Bei den Tieren mit verlängerter Trockenstehzeit zeigen die Milchfett- und geringeren Milcheiweißgehalte eine schlechtere Versorgungslage der Tiere an, die auch in den reduzierten Futteraufnahmen zum Tragen kommt. Die Energieaufnahmen variieren bei gleichen Gehaltswerten des Futters ausschließlich über die unterschiedlichen Futteraufnahmen. Die beschriebenen Differenzen ergaben sich vor allem in den ersten 50 Laktationstagen. Da die höhere Milchleistung der zweiphasig normal trocken gestellten Tiere nicht mit einer höheren Futteraufnahme einhergeht, kommt es hier zu einer stärkeren negativen Energiebilanz im Vergleich zu den Tieren mit der kurzen Trockenstehzeit. Eine noch stärkere negative Energiebilanz zeigte sich bei den Tieren mit verlängerter Trockenstehphase. Die Entwicklung der Lebendmasse im Zeitraum Kalbung bis 28. Laktationstag spiegelt das unterschiedliche Ausmaß der negativen Energiebilanzen wieder.

Auch in den Stoffwechselparametern wie Ketonkörper und die Freien Fettsäuren im Blut zeigten sich die unterschiedlichen Belastungssituationen. Die Tiere mit kurzer bzw. normaler Trockenstehdauer zeigten Belastungen im Grenzbereich des Physio-logischen an. Die Unterschiede waren nicht signifikant, höhere bzw. erhöhte Werte traten wechselnd zwischen den Gruppen auf. Im Gegensatz hierzu hatten die Tiere mit verlängerter Trockenstehzeit zu allen Messzeitpunkten signifikant höhere und zum Teil stark überhöhte Messwerte, die auf eine akute Acetonämie hindeuten. Eine deutlich ausgeprägte Brunst trat in der Gruppe einphasig kurz nach 47 Tagen, in zweiphasig normal nach 53 Tagen und in zweiphasig verlängert nach 57 Tagen auf. Bis zum 100. Laktationstag ergaben sich Trächtigkeitsraten von 88 %, 74 % und 65 % in Abhängigkeit der Trockensteherfütterung.

Ein weiterer Versuch zu der Fragestellung wurde im Versuchs- und Bildungszentrum Landwirtschaft Haus Riswick von April bis Oktober 2012 mit 2 x 50 trockenstehenden Kühen der Rasse Deutsche Holstein durchgeführt. Der Prüfzeitraum dauerte vom Beginn der Trockenstehzeit bis zum 49. Laktationstag. In der Gruppe „einphasig“ erhielten die Kühe eine mit Stroh verdünnte Ration der laktierenden Kühe über die gesamte Trockenstehzeit. In der Gruppe „zweiphasig“ wurde bis 14 Tage vor dem Kalbetermin eine Mischration aus Grassilage, Maissilage, Stroh und Mineralfutter verabreicht. In der Vorbereitungsphase wurde eine mit Konzentratfutter angereicherte Ration verfüttert.

Die durchschnittliche Trockenstehdauer betrug in beiden Futtergruppen sieben Wo-chen. Im Mittel der Trockenstehzeit haben die einphasig versorgten Tiere eine tägliche TM-Aufnahme von 13,5 kg erzielt (s. Tabelle 2). Mit 11,1 kg TM fressen die Tiere der zweiphasigen Versorgung signifikant weniger. Die geringere Trockenmasseaufnahme führt zu einer signifikant niedrigeren Nährstoff- und Energieaufnahme. Be-züglich der Lebendmasse bestehen keine Unterschiede. Einphasig versorgte Tiere bringen Kälber mit einer um 3,5 kg höheren Lebendmasse zur Welt (47,6 kg vs. 44,1 kg).

In den ersten 49 Laktationstagen bestehen zwischen einphasig oder zweiphasig versorgten Tieren keine Unterschiede in der Wasser-, Futter-, Nährstoff- und Energieaufnahme (s. Tabelle 3). Ebenso bestehen keine Unterschiede bei der Milchmenge und dem Milchfettgehalt. Bezüglich des Milcheiweißgehaltes haben die zweiphasig gefütterten Tiere mit 3,29 % einen signifikant höheren Wert als die Tiere der Gruppe einphasig. Die Lebendmassen der einphasig versorgten Tiere sind geringer als die der zweiphasig gefütterten Kühe. Der geburtsnahe Zeitraum ist durch sehr dynamische Prozesse hinsichtlich Futter- und Nährstoffaufnahme sowie Auf- und Abbau von Körpermasse und Entwicklung der Milchabgabe gekennzeichnet, so dass diese Größen im zeitlichen Verlauf dargestellt werden. Wie der Abbildung 1 entnommen werden kann, ist die Entwicklung der Futteraufnahme in der Trockenstehphase zwischen den beiden Futtergruppen sehr verschieden. Bei den einphasig versorgten Tieren ist über die gesamte Trockenstehdauer eine abnehmende TM-Aufnahme zu beobachten, wobei der Rückgang insbesondere in der letzten Woche vor der Kalbung besonders groß ausfällt. Zweiphasig gefütterte Kühe zeigen mit Beginn der Vorbereitungsfütterung einen deutlichen Anstieg der TM-Aufnahme. Auch bei diesen Kühen sinkt in der letzten Woche vor der Kalbung die Futteraufnahme ähnlich stark wie bei der einphasigen Fütterung. Wegen der höheren Nährstoffkonzentration der Vorbereitungsration und der höheren Futteraufnahme in den letzten 14 Tagen vor der Kalbung ergibt sich insgesamt eine bessere Energie- und Nährstoffversorgung der zweiphasig gefütterten Tiere im geburtsnahen Zeitraum. Der Verlauf der Futteraufnahme nach der Kalbung unterscheidet sich zwischen den Gruppen nicht.

