Kühe schrittweise auf Weide vorbereiten
Der Wechsel von der Winterfütterung zur Frühjahrsweide bedeutet eine drastische Futterumstellung. Damit dieser Übergang möglichst reibungslos und ohne Leistungseinbruch der Kühe erfolgen kann, sind einige Besonderheiten zu beachten. Über spezielle Fütterungsmaßnahmen bei der Umstellung berichtet Dr. Wolfgang Sommer
Übergangsfütterung schonend durchführen
Um Stoffwechselstörungen der Kühe zu vermeiden, muss der Wechsel vom Stall zur Weide sehr schonend erfolgen. Eine allmähliche Übergangsfütterung ist Pflicht, sonst sind Leistungseinbußen vorprogrammiert. Gerade Tiere mit sehr hohen Milchleistungen reagieren auf abrupte Veränderungen der Umwelt und Fütterung mit Milchrückgang. Der Weideaustrieb im Frühjahr bedeutet für die Kühe erst einmal Stress, hervorgerufen durch die veränderte Umwelt, die Bildung neuer Herdenstrukturen und den Futterwechsel. Während die Stallration nährstoffmäßig und vor allem hinsichtlich Strukturfutterangebot ausgeglichen ist, entstehen durch frisches Weidefutter völlig neue Bedingungen, mit denen die Wiederkäuer zurechtkommen müssen. Junges Gras ist sehr wasserreich, hoch verdaulich, energie- und eiweißreich und relativ strukturarm.
Da im Vormagensystem des Wiederkäuers ein Großteil der Nährstoffverdauung durch Mikroben geleistet wird, muss genügend Zeit etwa 10 bis 14 Tage eingeräumt werden, damit sich diese Mikroorganismen auf die neue Futtersituation einstellen können. Die Pansenmikroben sind nämlich auf den Abbau bestimmter Futtermittel spezialisiert und in ihrer Zusammensetzung an die Winterration angepasst. Erfolgen plötzliche Futterumstellungen beispielsweise durch übermäßiges Frischgrasangebot verändern sich die Pansenverhältnisse und damit das Lebensmilieu für die Mikroben. Hieraus resultieren verminderte Verdauungsaktivitäten mit entsprechenden Folgen. Erst wenn sich die Pansenmikroben den neuen Bedingungen angepasst haben und wieder voll entwickelt sind, ist von regulären Verdauungsabläufen auszugehen. Dieser Prozess, also der Wechsel der Mikrobenpopulation, die Anpassung an das neue Futter beansprucht viel Zeit und eine schonende Futterumstellung.
Sinnvoll wäre es deshalb, die Kühe im Frühjahr zunächst nur stundenweise, und erst nach 7 bis 10 Tagen halbtags und dann ganztags auszutreiben, wobei die ganztägige Weidehaltung eher seltener geworden ist. Der kurzzeitige Weideaustrieb sollte dabei unter vollständiger Beibehaltung der Winterration nach dem Füttern im Stall erfolgen. Die Stallration wird dann schrittweise mit Anstieg des Graskonsums reduziert. Besteht die Möglichkeit der Grasbeifütterung im Stall, gelten die gleichen Fütterungsgrundsätze. Da Weidegras als Basisfutter für hohe Milchleistungen allein nicht ausreicht, praktizieren viele Betriebe die Zufütterung anderer Grobfuttermittel (Gras-, Maissilage) über die gesamte Weideperiode.
Betriebe mit stallnahen Weideflächen und kleineren Beständen haben es natürlich relativ einfach, das zunächst stundenweise Austreiben umzusetzen. Bei weiter entfernten Flächen und/oder größeren Herden wird das insgesamt schwieriger. In diesen Fällen kann die Übergangsfütterung bis zum Austrieb im Stall und nach dem Austrieb die Beifütterung von Mais- und/oder Grassilage empfohlen werden.
