Grassilage: Hohe Verdaulichkeit sichern

Grassilage ernten

Die Tierernährer haben aufgrund vieler Versuche klare Vorstellungen darüber, welche Qualitätskriterien bei Grassilage zu berücksichtigen sind. Dabei gelten für Grassilagen für die Milchproduktion und Rindermast folgende Zielvorgaben:

30 – 40 % Trockenmasse (TM)
< 10 % Rohasche
15 – 17 % Rohprotein
22 – 25 % Rohfaser
40 – 48 % neutrale Detergenzienfaser (NDForg)
25 – 28 % saure Detergenzienfaser (ADForg)
> 6,4 MJ NEL/kg TM

Um die Vorgaben bezüglich des Energiegehaltes zu erfüllen, muss die organische Masse (OM) der Grassilagen eine hohe Verdaulichkeit aufweisen. Aus den Verdaulichkeitsmessungen der energetischen Futterwertprüfung kann gefolgert werden, dass eine Verdaulichkeit der OM von etwa 78 % erforderlich ist, um energiereiche Grassilagen verfüttern zu können. Es fragt sich, wie die Verdaulichkeit zu beeinflussen ist.

1. Frühen Schnittzeitpunkt wählen

Die wichtigste Maßnahme zur Sicherung einer hohen Verdaulichkeit ist ein früher Schnittzeitpunkt bei der Silagebereitung. Pflanzen liefern die von den Tieren nutzbare Energie grundsätzlich aus Zellwandmaterial sowie aus den vorwiegend im Zellinneren gelösten Substanzen. Zellwandmaterial besteht chemisch betrachtet vor allem aus Cellulose und Hemicellulose, die im Rahmen der Futtermittelanalyse vor allem in der Fraktion der neutralen Detergenzienfaser (NDForg) enthalten sind (siehe Abbildung 1). Im Zellinneren befinden sich überwiegend gelöste Kohlenhydrate, wie zum Beispiel Zucker sowie ein großer Teil der im Pansen leicht abbaubaren Proteine.

Mit zunehmendem Alter des Pflanzenbestandes verschiebt sich das Verhältnis zwischen Zellwandmaterial und Zellinnerem zunehmend in Richtung Zellwand. Der Anteil der langsam abbaubaren Cellulose und Hemicellulose nimmt zu, der der leicht löslichen Substanz entsprechend ab. Hinzu kommt, dass mit zunehmender Alterung nicht nur die Zellwanddicke anwächst, sondern gleichzeitig auch noch Vernetzungsvorgänge innerhalb der Zellwände stattfinden, die die Abbaubarkeit des Futters nochmals heruntersetzen. Die Ferulasäure spielt hierbei beispielsweise eine nicht unerhebliche Rolle, in dem sie verschiedene Cellulosemoleküle über sogenannte Querspangen verbindet und so wesentlich zur Verholzung des Materials beiträgt, womit es wiederum zu einer verringerten Verdaulichkeit kommt. Aus dem Bisherigen folgt, dass nur ein früher Schnittzeitpunkt eine ausreichende Verdaulichkeit der Grassilagen ermöglicht.

2. Kurze Anwelkdauer realisieren

Während des Anwelkens ist bei Pflanzenzellen noch Restatmung zu beobachten, bei der vor allem leichtlösliche, hochverdauliche Kohlenhydrate aus dem Zellinneren verbraucht werden. Eine lange Feldperiode führt deshalb in aller Regel zu weniger leicht verdaubaren Grassilagen. Zudem werden die für die Silierung erforderlichen Zuckerverbindungen verringert, was nachteilig für den Siliervorgang sein kann. In Nordrhein-Westfalen weisen über die Hälfte aller Grassilagen einen TM-Gehalt von über 40 % auf, womit der Zielbereich deutlich überschritten wird. Deshalb muss in vielen Fällen durch bessere Organisation der Erntekette eine kürzere Feldliegeperiode angestrebt werden.