Die unterschiedliche Futteraufnahme vor der Kalbung hat eine differente Entwicklung der Lebendmasse zwischen den beiden Gruppe zur Folge (s. Abbildung 2). Einphasig versorgte Tiere nehmen vor der Kalbung 13 kg mehr an Lebendmasse zu als die Tiere der Gruppe zweiphasig. Des Weiteren zeigt die Gruppe einphasig eine um 10 kg höhere Mobilisation von Körpermasse nach der Kalbung. Der Auf- und Abbau von Körperreserven ist dem-nach im einphasigen Fütterungskonzept stärker ausgeprägt. Bei dieser Fütterung ergibt sich zusätzlich eine Abhängigkeit der Lebendmasseänderung in der Trocken-stehperiode von der Länge der Trockenstehzeit. Der große Auf- und Abbau von Kör-permasse im einphasigen Fütterungskonzept spiegelt sich auch in signifikant höhe-ren Blutwerten hinsichtlich FFS und β-HBS wider (s. Abbildung 3). Insbesondere im geburtsnahen Zeitraum überschreiten die einphasig versorgten Tiere die Referenz-bereiche für FFS und β-HBS deutlich öfter als die Tiere der zweiphasigen Fütterung. Diese höhere ketogene Belastung hatte auch zur Folge, dass die Tiere aus der einphasigen Gruppe häufiger und zum Teil mehrfach gegen Ketose durch Glucoseinfusionen tierärztlich behandelt werden mussten. Die Milchfieberhäufigkeit war dagegen verringert, was durch die abfallende Calciumaufnahme zur Kalbung, ausgelöst durch eine geringere Trockenmasseaufnahme, erklärt werden kann.

Bestehen Unterschiede in den Futterkosten?

Im einphasigen Konzept besteht ein höherer Futterverbrauch im Durchschnitt der Trockenstehzeit. Hinzu kommt, dass die verabreichte Ration einen höheren Konzentratanteil im Vergleich zur Ration der frühen Trockenstehphase der zweiphasigen Variante aufweist. Bewertet man die Futtermittel mit den derzeit geltenden Preisen und Kosten ergeben sich etwa 20,- € höhere Futteraufwendungen je Trockenstehperiode für die einphasige Vorgehensweise. Einzelbetrieblich ist zu prüfen, ob diesen Mehraufwendungen Einsparungen auf Grund vereinfachter Arbeitsabläufe gegenüber stehen.

Dies bleibt festzuhalten

  • Die einphasige Trockensteherfütterung führt zu höherer Trockenmasse-, Nährstoff- und Energieaufnahme im Mittel der Trockenstehzeit.
  • Bei der zweiphasigen Fütterung kommt es mit Umstellung auf die Vorbereitungsration zu einer deutlichen Erhöhung der Futteraufnahme, so dass in den letzten 14 Tagen vor der Kalbung zweiphasig versorgte Kühe eine höhere Fut-ter- und Nährstoffaufnahme besitzen.
  • Die Lebendmassezunahme und die Geburtsgewichte der Kälber sind im ein-phasigen Fütterungskonzept erhöht. Die Lebendmassezunahme ist bei dieser Vorgehensweise zudem von der Länge der Trockenstehphase abhängig.
  • Bezüglich der Futteraufnahme nach der Kalbung, der Milchmenge und der Mil-chinhaltsstoffe ergeben sich keine gravierenden Unterschiede zwischen den Fütterungsstrategien.
  • In der Trockenstehzeit einphasig gefütterte Tiere zeigen nach der Kalbung eine größere Mobilisation von Körperreserven, was in höheren Werten für Freie Fettsäuren und Betahydroxybutyrat im Blut zum Ausdruck kommt. Demnach ist die ketogene Belastung dieser Tiere höher.
  • Wenn eine einphasige Trockensteherfütterung praktiziert wird, sollte die Trockenstehzeit auf maximal sechs Wochen begrenzt sein.