Während die Winterrationen häufig mit bekannter und konstanter Zusammensetzung vorlagen, besteht beim Weideaustrieb das Problem, dass sich Nährstoffzusammensetzung und Verzehrsmenge des Weidegrases verändern bzw. nicht exakt vorausbestimmen lassen. In welchem Maße sich die Nährstoff- und Energiegehalte von Weidegras im Frühjahr verändern können, zeigen beispielsweise die Zahlen in Übersicht 1. Dargestellt sind die Durchschnittswerte einer intensiv genutzten Weide. Diese können teils erheblich schwanken, je nach Standort, Düngung, Graszusammensetzung, Witterung und Nutzungszeitpunkt.
Übersicht 1: Nährstoff- und Energiegehalt von Weidegras in unterschiedlichen Vegetationsstadien
| 1 kg Trockensubstanz enthält | Milch erzeugungs- wert von 5 kg T, nach |
|||||||||
| Vegetations- stadium |
T % |
Struktur- wert SW |
Roh- protein g |
nutz- bares RP (nXP) g |
unab- baubares RP (UDP) % |
Ruminale N-Bilanz (RNB) g |
Roh- faser g |
NEL MJ |
nXP*) Liter |
NEL*) Liter |
| 1. Aufwuchs: | ||||||||||
| - im Schossen | 16 | 1,4 | 235 | 157 | 10 | 12 | 172 | 7,38 | 9,2 | 11,3 |
| - Beginn Ähren-/ Rispenschieben |
17 | 1,7 | 225 | 151 | 10 | 12 | 204 | 6,99 | 8,9 | 10,7 |
| - volles Ähren-/ Rispenschieben |
18 | 1,9 | 207 | 151 | 15 | 9 | 231 | 6,58 | 8,9 | 10,0 |
| - Beginn der Blüte | 22 | 2,1 | 187 | 144 | 15 | 7 | 261 | 6,3 | 8,5 | 9,6 |
*) 85 g nXP/Liter Milch, 3,28 MJ NEL/Liter Milch
Unter üblichen Bedingungen steigt der Rohfasergehalt (in T) des frischen Grases mit späterem Vegetationszeitpunkt an. Parallel hierzu sinkt die Verdaulichkeit der organischen Substanz und damit die Energiekonzentration. Auch der Proteingehalt fällt mit zunehmender Vegetationsdauer. Entsprechend reduziert sich der RNB-Wert, die Kennzahl für die N-Versorgung der Pansenmikroben. Der Strukturwert (SW) als neues Maß für die Strukturversorgung der Milchkuh steigt ebenfalls mit späterer Nutzung. Für ein frühes Weidestadium wird ein SW von 1,7 angegeben. Dieser Wert liegt oberhalb einer guten Maissilage (SW 1,6), was unter praktischen Fütterungsverhältnissen nicht nachvollziehbar ist und mit Vorbehalt betrachtet werden sollte. Auch die Strukturwerte bei späterer Nutzung (SW 1,9 bis 2,1) dürften die Strukturwirksamkeit des Weidefutters eher überschätzen.
Proteinangebot prüfen
Die in den beiden letzten Spalten der Übersicht 1 dargestellten Milcherzeugungswerte auf Basis von nXP (nutzbares, darmverfügbares Protein) und NEL (Netto-Energie-Laktation) verdeutlichen, dass Weidegras trotz seines hohen Rohproteingehaltes relativ wenig milchverwertbares" Futtereiweiß liefert. D. h., der Milcherzeugungswert aus Energie ist höher als aus dem nXP. Ursächlich hierfür ist die hohe Pansenabbaurate des Weideproteins. Etwa 85 bis 90 % des Proteins werden nämlich zu Ammoniak umgebaut, was den Stoffwechsel der Kuh erheblich belasten kann. Nachweis für hohe Ammoniakanflutungen im Pansen sind steigende Milchharnstoffgehalte beim Weideaustrieb. Trotz dieses hohen Proteinangebotes durch Weidegras muss also darauf geachtet werden, dass die Gesamtration stets ausreichend darmverfügbares Protein (nXP) enthält.
