Neue Fütterungsempfehlungen für die Schweinemast

Futtereinfüllstützen am Stall

Anfang des Jahres hat die Gesellschaft für Ernährungsphysiologie neue Versorgungsempfehlungen für die Schweinefütterung herausgegeben. Welche Änderungen sich daraus für die praktische Schweinemast ergeben, erläutern Dr. Wolfgang Sommer und Klemens Kuhlmann von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen in Münster und Coesfeld.

In der neuen „Blauen Broschüre 2006“ informiert die Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE) Beratung und Praxis auf knapp 250 Seiten über neue Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Ferkeln, Sauen, Mastschweinen und Ebern. Aufzuchtleistungen von 25 abgesetzten Ferkeln oder Tageszunahmen in der Mast von 850 bis 900 Gramm sind längst schon keine Seltenheit mehr. Den Ansprüchen und Wünschen des Verbrauchers folgend wurden in den letzten Jahren auch stets Fleisch betontere, fettärmere Schweine produziert. Entsprechend war die Nährstoffversorgung dem Bedarf dieser modernen Herkünfte anzupassen, um dem enormen Zuchtfortschritt Rechnung zu tragen.

Bereits vor einigen Jahren hatte die GfE einen Schritt in Richtung ökologischer Fütterung getan, indem die Bewertung des Phosphors auf Basis des verdaulichen Phosphors eingeführt wurde. Durch dieses System konnten die Schweine gezielter mit Phosphor versorgt werden, was auch von ökologischer Bedeutung war.

Mit verdaulichen Aminosäuren rechnen?

Eine grundlegende Anpassung erfolgte jetzt bei der Protein- und Aminosäurenbewertung. Während bisher Rohprotein und Aminosäuren auf Basis von Bruttowerten berücksichtigt wurden, hat die GfE nun das gesamte Bewertungssystem auf die Stufe des verdaulichen Rohproteins und verdaulicher Aminosäuren umgestellt. Die Verdaulichkeit wird hierbei als praecaecale Verdaulichkeit definiert. Darunter versteht man die Verdaulichkeit der Nährstoffe bis zum Ende des Dünndarmes, also vor Erreichen des Blinddarmes (Caecum).

Dieses System ermöglicht eine genauere Bewertung der verschiedenen Proteinträger und damit eine genauere Versorgung der Schweine mit Aminosäuren. Verdeutlichen lassen sich diese Zusammenhänge mit den Zahlenbeispielen in Tabelle 1. Dort ist die praecaecale Verdaulichkeit für die in der Schweinefütterung erstlimitierenden Aminosäuren Lysin, Methionin/Cystin, Threonin, und Tryptophan von einigen Futtermitteln in Prozent aufgeführt.

Das Lysin aus Sojaschrot besitzt beispielsweise eine praecaecale Verdaulichkeit von hohen 87 %. Die Lysinverdaulichkeit von Rapsschrot beträgt hingegen nur 73 %. Das Methionin/Cystin aus Weizen ist zu 90 % verdaulich, das Methionin/Cystin aus Ackerbohnen aber nur zu 65 %. Die biotechnisch hergestellten, so genannten freien, zugesetzten Aminosäuren besitzen eine Verdaulichkeit von 100 %. Diese riesigen Unterschiede verdeutlichen beispielhaft die Vorteile des neuen Bewertungssystems, weil hiermit in Zukunft eine viel genauere Rationsberechnung und Fütterung der Tiere erfolgen kann. Das bedeutet aber gleichzeitig, dass auch Empfehlungen zur Versorgung auf der Grundlage von verdaulichen Aminosäuren gegeben werden müssen. Auch hierzu hat die GfE umfangreiches Datenmaterial ausgewertet und zusammengestellt. Die Landwirtschaftskammer wird demnächst in einem neuen Rechenmeister für die Schweinefütterung über entsprechende Empfehlungen zur Versorgung der Schweine und zur Bewertung der verschiedenen Futtermittel die Landwirte und Berater ausführlich informieren.

Futtertabellen noch sehr lückenhaft

Die durchgängige Anwendung des neuen Bewertungssystems ist aber noch mit einem entscheidenden Nachteil verbunden. So liegen bisher nur von 22 verschiedenen Schweinefuttermitteln Werte zur Aminosäurenverdaulichkeit vor, und zwar von einigen Eiweißträgern, von Getreide (außer Roggen) und einigen Nebenprodukten. Dieser bescheidene Datenpool reicht bei weitem nicht aus, um schon heute mit dem neuen System in der Praxis arbeiten zu können. Verschiedene Untersuchungseinrichtungen befassen sich aber ständig damit, den Datenpool zu erweitern, um zukünftig das Optimieren von Futtermischungen auf Basis verdaulicher Aminosäuren umfassend zu ermöglichen.

