Fütterungsbedingte MMA-Erkrankung

Ferkel saugend

Aus Sicht der Fütterung ergeben sich drei wesentliche Aspekte, die Ursache einer MMA-Erkrankung (Mastitis - Metritis - Agalaktie) sein können:

  1. Eine durch begrenzte und/oder ballastarme Fütterung bedingte geburtsnahe Darmträgheit (Verstopfung).
  2. Eine im Hinblick auf das Risiko einer Harnwegsinfektion ungeeignete Futterzusammensetzung (zu alkalisch) und
  3. eine unzureichende Wasserversorgung der Sau vor, während und nach der Geburt.

Unabhängig von diesen „geburtsnahen" Gesichtspunkten muss grundsätzlich in allen Leistungsphasen bedarfsgerecht gefüttert werden. Fette Sauen neigen beispielsweise zu verzögerten Geburten, was immer ein erhöhtes MMA-Risiko darstellt. Hungerphasen während der Hochträchtigkeit führen hingegen zu einem Absinken des Blutzucker- und Blutcalciumspiegels, was ebenfalls gehäuft MMA nach sich ziehen kann. Die Fütterung in der Tragezeit ist so auszurichten, dass Jungsauen bis zur Geburt die Körperkonditionsnote 4,0 und Altsauen 3,5 erreicht haben.

Darmträgheit vermeiden

Aber zu Punkt 1: Die bedeutendste Fütterungsprophylaxe im geburtsnahen Zeitraum besteht in der Aufrechterhaltung der Darmaktivität. Bei vermindertem Kotabsatz oder gar einer Verstopfung kommt es zu Fäulnisprozessen im Dickdarm, bei denen Toxine gebildet werden, die die Darmschranke passieren und dann das Entstehen von MMA begünstigen. Bei Verstopfung vermehren sich zudem Colikeime im Dickdarm, die nach dem Ausscheiden für Gebärmutter und Gesäuge ein erhöhtes Infektionsrisiko darstellen. Eine kritische Phase im Hinblick auf eine geregelte Verdauung stellt der Wechsel vom Trage- auf das Laktationsfutter dar. Tragefutter sind in der Regel rohfaserreich (6 - 8 %) und energiearm (11,8 - 12,2 MJ ME/kg), Laktationsfutter hingegen ballastarm (4 - 5 % Rohfaser) und energiereich (13,0 - 13,4 MJ ME/kg). Um die Verdauungsaktivität aufrecht zu erhalten, kann das spätere Laktationsfutter bereits zu Beginn der Umstallung in den Abferkelbereich ausreichend mit quellfähiger Rohfaser ergänzt werden. Besonders geeignet sind hierfür Komponenten wie zuckerarme (!) Trockenschnitzel, Grünmehle, Weizenkleie, Sojaschalen und auch Sonnenblumenextraktionsschrot. Auf hygienisch einwandfreie Qualität ist bei diesen Futtermitteln aber besonders zu achten. Manche Betriebe nutzen die für eine geregelte Verdauung notwendige Rohfaser, indem sie das Tragefutter im Abferkelbereich bis zu zwei Tagen nach der Geburt weiter füttern. Aber auch das Tragefutter kann oder besser sollte in dieser Phase noch mit den erwähnten Rohfaserträgern ergänzt werden, um die Verdauung zu regulieren.

Betriebe, die über gute Maissilage verfügen, können dieses voluminöse, rohfaserreiche und zudem saure Futter mit 2 bis 3 kg/Tier und Tag einige Tage vor der Abferkelung einsetzen, was die Verdauung ebenfalls verbessern kann. Auch wirken sich Zugaben von Pflanzenöl günstig auf die Kotkonsistenz und damit das Verdauungsgeschehen aus. Bei hartnäckiger Verstopfung sind auch Glaubersalzgaben zu empfehlen. Um entsprechende Wirkungen zu erzielen, sollten mindestens 100 g/Tier und Tag vor der Geburt verabreicht werden. Allerdings sind zusätzliche Fütterungsmaßnahmen immer mit Mehrarbeit verbunden, ein höherer Aufwand um die Geburt herum zahlt sich dennoch meistens wirtschaftlich aus.