Strukturfutter ergänzen
Zu Beginn der Weideperiode bzw. Grasfütterung ist nicht selten ein Rückgang des Fett- und Eiweißgehaltes in der Milch in den Herden festzustellen. Sinkende Milchfettgehalte deuten auf mangelnde Rohfaser- bzw. Strukturversorgung hin. Um diesbezüglich Defizite auszuschließen, ist gerade beim Weideaustrieb auf ausreichende Strukturergänzungen (Heu/Stroh/Anwelksilage) zu achten. Die gezeigten Rationsbeispiele sind so konzipiert, dass genügend Strukturfutter enthalten ist. Fallende Eiweißgehalte in der Milch sind auf eine unangemessene Energiezufuhr und/oder auf Lücken im nXP-Angebot zurückzuführen. In diesem Zusammenhang kann die Wahl des Milchleistungsfutters von Bedeutung sein. Milchleistungsfutter zur Weide sollten so ausgestattet sein, dass sie auf der einen Seite genügend nXP liefern, aber auf der anderen Seite nicht zu rohproteinreich sind, um dass Rohproteinüberangebot, dass ohnehin beim Weidegras vorhanden ist, in Grenzen zu halten. In den Beispielsrationen wurde ein Milchleistungsfutter mit Energiestufe 3 (6,7 MJ NEL/kg) und 160 g nXP/kg eingesetzt, so dass der nXP-Bedarf für 30 Liter Milch damit gut abgedeckt werden kann.
In Betrieben mit grassilagebetonter Grundration führen zusätzliche Weidegrasmengen zu teils hohen RNB-Werten in der Gesamtration, wie in den Beispielen gezeigt wird. Diese lassen sich kaum verhindern, dürften aber von den Kühen in der vorliegenden Größenordnung toleriert werden.
Mineralstofflücken schließen
Speziell in der Übergangsfütterung, wenn noch ein Großteil der Ration aus dem Winterfutter besteht muss ausreichend Mineralfutter mit angeboten werden. In den Beispielen sind täglich 50 bis 125 g/Kuh veranschlagt (Mineralfutter mit 22 % Calcium, 3 % Phosphor und mindestens 10 % Natrium). Gegebenenfalls empfiehlt sich auch ein zusätzliches Natriumangebot in Form von Viehsalz (Lecksteine, Leckschalen). Um der Weidetetarine vorzubeugen, sollten die Mineralfutter nach Möglichkeit mindestens 10 % Magnesium enthalten. Mit einer Tetanieprophylaxe muss aber einige Zeit vor Weideaustrieb begonnen werden. Je schonender der Weideaustrieb erfolgt und frühzeitiger Strukturfutter mit angeboten wird, desto geringer ist das Tetanierisiko.
Rationsbeispiele für die Übergangsfütterung
In Übersicht 2 werden verschiedene Rationsbeispiele für die Übergangsfütterung im Frühjahr gegeben. Sie sollen als Orientierung für die Umstellung dienen. Basis der Berechnungen sind einmal maisbetonte und zum anderen grasbetonte Grundrationen. In beiden Fällen wird die Weidegrasaufnahme von täglich 20 auf später 40 kg pro Kuh beispielhaft gesteigert. Nach erfolgter Umstellung ist natürlich von weit aus höherem Weidegrasverzehr auszugehen. In der Praxis zeigt sich allerdings, dass mit steigenden Herdenleistungen die Weidehaltung zunehmend eingeschränkt wird. Denn Weidegras allein ist keine ernährungsphysiologisch ausreichende Grundlage für sehr hohe Milchleistungen. Bei Leistungen oberhalb etwa 25 30 Liter/Kuh und Tag muss Weidegras durch andere Grund- bzw. Grobfutterkomponenten ergänzt werden, um leistungsgerecht verwertet werden zu können. Gerade in Grünlandregionen führt dies häufig zu einem Spagat: Auf der einen Seite Verzicht auf preiswertes, vorhandenes Weidefutter und zum anderen Zukauf teurerer Komponenten, um hohe Herdenleistungen zu realisieren.