Auch fehlen bisher noch genaue, verbindliche Angaben zu den Aminosäurenverdaulichkeiten in Ergänzungsfutter- und Alleinfuttermitteln für Schweine, zumal diese oft sehr unterschiedliche Futterkomponenten und Aminosäurezusätze enthalten.

Die Fütterungsberatung der Landwirtschaftskammer nutzt das neue System nun folgendermaßen: Die neuen GfE-Bedarfsnormen geben künftig die Grundlage für die Eiweiß-Energieversorgung der Schweine, die Empfehlungen zur Versorgung mit praecaecal verdaulichen ( pcv) Aminosäuren werden aber auf Brutto-Basis umgerechnet und damit für Berater und Praktiker anwendbar gemacht.

In der Tabelle 2 werden die neuen Versorgungsempfehlungen für Mastscheine dargestellt. Im oberen und unteren Teil der Tabelle wird zunächst differenziert nach normal bemuskelten und sehr fleischreichen Tieren. Dargestellt sind jeweils vorgegebene, mögliche Tageszunahmen in den einzelnen Mastabschnitten auf der Basis von durchschnittlich 800 g Tageszunahme für die gesamte Mast. Den einzelnen Mastabschnitten zugeordnet sind die nach GfE-Empfehlungen notwendigen Energiemengen (MJ ME) und das jeweils pro Mastabschnitt erforderliche Lysin-Energie-Verhältnis, jeweils angegeben für pcv Lysin ( praecaecal verdaulich) und Brutto-Lysin in g je MJ ME. Die zwischen dem oberen und unteren Tabellenteil eingefügten Richtwerte gelten für ein Tiermaterial, welches im Fleischbildungsvermögen zwischen den „normalen“ und sehr fleischreichen Tieren liegt. Hierbei handelt es sich um praxisnotwendige Empfehlungen der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen.

Für alle drei „Schweinetypen“ gilt, dass für höhere als in der Tabelle 2 dargestellten Zunahmen mehr Lysin/kg Futter eingeplant werden muss, da bei einer kürzeren Mastdauer und dem damit verbundenen geringeren Futterverbrauch in etwa gleiche Muskelfleischanteile gebildet werden sollen wie bei einer längeren Mastzeit und einem höheren Futterverbrauch. Für durchschnittlich 900 g Zunahme sind bis etwa 60/70 kg LM rund 0,02 und in der Endmast 0,01 g Lysin je MJ ME mehr vorzusehen. Die Landwirtschaftskammer empfiehlt, wie ersichtlich, für die Mast ab 60/70 kg deutlich höhere Lysinkonzentrationen im Futter, ausgehend davon, dass viele Schweine bis zum Ende der Mast noch ein hohes Fleischbildungsvermögen besitzen und dafür entsprechend Aminosäuren benötigen.

Gegenüber den bisherigen DLG-Empfehlungen wird deutlich, dass zu Beginn der Mast auch bei den normal veranlagten Schweinen von einem engeren Lysin-Energie-Verhältnis im Futter auszugehen ist, um so das Proteinansatzvermögen der jungen Tiere voll auszuschöpfen. Für die Mittel-Endmast wurden die bisherigen Lysin-Energie-Vorgaben der DLG nahezu beibehalten.

Um das Fleischbildungsvermögen der Tiere voll auszuschöpfen, dürfen auch die weiteren limitierenden Aminosäuren nicht vernachlässigt werden. Hier hat die GfE kleine Änderungen vorgenommen. Die Relation von Methionin/Cystin zu Lysin wurde etwas abgesenkt, die Relation von Threonin zu Lysin hingegen geringfügig angehoben. Künftig gelten folgende Vorgaben für Mastmischungen: Für Mastfutter bis 40 kg Lebendmasse Verhältnisse von Lysin : Methionin/Cystin : Threonin : Tryptophan von 1:0,56:0,63:0,18 und ab 40 kg LM Relationen von 1:0,56:0,65:0,18.

Die in den einzelnen Mastabschnitten aufgeführten Energiemengen in MJME/Tier und Tag (Tabelle 2) dienen als Orientierung. Unter praktischen Fütterungsbedingungen ist meist von einem etwas höheren Energieverbrauch auszugehen.

