Getreidequalitäten 2008

Schweine in der Großgruppe

Die LUFA NRW in Münster hat bis Anfang September bereits über 800 Getreideproben aus der Ernte 2008 untersucht. Die Ergebnisse erlauben bereits einen guten Überblick über die diesjährigen Getreidequalitäten. Die wechselhafte Witterung hat im Gegensatz zum Vorjahr zu allgemein guten Getreideerträgen geführt. Bei den wertbestimmenden Inhaltsstoffen sind jedoch, wie in den Vorjahren, große Schwankungen zu verzeichnen, so dass die geernteten Getreidechargen mit großen Unterschieden beim Futterwert aufwarten. Neben der Witterung können dafür die jeweiligen Standortbedingungen (Bodenart, Wassergehalte- und Wassernachlieferungsvermögen), Düngung, Saatzeit, Sorte und Pflanzenbehandlung verantwortlich sein. Derart große Qualitätsunterschiede können bei einer leistungs- und bedarfsgerechten Kalkulation von Futtermischungen große Schwierigkeiten bereiten, die zu mehr oder weniger großen Versorgungsdefiziten bzw. Überversorgungen führen können. In der Übersicht 1 sind die Ergebnisse der diesjährigen Getreideuntersuchungen zusammengestellt. Aus Gründen der Vergleichbarkeit beziehen sich die Werte auf einheitliche Trockenmassegehalte (T-Gehalte) von 88 %. Der mittlere T-Gehalt sämtlicher Proben beträgt 86,3 % bei einer Spanne von 77,6 bis 93,1 %. Die Variation bei den T-Gehalten ist bei den Gerstenproben vergleichsweise groß. Dies hängt sicherlich mit den weniger günstigen Witterungsbedingungen zur Zeit der Gersteernte zusammen. Während die frühreifen Gerstenflächen unter günstigen Bedingungen geerntet werden konnten, verzögerte sich die spätere Ernte durch sehr unbeständiges Wetter beachtlich, wobei im Einzelfall auch recht feuchtes Erntegut anfiel. Diese feuchten Getreideproben stammen zum Teil auch von Getreidepartien, die entweder geschrotet oder nach Behandlung mit konservierenden Säuren eingelagert wurden. Der aktuelle Feuchtgehalt ist für die Rationsgestaltung von großer Bedeutung. Je nach Feuchtgehalt verändert sich die Konzentration der futterwertrelevanten Inhaltsstoffe und damit die Energiedichte. Weiterhin haben die vorliegenden Unterschiede von bis zu 15 Prozentpunkten in der Trockensubstanz einen Einfluss auf die Konsistenz und Fließfähigkeit des Futterbreis in Flüssigfütterungsanlagen. Auf jeden Fall ist dann die Zugabe der erforderlichen Wassermengen anzupassen.

Große Eiweißschwankungen

Gegenüber dem Vorjahr fallen die Rohproteingehalte deutlich niedriger aus. Dies kann mit den höheren Flächenerträgen im Zusammenhang stehen, die wiederum mit dem sogenannten Verdünnungseffekt gekoppelt sein können. Der mittlere Eiweißgehalt der Gerste pendelt sich bei 104 g je kg ein. Damit liegt der Proteingehalt um über 10 % unter dem Vorjahresgehalt auf einem deutlich niedrigeren Niveau. Besonders auffällig ist die enorm große Schwankungsbreite von 80 bis 160 g Rohprotein je kg. Beim Weizen liegen vergleichbare Verhältnisse vor. Bei einem mittleren Eiweißgehalt von nur 105 g je kg wird der Vorjahreswert (114 g/kg) um 8 % verfehlt, bei einer ebenfalls beachtlichen Spanne von 79 bis 137 g. Die Triticale kommt auf einen Eiweißgehalt von durchschnittlich 97 g je kg (im Vorjahr 111 g/kg), also rund 12 % niedriger als im Vorjahr. Beim Roggen liegt der mittlere Proteingehalt bei 91 g je kg und damit um etwa 8 % niedriger als im Vorjahr. Dieses Gehaltsniveau kann allerdings bei mehrjähriger Betrachtung als normal betrachtet werden. Sowohl bei der Triticale als auch beim Weizen fällt die große Schwankungsbreite bei den Eiweißgehalten auf. Sie reicht von knapp 70 g bis über 120 g Rohprotein je kg, die es bei der Zusammenstellung der Futtermischung auszugleichen gilt. Derartige Gehaltsdifferenzen sind in der Fütterung umso bedeutender, je höher der Mischungsanteil einer Getreideart ist.

