Weidegang ja - aber richtig ergänzen

Rinder auf der Weide

Weidegang ist in vielen Betrieben in den Sommermonaten nach wie vor ein gängiges Verfahren. Demnach ist bekannt, dass die Weide nicht alle Anforderungen an die Nährstoffversorgung erfüllt. Es stelle sich daher zunehmend die Frage nach der gezielten Ergänzung bei Weidefütterung. Die Rationsplanung auf Basis nutzbares Rohprotein am Darm (nXP), ruminaler Stickstoffbilanz (RNB) sowie Stärke/Zucker und beständige Stärke geben wichtige Hinweise für leistungs- und wiederkauergerechte Fütterung.

Weidegang mit Vor- und Nachteilen

Vorteile des Weideganges ergeben sich grundsätzlich im Hinblick auf Tiergesundheit und Tierkomfort. Auf der Weide läuft die Kuh auf gewachsenem Boden und profitiert von der federnden Wirkung des Grases und der Narbe. Die Klauen reinigen sich und trocknen ab, so dass die permanente Belastung durch Harn und Kot entfällt. Die UV-Strahlung regt zur Bildung von Vitamin D 3 in der Haut an. Das Liegeverhalten sowie der Aufstehvorgang kann ohne begrenzende Abtrennungen vorgenommen werden.

Unumstritten ist auch die höhere Grundfutterleistung bei Weidegang, die durch eine höhere Energiekonzentration, eine höhere Futteraufnahme sowie durch das selektive Fressen erklärt werden kann. Der ökonomische Vorteil ist in den geringeren Futter- und Arbeitskosten zu sehen. Des weiteren darf die Weideprämie in Höhe von 70,00 €/Kuh/Jahr in den benachteiligten Gebieten nicht unerwähnt bleiben. Auch die Ansprüche des Verbrauchers an die Tierhaltung werden derzeit durch den Weidegang eher erfüllt als bei Ganzjahresstallhaltung.

Nachteilig für das System Weidegang ist in vielen Betrieben die fehlende Arrondierung der Weideflächen in Stallnähe und damit einhergehend häufig sehr lange Triebwege oder eine viel zu geringe Größe der Weideflächen. Schwieriger gestaltet sich auch eine gleichmäßige Nährstoffversorgung der Kühe über den Tag und über die gesamte Weideperiode hinweg. Gerade Hochleistungsherden haben hier große Ansprüche, die nicht immer erfüllt werden können. Ein weiterer Nachteil ist auch im Hinblick auf die Kontrolle der Futteraufnahme zu sehen. Weidegang führt zu punktuellen Umweltbelastungen mit Kot und Urin, die zu den sogenannten Seilstellen führen. Ein gewisser Anteil an nicht nutzbarem Futter ist also immer mit dem Weidegang verbunden, wobei zusätzliche Arbeit und Kosten für die Beseitigung der Futterreste anfallen. Aus all den genannten Gründen muss deshalb über den Umfang der Weidehaltung betriebsindividuell entschieden werden und anschließend das gewählte Verfahren auch konsequent umgesetzt werden.

In der Tabelle 1 werden der Nährstoffgehalt von Weidegras für verschiedene Vegetationsperioden dargestellt. Danach ist Weidegras ein hochverdauliches und daher energiereiches Futtermittel. Im Mai/Juni liegt die Verdaulichkeit der Organischen Substanz bei etwa 83 %, was dem Niveau eines Milchleistungsfutters der Energiestufe 3 entspricht. Bis zum Juli fällt die Verdaulichkeit auf etwa 75 %, wobei dieser Wert dann auch bis in den Herbst hinein bestehen bleibt.

Zum Vergleich: Maissilage besitzt eine Verdaulichkeit von 72 %. Je nach Grasbestand und Entwicklungsreife resultiert aber auch eine erhebliche Spannbreite in der Verdaulichkeit. Insbesondere bei Trockenheit altert der Bestand sehr schnell, so dass Verdaulichkeit und Energiegehalt stark absinken können. Im Mittel ergeben sich Energiegehalte von 6,6 MJ im Frühsommer und 6,3 MJ NEL/kg TM in der Zeit von Juli bis September. Der Rohproteingehalt liegt bei starken Schwankungen im Mittel bei 200 g je kg TM, wovon jedoch am Darm nur 149 bzw. 133 g nutzbares Rohprotein zur Verfügung stehen. Das restliche Rohprotein fällt im Pansen als überschüssiger Stickstoff an. Die Ruminale Stickstoffbilanz (RNB) beträgt entsprechend + 9 bzw. + 10 g N je kg Trockenmasse.