Neben der Zusammensetzung bzw. Ausgestaltung des Futters ist auch die tägliche Futtermenge zu beachten. Sinnvoll sind Tagesrationen bis zur Geburt in Höhe von 2,5 bis 3 kg/Sau. Nur wenn ausreichende Mengen aufgenommen und entsprechende Darmfüllungen erreicht werden, ist von verbesserten Transportleistungen des Futters im Darm auszugehen. Gleichzeitig wird bei diesem täglichen Futterangebot die hohe Nährstoffversorgung sichergestellt, die für das starke embryonale Wachstum in den letzten Trächtigkeitstagen notwendig ist.

Harn-pH-Wert durch Fütterung absenken

Zu Punkt 2: Als weitere Entstehungsursache von MMA werden Harnwegsinfektionen vermutet, die durch in den Körper der Sau eintretende pathogene Keime entstehen. Diese Keime haben negative Auswirkungen auf Gebärmutter und Gesäuge. Neben MMA-Erkrankungen können infektionsbedingtes Umrauschen, schlechte Aufzuchtergebnisse und Unfruchtbarkeit die Folge sein. Um diese Krankheitserreger im Harn zu reduzieren, hat sich die Fütterung nach dem Konzept der Kationen-Anionen-Bilanz bewährt. Hierunter versteht man eine säuernde Fütterung mit dem Ziel, den pH-Wert des Harnes abzusenken, um so ein saures und damit ungünstiges Milieu für pathogene Keime zu schaffen. Durch Senkung des normalen Harn-pH-Wertes aus dem schwach alkalischen Bereich ins saure Milieu (pH 6) kann der Keimgehalt um zwei Zehnerpotenzen verringert werden, was das MMA-Erkrankungsrisiko nachweislich vermindert.

Die Harnsäuerung durch das Futter kann über eine Absenkung der alkalisch wirkenden Kationen (Calcium, Magnesium, Kalium und Natrium) bei gleichzeitiger Erhöhung der sauer wirkenden Anionen (Phosphor, Chlorid) herbeigeführt werden. Stark säuernde Wirkung haben auch die schwefelhaltigen Aminosäuren Methionin und Cystin. Ob sich nun eine Futtermischung eher alkalisch oder säuernd auf den Organismus der Sau auswirkt, lässt sich über die Kationen- und Anionenbilanz des Futters nach folgender Formel berechnen:

Kationen-Anionen-Bilanz (KAB, mmol/kg T) =
49,9 x g Ca 82,3 x g Mg + 25,6 x g K + 43,5 g Na – 59 x g P – 13 x g Meth/Cys – 28 x g Cl.

Da man die jeweiligen Mineralstoff- und Aminosäurengehalte der Einzelkomponenten kennt, lässt sich der KAB-Wert auch ohne weiteres für eine Futtermischung berechnen. Mit geeigneten Fütterungsprogrammen ist dies ohne weiteres möglich.

Die KAB-Werte gebräuchlicher Einzelfuttermittel für Sauen sind in Tabelle 1 aufgeführt.

Tabelle 1: KAB-Werte*) einiger gebräuchlicher Sauenfutter (Angaben in mmol/kg Futter-T)

KAB-Werte*) einiger gebräuchlicher Sauenfutter (Angaben in mmol/kg Futter-T

*) KAB = Kationen-Anionen-Bilanz

Wie ersichtlich bestehen zwischen den einzelnen Komponenten ganz erhebliche Unterschiede hinsichtlich ihrer KAB. Äußerst säuernde Wirkung hat z. B. neben dem DL-Methionin die Mineralfutterkomponente Monocalciumphosphat (MCP), stark alkalisierende Wirkung haben – wie bekannt – Futterkalk und übliche Zuchtsauenmineralfutter, die in der Regel viel Futterkalk enthalten. Auch Melasseschnitzel und Grünmehle sind hinsichtlich der KAB eher als ungünstig einzustufen, d. h. deren Vorteile als Ballastfutter sind den Nachteilen einer alkalisierenden Wirkung gegenüberzustellen.