Analog zu den Rohproteingehalten streuen die Aminosäurengehalte in gleicher relativer Größenordnung, denn sie werden seitens der LUFA mit Hilfe der bewährten Degussa-Schätzformeln auf der Basis des ermittelten Rohproteingehaltes berechnet (siehe Übersicht 2). Der Lysingehalt schwankt beispielsweise bei der Gerste zwischen 3,0 und 5,1 g/kg. Der mittlere Gehaltswert von 3,6 g liegt dabei knapp unter dem mehrjährigen Lysingehalt der Gerste (3,7 g/kg). Ähnlich große Spannen zeigen sich bei Weizen, Triticale und Roggen. Um Futterrationen möglichst auf den Punkt kalkulieren zu können, sollten die Gehalte der fünf erstlimitierenden Aminosäuren des Getreides (Lysin, Methionin/Cystin, Threonin und Tryptophan) bekannt sein. Nur so wird offenkundig, ob und wie viel Eiweißträger ergänzt oder wie viel Eiweiß eingespart werden kann. Hohe Mast- und Aufzuchtleistungen lassen sich nur mit Futtermischungen realisieren, bei denen ein ausgeglichenes Lysin-Energie-Verhältnis vorliegt und die übrigen essentiellen Aminosäuren ebenfalls in einer bedarfsgerechten Relation zueinander stehen. Überschüssiges Protein wird von den Tieren ungenutzt ausgeschieden – es belastet zudem den Geldbeutel und letztlich auch die Stickstoffbilanz des Betriebes und damit die Umwelt. Mit Einführung der zusätzlichen Futterbewertung auf der Basis der praecaelen Verdaulichkeit ( pcv), bei der die Verdaulichkeit bis zum Ende des Dünndarms berücksichtigt wird, kann eine weitergehende Feineinstellung der tiergerechten Versorgung mit den verschiedenen Aminosäuren erfolgen. Die pcv-Gehalte der einzelnen Aminosäuren werden auch ohne gesonderte Berechnung auf den Untersuchungsbefunden der LUFA mitgeteilt. Während die Gerste eine pcv des Lysins von 73 % besitzt, wird das Lysin im Weizen immerhin zu 88 % bis zum Ende des Dünndarms verdaut. Triticale nimmt mit 84 % eine Mittelstellung beim pcv-Lysin ein. Methionin/Cystin haben in der Gerste eine pcv von 80 % und im Weizen von 90 %.

Streuung der Energiegehalte

Als weitere wichtige Voraussetzung für eine leistungsgerechte Fütterung ist die Information über den Energiegehalt der einzelnen Futterkomponenten erforderlich. In Mastrationen bestehen beispielsweise enge Zusammenhänge zwischen der Energie- und Lysinversorgung der Tiere und der daraus resultierenden Muskelbildung (Muskelfleischanteil). Bei einer Unausgewogenheit stellen sich rasch Verfettungen der Tiere ein, auch wenn ein ausreichendes Angebot an Aminosäuren vorliegt.

Die nach der Mischfutterformel berechneten Energiegehalte der verschiedenen Getreidearten sind der Tabelle 1 zu entnehmen. Dabei fällt auf, dass sich die ermittelten Durchschnittsgehalte nicht oder kaum von der Vorjahreswerten unterscheiden. Auch bei mehrjähriger Betrachtung erreichen Gerste und Roggen ein normales Energieniveau von 12,9 bzw. 13,5 MJ ME je kg. Lediglich Weizen und Triticale kommen aufgrund überdurchschnittlicher Stärke- und unterdurchschnittlicher Rohfasergehalten zu leicht erhöhten Energiegehalten von im Mittel 14,2 bzw. 14,0 MJ ME je kg. Für eine Rationskalkulation ist aber ein exakter Wert erforderlich und nicht die große Schwankungsbreite der Energiegehalte. Während die ME-Gehalte der Gerste zwischen 12,2 und 14,0 MJ streuen, bewegt sich die Spanne beim Weizen zwischen 13,7 und 14,5 MJ ME je kg. Die recht große Streuung bei der Gerste kann durch unterschiedliche Spelzenanteile (Rohfaser) sowie Mehlkörperausbildungen (Stärke) hervorgerufen werden. Angesichts dieser Streubreite wird ersichtlich, dass eine Rationskalkulation mit Mittelwerten aus üblichen Tabellenwerken mit großen Risiken behaftet ist und sich eine Futterwertbestimmung durch die LUFA schnell bezahlt macht. Dort werden mit Hilfe der NIRS-Technik die Rohnährstoffgehalte ermittelt, die Aminosäurengehalte berechnet und die Energiegehalte der Getreideproben mitgeteilt. Derzeit stellt die LUFA NRW in Münster Landwirten aus NRW für eine NIRS-Untersuchung von Getreide (Gerste, Weizen, Triticale, Roggen) rund 30 € (incl. MwSt.) in Rechnung.

