Hekto-Liter-Gewicht nur mit geringer Aussagekraft

Mähdrescher

Für die Festsetzung des Getreidepreises wird das Hekto-Liter-Gewicht (HLG) bestimmt. Ob es aber den tatsächlichen Futterwert des Getreides wiedergibt, ist zweifelhaft, wie Dr. Wolfgang Sommer und Josef Möllering von der Landwirtschaftskammer in Münster anhand umfangreicher Untersuchungen erläutern.

Seit langer Zeit wird beim Handel mit Getreide das HLG als Wertmaßstab zu Grunde gelegt. Es dient als Basis für die Preisfestsetzung. Weicht das HLG von einem bestimmten Mittelwert ab, werden Zu- oder Abschläge beim Auszahlungspreis vorgenommen. Diese Vorgehensweise hat zunächst klare Vorteile: Das HLG lässt sich ohne viel Zeit- und Materialaufwand schnell und kostengünstig vor Ort, also direkt beim Handel bestimmen. Zeitraubende, kostenintensive und wenn man so will auch umständliche andere Messmethoden sind hier unterlegen, beispielsweise Laboruntersuchungen wie die NIRS-Technik oder gar die nasschemische Weender Analyse.

Fachleute sowohl aus der Mühlenindustrie als auch der Tierernährung bezweifeln aber schon lange, dass das HLG eine geeignete Basis für Wertfeststellungen von Getreidepartien sei. In der Schweinefütterung wird beispielsweise den wertbestimmenden Inhaltsstoffen des Getreides große Bedeutung beigemessen. Das sind die Rohnährstoffe Rohprotein mit den darin enthaltenen Aminosäuren, Rohfett, Stärke, Rohfaser und hieraus resultierend letztlich der Energiegehalt, der als Umsetzbare Energie (ME-Schwein) angegeben wird. All diese Kriterien lassen sich aber nicht im Entferntesten über das HLG erfassen, so dass dieses Maß mehr als fragwürdig ist.

In der Schweinefütterung bestimmt sich der Wert einer Getreideart außerdem ganz wesentlich durch die Aminosäurenanteile. Relevant sind dabei die erstlimitierenden Aminosäuren Lysin, Methionin/Cystin, Threonin und Tryptophan. Aminosäuren lassen sich nicht vor Ort, sondern nur im Labor bestimmen. Es sei denn, vor Ort stünden NIRS-Geräte zur Verfügung, mit denen man diese Kriterien indirekt ermitteln könnte. Die Lysingehalte von Gerste schwanken in diesem Jahr z. B. von 3,0 g bis 5,7 g je kg. Das sind riesige Differenzen, die nicht nur den finanziellen Wert des Getreides bestimmen, sondern auch eine wichtige Rolle in der Rationsgestaltung spielen. Lysinarme Gerste müsste nämlich entsprechend mit freiem Lysin oder einem Eiweißträger ergänzt werden, um zu einer leistungsgerechten Futtermischung zu kommen. Aber nur die möglichst genaue Kenntnis dieses Inhaltsstoffes und anderer Wertkriterien ermöglicht es, leistungsgerecht zu füttern und wirtschaftlich zu handeln. Das HLG kann diese Informationen dafür in keiner Weise liefern.

Ähnliches gilt für den so entscheidenden Energiegehalt. Liegen Analysenwerte vor, wird der Energiegehalt des Getreides auf Basis der ermittelten Rohnährstoffgehalte sehr exakt nach einer festgelegten und bewährten Schätzformel bestimmt. Die Daten für diese Berechnung kann nur eine Analyse liefern, mit dem HLG ist das nicht möglich. Der Energiegehalt bei Weizen schwankt in diesem Jahr beispielsweise zwischen 13,4 und 14,6 MJ ME/kg. Diese Differenzen lassen sich über das HLG nicht feststellen, weil es zwischen den Rohnährstoffen und dem HLG fast keine gerichteten Beziehungen gibt.

Um die nur schwachen Zusammenhänge zwischen dem wahren Futterwert des Getreides und dem HLG mit Zahlen zu belegen, wurden in diesem Herbst einmal entsprechende Getreideuntersuchungen bei der LUFA in Münster durchgeführt. In den nachfolgenden Übersichten sind die Ergebnisse für die vier Getreidearten Weizen, Gerste, Triticale und Roggen zusammenfassend dargestellt.

In der Übersicht 1 sind die wertbestimmenden Inhaltsstoffe und Energiegehalte der verschiedenen Getreidepartien der NRW-weiten Sonderaktion aufgeführt. Insgesamt wurden 94 Getreideproben mit Hilfe der NIRS-Analytik auf ihre Inhaltsstoffe und Futterwerte untersucht. Entsprechend ihrer Anbaubedeutung gingen die einzelnen Getreidearten mit Probenzahlen zwischen 19 und 28 in die Auswertungen ein. Angesichts der großen Schwankungsbreiten bei den verschiedenen Inhaltsstoffen (siehe Werte in Klammern) lassen sich die gravierenden energetischen Differenzen beim ME-Gehalt erklären.

Die Streuung der HLG um den Mittelwert der einzelnen Getreidearten ist ebenfalls beachtlich.

