Geimpfte Eber im Versuch

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Ebermast. Foto: Ludger Bütfering

Fütterungsversuch zur Ebermast und zur Mast mit Improvac geimpfter Jungeber

Die betäubungslose Kastration männlicher Ferkel ist nach geltendem Tierschutzrecht ab dem 01.01.2019 verboten. In der Begründung zu der Gesetzesänderung für dieses Verbot werden die Verfahren Jungebermast, Kastration unter Narkose und die Impfung gegen Ebergeruch als Alternativen genannt. In zahlreichen Versuchen wurden bisher die Verfahren der Ebermast in Fragen der Fütterung und Haltung erforscht und daraus entsprechende Beratungsempfehlungen abgeleitet.

Wie wirkt die Impfung gegen Ebergeruch?

Das Wirkungsprinzip der Impfung besteht in einer Antigen-Antikörperreaktion, die steuernd in den Hormonhaushalt der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) eingreift. Die erste Impfung erfolgt zweckmäßigerweise beim Einstallen in die Mast und hat eine Grundstimulation des Immunsystems zum Ziel. Die zweite Impfung (sog. Booster) sollte nach Herstellerempfehlung ca. 4-6 Wochen vor dem geplanten Schlachttermin erfolgen.

Der Impfstoff blockiert in seiner Wirkung den Botenstoff Gonadotropin-Releasing-Faktor (GnRF), der im Gehirn (Hypothalamus) erzeugt wird und in der Hypophyse die Produktion der Hormone FSH (Follikel stimulierendes Hormon) und LH (Luteinisierendes Hormon) stimuliert. FSH und LH sind für die Hodenfunktion und damit für die Produktion des männlichen Geschlechtshormons Testosteron und des Geruchsstoffs Androstenon von entscheidender Bedeutung. Durch die Blockade des Botenstoffs wird deshalb auch die Produktion von FSH und LH blockiert. Infolge dessen werden die Hodenfunktion und damit auch die Produktion des unerwünschten Ebergeruchsstoffs Androstenon blockiert. Diese Blockade setzt erst mit der zweiten Impfung ein, was äußerlich zu einer Verkleinerung der Hoden führt. Bis zur zweiten Impfung bleibt die Hodenfunktion, d. h. auch die Bildung des männlichen Geschlechtshormons unverändert.

Die beschriebene Wirkung der Impfung setzt eine exakte Planung und Durchführung der Impftermine voraus. Während der erste Impftermin zeitlich relativ unabhängig gewählt werden kann, sollte der zweite termingerecht 4 bis 6 Wochen vor der Schlachtung erfolgen. Der gesamte Vorgang ist umkehrbar, d.h. nach Abklingen der Impfwirkung beginnt die Hypophyse wieder mit der Produktion von FSH und LH, die Hoden vergrößern sich wieder, und es beginnt die neue Produktion des Geschlechtshormons und des Ebergeruchsstoffs. Nach Herstellerangaben lässt die Wirkung der zweiten Impfung ab der 10. Woche wieder nach.

Die Impfreaktion kann häufig durch Beobachtung der Hodenentwicklung überwacht und „Impfversager“ könnten gegebenenfalls nachgeimpft werden. Dies gelingt jedoch nicht in jedem Fall.

Durch speziell entwickelte Sicherheitsimpfpistolen kann einer Selbstinjektion vorgebeugt werden. Dies ist wichtig, da durch eine Selbstinjektion die beschriebene Impfreaktion auch bei weiblichen und männlichen Anwendern ausgelöst wird. Auch beim Anwender ist der Vorgang, der nach der Zweitimpfung zur Wirkung kommt, reversibel.

Der Impferfolg wurde im vorliegenden Versuch durch die Analyse von Androstenon, Skatol und Indol im Rückenspeck bei allen intakten Ebern und einer Stichprobe von jeweils 10 mit Improvac geimpften Ebern je Versuchsgruppe geprüft. Diese Laboruntersuchungen erfolgten durch Mitarbeiter der Universität Hohenheim.

Im vorliegenden Versuch sollten Beratungsempfehlungen für das Verfahren der Impfung gegen Ebergeruch mit dem Impfstoff Improvac der Firma Zoetis (früher Pfizer) im Vergleich zur Ebermast erarbeitet werden. Der Versuch erfolgte im Versuchs- und Bildungszentrum Landwirtschaft Haus Düsse mit insgesamt 190 Tieren im Lebendgewichtsabschnitt von ca. 30 bis ca.120 kg in Einzelhaltung auf Teilspaltenboden mit Fußbodenheizung und Automatenfütterung. Die zugekauften Ferkel stammten aus Anpaarungen von Pietrainvätern an Sauen der Herkunft Topigs20.