Welche KAB-Werte sind nun in einem Sauenfutter in der Geburtsvorbereitung anzustreben, um pH-Wert senkende Effekte im Harn der Sau zu erreichen? Nach folgender Gleichung lassen sich diese Zusammenhänge berechnen:

Harn-pH-Wert = 6,19 + 0,0031 x KAB + 3 x 10-6 x KAB2

Für ein Futter mit +300 (mmol/kg T) resultiert also rechnerisch ein Harn-pH-Wert von 7,4. Um deutlich säuernde, pH-Wert absenkende Effekte zu erzielen, müsste der KAB-Wert des Sauenfutters mindestens auf +100 bis -100 mmol/kg T abgesenkt werden, wie die Berechnungen nach dieser Gleichung in Tabelle 2 verdeutlichen.

Tabelle 2: Berechneter Harn-pH-Wert in Abhängigkeit von der Futter-KAB

Berechneter Harn-pH-Wert in Abhängigkeit von der Futter-KAB

Übliche Sauenfutter weisen eine KAB von etwa +350 (+200 bis +500) mmol/kg T auf. Um einen säuernden Effekt zu erzielen, könnte man ein Laktationsfutter deshalb einfach zur Hälfte mit Gerste verschneiden und so rechnerisch ein KAB-Wert von etwa +150 mmol/kg T einstellen. Der Harn-pH-Wert könnte durch diese Maßnahme, mit der ca. eine Woche vor der Geburt begonnen werden sollte, auf pH 6,7 abgesenkt werden. Ähnliche Effekte sind durch den Zusatz von 35 % einwandfreier Weizenkleie zu erzielen. Durch den Zusatz von 50 % Gerste bleiben der Energie- und Rohfasergehalt der Sauenmischung nahezu konstant, es verengt sich das Ca : P-Verhältnis auf ca. 1 : 1 bei gleichzeitig abgesenktem Ca-/P-Niveau. In der Mischung mit 35 % Weizenkleie reduziert sich der Energiegehalt auf 11,7 MJ ME/kg, der Rohfasergehalt steigt auf über 7 %, was in etwa den Vorgaben eines Tragefutters entspricht. Der Ca-Gehalt liegt bei 0,57 %, der P-Gehalt bei 0,77 %.

Dieses vorübergehende, auf den ersten Blick ungünstig erscheinende Ca : P-Verhältnis von 0,74 : 1 wirkt sich jedoch nicht negativ auf die Knochenmineralisierung der Sau aus. Im Gegenteil sind hierdurch Vorteile bezüglich der Harn-pH-Wert-Absenkung zu erwarten. Eine 1%ige Methioninergänzung würde einen KAB-Wert von +25, eine 2%ige Ergänzung einen KAB-Wert von rund –100 mmol/kg T ergeben. Beides würde entsprechend den Harn-pH-Wert beeinflussen und dem MMA-Risiko entgegenwirken (siehe Tabelle 3). 100 g reines DL-Methionin können derzeit mit ca. 0,30 € kalkuliert werden, so dass ein 2%iger Methioninzusatz die Tagesfutterkosten lediglich um rund 0,20 €/Sau verteuern würde. Dieser harnsäuernde Futterzusatz bedingt allerdings einen bitteren Futtergeschmack, was die Futterakzeptanz insgesamt verringert. Ein Harnsäurer von besserer Akzeptanz als Methionin ist gekapseltes Calciumchlorid, bekannt unter dem Handelsnamen „Calci cap". Mit etwa 20 g/Sau und Tag in den 7 – 10 Tagen vor dem Abferkeln bis max. 5 Tage nach der Geburt wurden auch hiermit in der Praxis recht gute Erfolge erzielt.