Um nun einen Überblick über die Beziehungen zwischen dem HLG und den übrigen Rohnährstoffen einschließlich der ME-Gehalte zu bekommen, erfolgte eine statistische Überprüfung der Abhängigkeiten der einzelnen Zahlenpaare. Mit Hilfe der Korrelation bzw. des Korrelationskoeffizienten (r) lässt sich das Maß für die Intensität und Richtung der Abhängigkeit von Beziehungen ermitteln. Die r-Werte können zwischen -1 und +1 liegen. Wenn r = 1 ist, dann existiert ein fester (enger) Zusammenhang zwischen den Zahlenpaaren. Korrelationskoeffizienten nahe 0 weisen auf keinerlei gerichtete Beziehungen hin.

Das Bestimmtheitsmaß (r²) als weitere statistische Kennzahl gibt an, welcher Anteil (in %) der Beziehungen als gerichtet anzusehen ist. Die r²-Werte werden durch das Quadrieren der r-Werte ermittelt, so dass die Beziehungen zwischen dem HLG und z. B. dem Energiegehalt dadurch noch deutlicher werden. Hierzu folgende Beispiele: Wird ein hoher r-Wert von 0,95 mit sich selbst multipliziert, so ergibt sich ein hohes Bestimmtheitsmaß von r² = 0,90. In diesem Fall kann in 90 % der vorliegenden Zahlenpaaren von einer gerichteten Beziehung gesprochen werden. Bei einem r-Wert von 0,2 errechnet sich ein Bestimmtheitsmaß von r² = 0,04. Hier liegt keinerlei Beziehung vor, da mögliche Abhängige allenfalls in 4 % der Zahlenpaare als gerichtet betrachtet werden können.

In Übersicht 2 sind die statistischen Kennzahlen zwischen dem HLG und den übrigen Rohnährstoffen bzw. Energiewerten der verschiedenen Getreidearten aus der diesjährigen Sonderaktion aufgeführt. Zwischen dem Rohprotein- sowie dem Rohfasergehalt und dem HLG lassen sich keinerlei Beziehungen ableiten. Dort erreicht der Weizen mit einem r-Wert von 0,48 bezogen auf die Abhängigkeit zwischen Rohfasergehalt und HLG den höchsten Aussagewert. Bei dem daraus abgeleiteten Bestimmtheitsmaß von r² = 0,23 resultiert jedoch nur eine Beziehungsquote von 23 %. Umgekehrt betrachtet liegt hier in 77 % der Zahlpaare keine gerichtete Beziehung vor. Um von einer gerichteten Beziehung sprechen zu können, sollten r²-Werte von mindestens 0,65 (= 65 %) vorhanden sein.

Lediglich beim Roggen wird diese Mindestabhängigkeitsquote mit r² = 0,64 zwischen dem Stärkegehalt und dem HLG annäherungsweise erreicht. Für die Beziehung zwischen dem HLG und dem Energiegehalt des Roggens ergibt sich jedoch auch nur ein Bestimmtheitsmaß von r² = 0,54. Da es sich beim Roggen jedoch nur um 16 untersuchte Proben handelt, können diese Beziehungen nur unter Vorbehalt gewertet werden. Besonders auffällig ist, dass es bei der Gerste keine statistisch abzusichernden Beziehungen zwischen dem HLG und den übrigen Parametern gibt. Beim Schwergetreide werden hingegen höhere r- bzw. r²-Werte erreicht, von einer gerichteten Beziehung zwischen dem HLG und dem Stärke- bzw. ME-Gehalt kann jedoch nicht gesprochen werden.

Dieses Ergebnis konnte an diesjährigen Untersuchungen von 81 Weizenproben aus dem Gebiet der Landwirtschaftskammer Hannover bestätigt werden. Dort erreichte der Korrelationskoeffizient (r) zwischen dem ME-Gehalt und dem HLG lediglich einen Wert von r = 0,2 (bzw. r² = 0,04).

Fazit

Die Analysenergebnisse der Getreideproben weisen bezüglich der Inhaltsstoffe und der daraus resultierenden Futterwerte große Schwankungen auf. Im Hinblick auf eine bedarfs- und leistungsgerechte Versorgung der Tiere mit Nährstoffen liefert somit eine NIRS-Analyse wichtige Informationen.

Bei der NIRS-Untersuchung werden sämtliche Inhaltsstoffe der Getreideprobe ermittelt und die Futterwerte einschließlich der Aminosäuren davon abgeleitet. Eine NIRS-Analyse kostet im Untersuchungszentrum der LUFA NRW in Münster zurzeit für nordrhein-westfälische Landwirte 27,84 € (inkl. MWSt. zzgl. Porto).

Das vom Getreidehandel vielfach zugrunde gelegte Hekto-Liter-Gewicht (HLG) als Wertmaßstab für die Preisfindung der unterschiedlichen Getreidepartien ist aus energetischer bzw. aus Sicht der Fütterung nicht gerechtfertigt, da eine Getreidepartie mit einem hohem HLG nicht automatisch einen hohen Futterwert zur Folge hat. Analysenwerte liefern hier eine eindeutig bessere Beurteilungs- und Bewertungsbasis, zumal die NIRS-Untersuchung wichtige Informationen zu den Aminosäurengehalten des Getreides vermittelt.

Autor: Dr. Wolfgang Sommer und Josef Möllering