Bei der Verfütterung erfolgt eine weitergehende Betrachtung der Energiegehalte im Hinblick auf eine gezielte Ergänzung der Futtermischungen mit Aminosäuren. Je nach Mastabschnitt existieren unterschiedliche Anforderungen an die Relation von Aminosäuren zur Energie. Während in der Anfangsmast (ab 30 kg) ein Lysin-Energie-Verhältnis von 0,84 bis 0,86 g Lysin je MJ ME für einen hohen Muskelfleischansatz anzustreben ist, kann die Relation in der Endmast (ab 70 kg) auf etwa 0,65 kg Lysin zurückgefahren werden.

Ein stärkerer Befall mit Fusarienkeimen, die insbesondere beim Schwergetreide (Weizen, Triticale) verstärkt vorkommen und zusätzlich mit einem Befall an Mykotoxinen, hier vornehmlich Deoxynivalenol (DON) und Zearalenon (ZEA), gekoppelt sein können, war während der zurückliegenden Ernteperiode nur vereinzelt zu beobachten. Falls Verdachtsmomente bzw. – symptome auf einen Mykotoxinbefall hindeuten sollten, kann eine entsprechende Untersuchung (Getreideprobe) bei der LUFA in Münster Klarheit verschaffen.

Zum Abschluss der diesjährigen Getreideernte konnte mehrfach Auswuchs beobachtet werden, vor allem bei Triticale. Der Auswuchs zeigt sich in Form einer Keimung des Kornes, die durch eine vermehrte Wasseraufnahme des Kornes ausgelöst wird. Dabei erfolgt lediglich eine Stoffumlagerung innerhalb des Kornes von Stärke zu Zucker, wobei sich der Energiewert des Kornes kaum ändert. Lediglich bei stärkerem Auswuchs ist von einem etwas niedrigeren Rohproteingehalt auszugehen. Dabei erhöht sich allerdings die Aminosäurenkonzentration im Protein. Da das Auswuchsgetreide häufig mit einem Fusarienbefall gekoppelt ist, sollte es nicht an Sauen oder Ferkel verfüttert werden.

Preiswürdigkeit

Beim Zukauf von Getreide stellt sich gleichzeitig die Frage nach der Preiswürdigkeit der einzelnen Getreidearten oder auch nach sonstigen Futteralternativen. In der Übersicht 3 sind alle Preiswürdigkeitsgrenzen der verschiedenen Getreidearten aufgeführt. Sie können bei den derzeit rückläufigen Getreidepreisen auch als Entscheidungshilfe für den Einsatz von Fertigfutter oder Eigenmischung herangezogen werden.

Fazit

Die Ergebnisse der bislang eingesandten 800 Getreideproben geben einen guten Überblick über die diesjährigen Getreidequalitäten. Im Vergleich zum Vorjahr fallen die Rohproteingehalte bei allen Getreidearten deutlich niedriger aus. Insgesamt können die ermittelten Inhaltsstoffe sowie Futterwerte jedoch noch als durchschnittlich eingestuft werden. Die enormen Qualitätsdifferenzen innerhalb der verschiedenen Chargen bereiten jedoch große Probleme bei der leistungsgerechten Rationskalkulation. Falls Getreideanalysen vorliegen, können die Futtermischungen bedarfsgerecht optimiert werden. Dabei kommt einer gezielten Aminosäurenergänzung eine besondere Bedeutung zu, so dass die jeweils angestrebten Lysin-Energie-Verhältnisse erreicht werden. Beim Verdacht auf einen Mykotoxinbefall (DON, ZEA) sollte ein ELISA-Schnelltest (ca. 33 € je Toxin) durchgeführt werden. Dem Untersuchungsbefund werden entsprechende Orientierungswerte zur Interpretation des Ergebnisses beigefügt. Es reicht die Einsendung einer Probenmenge von 1 kg Getreide an die LUFA NRW, Nevinghoff 40, 48147 Münster. Neben dem kammereigenen Kurierdienst über die Kreisstellen können die Proben auch über Reiffeisenmärkte oder Landhändler auf den Weg gebracht werden. Falls der Zukauf von Getreide ansteht, sollte die Preiswürdigkeit der verschiedenen Alternativen berücksichtigt werden.

Autor: Dr. Gerhard Stalljohann und Josef Möllering