Tabelle 3: Vorschläge für Geburtsvorbereitungsfutter

Vorschläge für Geburtsvorbereitungsfutter

Für Betriebe mit Fertigfuttereinsatz bietet der Handel spezielle Geburtsfutter an, die das MMA-Risiko reduzieren können. Diese meist energiereichen Spezialfutter enthalten in der Regel wenig Calcium und viel quellfähige Rohfaser, des weiteren verdauungsregulierende organische Futtersäuren und Probiotikazusätze. Der Einsatz dieser Futter ist allerdings wiederum mit Mehraufwand verbunden, was die Akzeptanz in der Praxis verringert. Üblicherweise werden diese Geburtsfutter ab dem 7. Tag vor bis etwa zwei Tage nach der Geburt verabreicht.

Wasserversorgung optimal gestalten

Neben all diesen Maßnahmen zur Rationsoptimierung darf auf keinen Fall vergessen werden, den Sauen im Abferkelbereich jederzeit ausreichend einwandfreies Tränkwasser anzubieten. Mangelhafte Wasserversorgung gerade um den Geburtszeitpunkt herum verstärkt das MMA-Geschehen. Eine reichliche Wasseraufnahme soll nämlich dazu dienen, in gewisser Weise „Spülfunktionen" zu erreichen, die sich auf den Gesundheitszustand der Sau positiv auswirken. Die Aufnahme maximaler Wassermengen ist deshalb oberstes Gebot. Tränkenippel sollten eine Durchflussrate von 2 bis 3 Litern/Minute haben. Darüber hinaus sollten am Tage der Geburt bis zwei Tage danach zusätzliche Wassergaben in den gereinigten Futtertrog geben werden, was dem Wohlbefinden der Sau zugute kommt, das Futteraufnahme- und damit das Milchleistungsvermögen steigert. Diese Sonderzuteilung kann per Hand, mittels Schlauch oder sonstiger Technik erfolgen. Flüssigfütterungsbetriebe sind hinsichtlich der Wasserversorgung im Vorteil, da die Wasseraufnahme in der Regel insgesamt besser als bei Trockenfütterung ist. Betriebe mit Trockenfuttereinsatz sollten um den Geburtszeitpunkt herum das Futter in suppiger Form anbieten, was sich ebenfalls günstig auf das Verdauungsgeschehen auswirken kann.

Schließlich hat die Fütterung zu Beginn der Laktation einen Einfluss auf das Leistungsgeschehen. Sauen dürfen sich in den ersten Tagen nach dem Ferkeln nicht gleich "zufressen". Einer gemäßigten Anfütterung kommt deshalb besondere Bedeutung zu. Diese kann so erfolgen, dass die tägliche Futtermenge kontinuierlich gesteigert wird, so dass bis zum 7./10. Laktationstag die maximale Futteraufnahme erreicht wird.

Fazit für die Praxis

Bei MMA-Erkrankungen handelt es sich um ein mehrfaktorielles Geschehen, an dem die Fütterung maßgeblich beteiligt sein kann. Im wesentlichen kommt es deshalb darauf an, die geburtsnahe Darmträgheit (Verstopfung) zu verhindern und die Sau vor dem Risiko einer Harnwegsinfektion möglichst zu schützen. Beide Maßnahmen sollen dazu dienen, Gefahren durch MMA-verursachende Toxine und pathogene Keime zu minimieren. Aus diesen Gründen sollte das Sauenfutter in den Tagen vor der Geburt möglichst reichlich und quellfähige Rohfaser (z. B. zuckerarme Trockenschnitzel, einwandfreie Weizenkleie, Sojaschalen u. a.) enthalten, um die notwendige Darmaktivität zu sichern. Durch Einsatz sauerwirkender Komponenten und gleichzeitiger Reduzierung alkalischer Komponenten kann dem Risiko von Harnwegsinfektionen als Auslöser von MMA vorgebeugt werden. Von großer Bedeutung ist schließlich die Wasserversorgung der Sau. Neben gut funktionierenden Tränkenippeln sind zusätzliche Wassergaben am Tage der Geburt und danach unbedingt zu empfehlen.

Autor: Dr. Wolfgang Sommer