Übersicht 2: Rationsbeispiele für die Übergangsfütterung von Milchkühen - Angabe in kg/Tier und Tag -
| Weidegras (Beginn Ähren-/Rispenschieben) |
20 | 30 | 40 | 20 | 30 | 40 |
| (maisbetonte Grundration) | (grasbetonte Grundration) | |||||
| Grassilage (40 % T), gute Qualität | 7 | 6 | 5 | 18 | 16 | 13 |
| Maissilage (34 % T), gute Qualität | 21 | 19 | 15 | 6 | 5 | 4 |
| Stroh | 1 | 1 | 1 | 1 | 1 | 1 |
| Biertrebersilage | 4 | 4 | 2 | 3 | 3 | 3 |
| Weizen | 1 | 1 | 1 | 1,0 | 1,0 | 1,0 |
| Melasseschnitzel | - | - | - | 1,0 | 1,0 | 1,0 |
| Sojaschrot | 0,5 | - | - | - | - | - |
| Mineralfutter (22/3/10) | 0,125 | 0,125 | 0,1 | 0,05 | 0,05 | 0,05 |
| T-Aufnahme | 16,6 | 16,8 | 16,2 | 16,1 | 16,6 | 16,8 |
| Liter Milch nach nXP | 22,5 | 22,0 | 21,5 | 21,5 | 22,5 | 23,0 |
| NEL | 21,5 | 22,0 | 21,0 | 20,0 | 21,5 | 22,0 |
| RNB g | +6 | +16 | +42 | +47 | +67 | +85 |
| MLF 160/3 für 30 Liter: | 4,4 | 4,5 | 4,5 | 5,4 | 4,7 | 4,1 |
| RNB | +20 | +30 | +56 | +63 | +79 | +96 |
| Strukturwert (SW) | 1,5 | 1,5 | 1,5 | 1,8 | 1,7 | 1,7 |
Die Beispielsrationen (Übersicht 2) geben demnach nicht nur Hinweise auf die schrittweise Umstellung im Frühjahr, sondern auch eine Empfehlung für Betriebe, in denen ohnehin nur ein begrenztes Weideangebot eingeplant ist. Unterstellt sind etwa 3,5 bis 7 kg Weidegras-Trockensubstanz pro Kuh und Tag, was natürlich den Verzehr auf Flächen, die nur der Bewegung der Tiere dienen sollen, übersteigt. Grundsätzlich lässt sich die Futteraufnahme auf der Weide nur sehr schwer abschätzen. Neben tierindividuellen Unterschieden beeinflussen Vegetationsstadium, Witterung, Beweidungsdauer, Aufwuchs, Gewöhnung, Besatzdichte, übriges Futterangebot usw. die tägliche Verzehrsmenge, so dass die tatsächlich verzehrte Weidegrasmenge immer eine gewisse Unbekannte in der Rationsgestaltung bleiben wird.
Die aus Winterfutter und Weidegras zusammengesetzten Beispielsrationen sind auf 20 bis 22 Liter Milch ausgelegt. Darüber hinaus gehende Leistungen sind über entsprechende Kraftfutterzulagen zu erzielen (in den Beispielen 4,1 bis 5,4 kg MLF 160/3 pro Kuh und Tag für 30 Liter Milch).
Zusammenfassung
Um einen möglichst störungsfreien Übergang vom Stall zur Weide zu erreichen, sind spezielle Fütterungsmaßnahmen erforderlich. Oberstes Ziel ist eine möglichst schonende, allmähliche Umgewöhnung:
- Der Zeitraum der Umstellung sollte etwa zwei Wochen betragen. Anfangs darf nur stundenweise ausgetrieben werden.
- Die Winterfutterration ist anteilmäßig (s. Rationsbeispiele) beizubehalten.
- Die Angewöhnung an frisches Gras kann - sofern erforderlich - durch tägliche Graszufütterung im Stall erfolgen.
- Auf ausreichende Strukturfutterergänzungen ist bei der Umstellung auf Weidegras besonders zu achten.
- Da Weidegras zwar viel Rohprotein, aber ein Protein mit hoher Pansenabbaurate enthält, sollte bei höheren Milchleistungen besonderer Wert auf die Versorgung mit nutzbaren Protein (nXP) gelagert werden.
- Zur Schließung von Mineralstofflücken sind ausreichende Mineralfutterergänzungen vorzunehmen (auf Na-Versorgung achten).
- Als Vorbeuge gegen Weidetetanie kommt der Magnesiumversorgung besondere Bedeutung zu.