3. Aschegehalte minimieren

Ein hoher Rohaschegehalt führt zwar nicht zwingend zu einer schlechteren Verdaulichkeit der organischen Masse, jedoch liefert Asche keine Energie, so dass es in der Trockenmasse zu einem Verdünnungseffekt für den Gehalt an NEL kommt. Hohe Aschegehalte nehmen zudem Einfluss auf den Silierprozess, in dem die mit der Asche eingebrachten Clostridien zu einer vermehrten, nicht erwünschten Buttersäuregärung führen können.

4. Siliermittel einsetzen

Mit dem Siliermitteleinsatz wird das Ziel verfolgt, den Gärverlauf positiv zu beeinflussen (Wirkungsrichtung 1), die Gefahr der Nacherwärmung zu verringern (Wirkungsrichtung 2) und/oder den Futterwert und die tierische Leistung zu erhöhen (Wirkungsrichtung 4 a bis 4 c). Bei den Mitteln der Wirkungsrichtung 1 handelt es sich vorwiegend um den Einsatz von homofermentativen Milchsäurebakterien, die über eine intensive Milchsäurebildung zu einer schnelleren pH-Wertabsenkung und einer Verringerung der Siliververluste führen. Bei Mitteln der Wirkungsrichtung 2 stehen heterofermentative Milchsäurebakterien im Vordergrund, die über eine vermehrte Essigsäurebildung das Hefenwachstum nach dem Öffnen der Silage minimieren sollen. Etliche Siliermittel sind darüber hinaus in der Lage, den Futterwert über eine bessere Verdaulichkeit der organischen Masse zu steigern. Die Tabelle 1 zeigt Ergebnisse von Verdaulichkeitmessungen für unbehandelte und mit homofermentativen Milchsäurebakterien behandelte Grassilagen. In den Silier- und Fütterungsversuchen wurde in Kontrolle und Behandlung das gleiche Ausgangsmaterial benutzt. In insgesamt 11 Versuchen wurden 14 Mittel getestet. Die behandelten Silagen wiesen einen erhöhten Gehalt an organischer Masse auf, was vor allem durch die Verringerung der Silierverluste zu erklären ist. Gleichzeitig war im Mittel der Versuche die Verdaulichkeit des Futters um 1,2 %-Punkte erhöht, wodurch sich ein gesichert höherer Energiegehalt ergab.

Eine neue „Generation“ von Siliermitteln enthält speziell selektierte Bakterienstämme, die durch die Bildung von Enzymen, die die oben beschriebene Ferulasäure abbauen, gekennzeichnet sind. Hierdurch wird erwartet, dass die Zellwandverdaulichkeit der Silagen verbessert wird. Diese Mittel werden sowohl für Gras- als auch für Maissilage angeboten.

Tabelle 2 informiert über die Ergebnisse der Verdaulichkeitsmessung in einer mit dem neuen Siliermittel behandelten Silage im Vergleich zu der unbehandelten Kontrolle. Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Anstieg der Verdaulichkeit bei solchen Größen, die den Zellwandanteil beschreiben (Rohfaser, NDForg, ADForg). Obwohl die Kontrollsilage bereits eine hohe Verdaulichkeit und einen hohen Energiegehalt besaß, konnte in der Behandlung noch eine weitere Steigerung erzielt werden. Wenn sich in weiteren Versuchen die Verdaulichkeitssteigerung bestätigt, steht ein zusätzliches Produkt für die Erzeugung hochwertiger, energiereicher Silagen zur Verfügung.

Seitens der Landwirtschaftskammer NRW werden nur Siliermittel mit DLG-Gütezeichen empfohlen, da solche Siliermittel in umfangreichen Tests intensiv auf ihre Wirksamkeit geprüft werden. Eine ständig aktualisierte Liste der Siliermittel ist unter www.dlg.org (Test Landwirtschaft / Betriebsmittel / Siliermittel) einsehbar.

Fazit:

Grassilagen für Milchproduktion und Rindermast müssen hoch verdaulich sein, damit die Tiere die in den Gräsern enthaltene Energie nutzen können. Angestrebt wird eine Verdaulichkeit der organischen Masse von mindestens 78%. Ein zeitiger Schnitt, eine kurze Anwelkdauer, eine schmutzarme Ernte sowie der gezielte Siliermitteleinsatz sind die Stellschrauben, mit denen sehr effektiv eine hohe Verdaulichkeit erreicht werden kann.