Probleme der Rationsgestaltung

In der Tabelle 2 werden die Kennwerte für eine Ration bei Ganztagesweide ohne Beifütterung dargestellt. Das ausgewählte Milchleistungsfutter enthält 16 % Rohprotein und 6,7 MJ NEL und ist damit als 16/3 Standardfutter zu charakterisieren. Die Futteraufnahme aus Weidegras ist mit über 15 kg TM als sehr hoch zu betrachten. Allein aus dem Gras lassen sich somit knapp 20 kg Milch nach der Energieversorgung erzeugen. Durch die Zulage von 8 kg MLF werden etwa 35 kg Milch erreicht.

Die vorgestellte Ration hat aber auch einige gravierende Defizite aufzuweisen. So ist die Versorgung mit nutzbarem Protein am Darm (nXP) nicht ausreichend. Es werden nur ca. 34 kg nach nXP produziert. Werden in der Hochleistungsphase zusätzlich noch Körperreserven eingeschmolzen, die fast frei von Protein sind, so wird der Mangel an Aminosäuren für die Milcheiweißsynthese noch größer. Deutlich wird dies unter Praxisbedingungen in den niedrigen Milcheiweißgehalten bei Weidegang. Auffällig ist auch der stark erhöhte RNB-Wert der Ration, denn die Zielvorgaben werden um mehr als das Dreifache überschreitet. Der überschüssige Stickstoff verlässt den Pansen in Form von Ammoniak, welches in der Leber zu Harnstoff umgebaut werden muss und in der Regel mit einer großen Belastung verbunden ist. Für den Landwirt ist diese Stickstoffüberversorgung an hohen Milchharnstoffgehalten erkennbar (> 30 mg/dl Milch). Auch die Strukturversorgung bei Weidegang ist häufig ein Mangel, was unter anderem an der dünnen Kotkonsistenz deutlich wird. Auch ist die Versorgung mit pansenfermentierbaren Kohlenhydraten in Form von unbeständiger Stärke und Zucker zu niedrig, woraus ein nicht ausreichendes Mikrobenwachstum im Pansen resultiert. Schließlich ist die Versorgung mit beständiger Stärke völlig unzulänglich. Die Versorgungsempfehlungen werden nur zu einem Drittel erreicht.

Folgendes Zwischenfazit kann an dieser Stelle gezogen werden: Weidegras ermöglicht eine sehr hohe Trockenwasseraufnahme und bietet damit die Chance, viel Milch aus preiswertem Grundfutter zu erzeugen. Die Versorgung an nXP, unbeständiger Stärke und Zucker sowie an beständiger Stärke ist für höherleistende Tiere völlig unzulänglich. Gleichzeitig sind die Tiere mit Stickstoff stark überversorgt.

Die hier skizzierten Probleme lassen sich jedoch durch eine gezielte Beifütterung lösen. Zur besseren Strukturversorgung kommen Grassilage, Maissilage oder Heu/Stroh in Frage. Der Überhang an Stickstoff im Pansen (RNB) aus der Weide kann durch geeignete Ausgleichsfutter beseitigt werden. Welche Futter dabei in Frage kommen, zeigt die Tabelle 3. Maissilage verfügt je nach Qualität über eine RNB von –6 bis –10 g N je kg TM. Noch negativer ist die RNB in Futterrüben und einigen Kartoffelprodukten sowie im Citrustrester. Diese Futtermittel liefern hohe Energiemengen für die Pansenbakterien. Beim Getreide bestehen erhebliche Unterschiede zwischen den Getreidearten. So haben Weizen und Triticale eine negative RNB von etwa –5 g N/kg TM. Für Roggen beträgt der Wert –9 gN/kg TM.