Fleischreiche Tiere extra versorgen

Erstmals hat die GfE besondere Versorgungsempfehlungen für sehr fleischreiche Mastschweine herausgegeben, und zwar getrennt für weibliche und männliche Tiere. Gegenüber den Kastraten wird bei den weiblichen Tieren von einem um etwa 6 % höheren Aminosäurenbedarf ausgegangen, der in der Fütterung berücksichtigt werden sollte. Hierbei werden Muskelfleischanteile von über 60 % (FOM) unterstellt. Im unteren Teil der Tabelle 2 sind entsprechende Vorgaben zur täglichen Energie-und Lysinversorgung sehr fleischreicher Schweine, abgestellt auf weibliches Tiermaterial wiedergegeben. Als Beispiel werden durchschnittliche Tageszunahmen von 800 g unterstellt. Zu Mastbeginn ab 30 kg LM wird ein enges Lysin-ME-Verhältnis von 0,88:1 empfohlen. Ein Mastfutter mit 13,4 MJME/kg sollte demnach mindestens 11,8 g Lysin/kg enthalten. In der Endmast ab 70 kg Lebendmasse sollten noch 0,7 g Lysin/MJME, also mindestens 9,1 g Lysin/kg Mastfutter mit 13,0 MJME einkalkuliert werden. Da bei diesen extrem fleischreichen Tieren von einem relativ niedrigen Futteraufnahmevermögen auszugehen ist, wird der Energieverzehr in der Endmast lediglich mit 32 MJME/Tier und Tag veranschlagt.

Unverändert bleiben die Empfehlungen der GfE zur Versorgung der Mastschweine mit Mineralstoffen und Vitaminen. Die bisher gültigen Normen haben sich in der Praxis bewährt und können deshalb auch in Zukunft angewendet werden.

Auswirkungen auf die Rationsgestaltung

Wie sich diese neuen Fütterungsempfehlungen der GfE für Mastschweine auf die praktische Rationsgestaltung auswirken, soll an einigen Beispielen verdeutlicht werden.

In Tabelle 3 sind Futtermischungen für die Anfangsmast (ab 28/30 kg), die Mittelmast (ab 40 kg) und für die Endmast (ab 70 kg) dargestellt.

Dabei werden Futtermischungen zum einen nach den Empfehlungen der Landwirtschaftskammer und zum anderen für Tiere mit extrem hohem Proteinansatzvermögen dargestellt.

Des Weiteren wird nach Futtergrundlage differenziert: In der ersten Spalte finden sich Futtermischungen mit Getreide, Sojaextraktionsschrot und Mineralfutter, in der zweiten Spalte Mischungen mit Corn-Cob-Mix, Getreide und Ergänzungsfutter.

Um die neuen Anforderungen in der Anfangsmast zu erfüllen, sind schon Mineralfutter mit recht hohen Gehalten an freien Aminosäuren erforderlich. Neben 8 % Lysin enthält das für die Beispielsmischungen verwendete Mineralfutter noch 1,5 % Methionin und 2,5 % Threonin und trägt damit den von der GfE angepassten Aminosäurerelationen Rechnung. Trotz dieser hochwertigen Mineralfutter ergeben sich Futtermischungen mit mehr als 18 % Rohprotein, für extrem fleischreiche Schweine liegen die Proteingehalte im Futter sogar um 19 %.

Solche Proteingehalte sind aber notwendig, um die geforderten Lysingehalte von 11,5 g je kg Futter (für extrem fleischreiche Schweine bis 12 g je kg) zu erreichen.

Der Einsatz von marktüblichen eiweißreichen Ergänzungsfuttern mit 38 % Rohprotein und 3,3 % Lysin führt in Verbindung mit Corn-Cob-Mix zu vergleichbaren Inhaltsstoffen der Futtermischungen.

In Futtermischungen für die Mittelmast (ab 40 kg Lebendmasse) sind für „normale“ Schweine gut 1 % Lysin bei 13,2 bis 13,4 MJ ME/kg erforderlich. In der Praxis werden hier häufig nicht mehr so hochwertige Mineralfutter wie in der Anfangsmast eingesetzt. Hier bietet es sich an, das Mineralfutter für die Anfangsmast und ein phosphorarmes Mineralfutter für die Endmast (hier mit 6 % Lysin und 1 % Threonin) je zur Hälfte einzusetzen.

Für extrem fleischreiche Schweine ist es allerdings empfehlenswert, das hochwertige Mineralfutter weiter einzusetzen. Hier sind nämlich Lysingehalte im Futter von knapp 1,1 % einzustellen. Das eiweißreiche Ergänzungsfutter für die Mittel- und die Endmast hat ebenfalls 38 % Rohprotein und 3,3 % Lysin, allerdings mit 8,5 % deutlich mehr Rohfaser als der Ergänzer für die Anfangsmast. Für extrem fleischreiche Mastschweine ist es ebenfalls sinnvoll, zu Corn-Cob-Mix und Getreide beide Ergänzer einzusetzen. Würde nur der zweite Ergänzer eingesetzt, ergäben sich auf Grund des hohen Mischungsanteils sehr hohe Rohfasergehalte in der Mischung.