In der Tabelle 4 werden zwei Rationsvorschläge zur Beifütterung bei Weidegang für wiederum 35 kg Milchleistung gemacht. Es kommen 12 kg Grassilage oder 12 kg Maissilage zum Einsatz. Zum Abbau der Stickstoffüberschüsse werden 3 kg Melasseschnitzel gefüttert. Alternativ ließen sich auch 3 kg Gerste einsetzen. Das gewählte Milchleistungsfutter ist speziell für hohe Anteile an Gras und Grasprodukten zusammengesetzt worden und durch folgende Gehalte gekennzeichnet: 7,0 MJ NEL, 180 g nXP, -4 g RNB, 330 g unbeständige Stärke und Zucker sowie 120 g beständige Stärke. Erreicht werden diese Werte durch einen hohen Anteil an Körnermais und die Hereinnahme von geschützten Eiweißkomponenten. Deutlich wird, dass durch die gezielte Beifütterung und die sinnvolle Auswahl eines Milchleistungsfutters auch bei hohen Leistungen große Grasmengen gefüttert werden können. Die angestrebten Versorgungsempfehlungen sind weitestgehend eingehalten.

Kraftfuttermenge beachten

Aufgrund der starken Verdrängung von Weide durch Kraftfutter sollten bei Kühen maximal 8 kg Kraftfutter und bei Färsen maximal 6 kg Kraftfutter je Tag eingesetzt werden. Bei Halbtagsweide und entsprechend höherer Beifütterung von Gras- oder Maissilage kann die Menge auf 10 kg bei Kühen und 8 kg bei Färsen erhöht werden. Folge ist, dass Leistungen von 35 kg und mehr bei Weide kaum zu erfüttern sind.

Hier bietet sich dann der Übergang zur Halbtagsweide bzw. zur stundenweise Beweidung an. Im Melkstand lassen sich je Melkperiode maximal 2 kg Kraftfutter für die Färsen und 2,5 kg für die Kühe einsetzen. Bei Verwendung von Transponderfütterung muss den Kühen genügend Zeit zur Kraftfutteraufnahme zur Verfügung stehen. Die Abruflisten müssen deshalb öfter kontrolliert werden.

Die obengenannten Empfehlungen zum Kraftfuttereinsatz bei Weidegang wurden durch einen aktuellen Versuch in der ökologischen Lehrwerkstatt von Haus Riswick bestätigt, wie in der Tabelle 5 zum Ausdruck kommt. In der Kontrollgruppe wurden maximal 8 kg Kraftfutter verabreicht. Die Versuchsgruppe erhielt dagegen je nach Leistung bis zu 11 kg Kraftfutter pro Tier und Tag. Dargestellt sind die Futteraufnahmen und Milchleistungen der beiden Gruppen für den Sommer 2003.

Die Milchleistungen in beiden Gruppen liegt auf gleichem Niveau. Die intensiver mit Kraftfutter gefütterten Tiere haben einen geringen Fettgehalt. Der Eiweißgehalt in der Milch ist hingegen erhöht. Der Mehraufwand an Kraftfutter ging mit einem Rückgang an Grobfutteraufnahme und Weidegrasaufnahme einher, so dass lediglich Grasenergie durch Kraftfutterenergie ausgetauscht wurde.

Fazit

Es ergeben sich folgende Empfehlungen zur Fütterung bei Weidegang:

  • Gras wird in großen Mengen gefressen und unterliegt mehr als andere Futter einer großen Verdrängung durch Kraftfutter. Die Kraftfuttermengen sind daher auf 8 bis 10 kg je nach Länge des Weideganges zu begrenzen.
  • Mindestens 3 kg Grundfutter Trockenmasse in Form von Gras- oder Maissilage beifüttern.
  • Ausgleichsfutter mit negativer RNB bis etwa 3 kg zufüttern.
  • Milchleistungsfutter mit hohen Gehalten an nXP, unbeständige Stärke und Zucker sowie beständiger Stärke gezielt auswählen.
  • Bei sehr hohen Leistungen (> 8.000 kg) ist die Beifuttermenge zu erhöhen.
  • Bei leistungs- und wiederkäuergerechter Ergänzung ist Weide auch unter förderpolitischen Gesichtspunkten ein System mit Zukunft.

Tabellen