Für die Mast ab 70 kg Lebendmasse bewegen sich die Anforderungen in Größenordnungen, die auch in der Vergangenheit von der Praxis immer erreicht oder gar überschritten wurden.

In der Praxis liegen die Energiegehalte der Endmastmischungen meistens über 13 MJ ME je kg. Hier ergeben sich für „normale“ Schweine Lysingehalte im Futter von knapp 0,9 %. Für extrem fleischreiche Schweine sind es rund 0,5 g mehr, also gut 0,9 % Lysin.

Im Vergleich zu den Mischungen für „normale“ Schweine haben die Futter für extrem fleischreiche Schweine etwa 0,5 % bis 1,0 % mehr Rohprotein. Mit Blick auf die Nährstoffbilanz in der Schweinemast ist dies allerdings zu vernachlässigen, da nach den neuen GfE-Empfehlungen bei fleischbetonten Schweinen eine günstigere Energieverwertung unterstellt werden kann.

Energiebedarf geringer

Neben den Empfehlungen zur Protein- und Aminosäureversorgung hat die GfE auch die Zahlen zum Energiebedarf von Mastschweinen aktualisiert und damit dem Zuchtfortschritt Rechnung getragen.

Neu ist die Differenzierung des Energiebedarfs für weibliche Tiere und für Kastraten ab etwa 60 kg Lebendmasse. Mit zunehmendem Gewicht wird für Kastraten eine deutlich ungünstigere Energieverwertung unterstellt.

Auch für extrem fleischreiche Schweine werden ab 70 kg Lebendmasse eigene (niedrigere) Werte für den täglichen Energiebedarf formuliert. Auf die differenzierte Darstellung der Energiebedarfszahlen soll an dieser Stelle verzichtet werden. Im neuen Rechenmeister der Landwirtschaftskammer werden diese Informationen ausführlich dargestellt.

Eine Futterkurve für die Schweinemast („normale“ Schweine) mit ca. 800 g täglichen Zunahmen zeigt die Tabelle 4.

Diese Futterkurve kann natürlich nur eine Orientierung darstellen. Im Einzelfall kann es beispielsweise durchaus angezeigt sein, zum Ende der Mast die Futtermenge (= Energie) noch etwas mehr zu begrenzen. In dieser Futterkurve ist eine Energieverwertung von gut 37 MJ Umsetzbare Energie je kg Zuwachs zu Grunde gelegt. Der tägliche Bedarf an Umsetzbarer Energie kann für den Bereich ab 40 kg Lebendmasse (LM) recht gut mit folgender Formel abgeschätzt werden:

MJ ME/Tag = LM (kg) x 0,22 + TZ (g) x 0,0275 – 8,73

Nach den neuen Bedarfszahlen ist bei einem Niveau von ca. 800 g täglichen Zunahmen eine Energieverwertung von ca. 36,5 MJ je kg für weibliche Tiere und ca. 37,5 MJ je kg Zuwachs für Kastraten unterstellt.

Bei extrem fleischreichen Mastschweinen mit mehr als 60 % Muskelfleischanteil kann mit einer günstigeren Energieverwertung (35 bis 36 MJ je kg) gerechnet werden.

Das bleibt festzuhalten

Die neuen Bedarfszahlen für die Protein- und Aminosäureversorgung von Mastschweinen sind als verdauliche Nährstoffe ausgewiesen. Damit dieses System in der Praxis genutzt werden kann, sollten alsbald entsprechende Futterwerttabellen zur Verfügung stehen. Deshalb wird zunächst auf der Grundlage der verdaulichen Nährstoffe weiterhin mit Brutto-Werten gearbeitet.

Die neuen Bedarfsnormen für die große Masse der „normalen“ Schweine bedeuten für die Praxis folgendes:

  • in der Anfangsmast (bis 40 kg) muss bei den Aminosäuren deutlich zugelegt werden, in der Mittelmast (bis 70 kg) sind die Werte leicht anzuheben und
  • für die Endmast ändert sich gegenüber dem bisherigen Versorgungsniveau praktisch nichts.

Da die GfE nur zwischen „normalen“ Schweinen und Tieren mit extrem hohen Fleischansatz differenziert, empfiehlt die Landwirtschaftskammer Aminosäurenzufuhren, mit denen auch die dazwischen liegenden Schweinetypen bedarfsgerecht versorgt werden. Das heisst, speziell in der Mast ab 60/70 kg LG sind höhere Aminosäurenkonzentrationen im Futter anzustreben als es die GfE für „normale“ Schweine vorsieht.

Tabellen

Autor: Dr. Wolfgang Sommer