Die Fütterung erfolgte mit pelletiertem Alleinfutter in drei Mastphasen: Vormast bis etwa 40 kg Lebendgewicht (LG), Mittelmast bis etwa 90 kg LG und anschließend Endmast bis etwa 120 kg LG. Die jeweilige Futterumstellung wurde tierindividuell nach Lebendgewicht gestaltet. Insgesamt kamen vier Futtermischungen zum Einsatz (Übersicht 1, siehe PDF-Datei unten).

Vier Versuchsgruppen gegenüber Ebern im Vergleich

Als Vergleich oder Kontrolle diente eine Ebergruppe, die mit einem Proteinniveau auf der Basis der vorläufigen Kammer- oder auch DLG-Empfehlungen versorgt wurde. Diese Futtermischungen erhielten die Eber in allen Mastabschnitten ad libitum.

Die erste Versuchsgruppe sollte die Frage nach dem Effekt der Improvac-Impfung unter sonst gleichen Bedingungen wie bei den intakten Eber klären, wobei nach Empfehlung des Herstellers als Termin der zweiten Impfung vier Wochen vor der Schlachtung festgelegt wurde.

In der zweiten Versuchsgruppe wurden die geimpften Tiere im Endmastbereich ab ca. 90 kg LG mit einem „Endmast angepassten Proteinniveau“ versorgt. Hintergrund ist die erwartete Veränderung im Futteraufnahmevermögen und dem Fleischbildungsvermögen der geimpften Tiere. Mit einer Absenkung des Proteinversorgungsniveaus (ca. – 20 % im Merkmal g Bruttolysin/MJ ME) in der Mischung sollte einem möglichen „Luxuskonsum“ mit allen damit verbundenen Effekten im Futterkosten- und Umweltbereich nach der zweiten Impfung vorgebeugt werden. Die geplante Absenkung konnte durch die Futteranalyse nur in eingeschränktem Umfang umgesetzt werden.

In der dritten Versuchsgruppe wurde der Impftermin auf den frühesten Punkt der Herstellerempfehlung, d. h. 6 Wochen vor der Schlachtung vorgezogen. Damit sollte die Frage geprüft werden, wie es sich auswirken könnte, wenn sich in der Praxis der Verkaufstermin z.B. aus Gründen von Marktentwicklungen verschieben sollte.

Die vierte Versuchsgruppe zielte auf die Frage, ob die impfbedingte Steigerung der Futteraufnahme und die damit zu befürchtende negative Beeinflussung des Schlachtkörperwertes durch eine Rationierung auf 37,5 MJ ME / Tag (d. h. ca. 2,8 kg / Tier und Tag) begrenzt werden kann. Auch hier standen wirtschaftliche Fragen im Vordergrund.

Positiver Effekt der Impfung auf Zunahme und Futterverbrauch

Intakte Eber haben ein begrenztes Futteraufnahmevermögen und sollten daher grundsätzlich ad libitum gefüttert werden. Alle Impfgruppen zeigen nach der zweiten Impfung eine höhere tägliche Futteraufnahme, die im Mittel der Endmast ab 90 kg LG um 0,20 bis 0,36 kg je Tag höher liegt als bei den intakten Ebern (Übersicht 2). Die Futteraufnahme zeigt bis zur 2. Impfung leichte Vorteile für die intakten Eber. Die Futteraufnahme der Impftiere steigt danach linear weiter, bei den intakten Ebern sind die Zuwachsquoten in der Futteraufnahme geringer. Über die gesamte Versuchsphase sind die Unterschiede zwischen den Gruppen jedoch geringer als erwartet. Der Plan, das Futter in der Gruppe 5 zu rationieren hatte keinen erkennbaren Effekt. Um einen Rationierungseffekt zu erzielen, hätte die Begrenzung offensichtlich deutlicher sein müssen.

Die Verlaufskurven in den Merkmalen tägliche Zunahme (TZ) und Futterverbrauch je kg Zuwachs spiegeln die Ergebnisse der individuell erfassten Futteraufnahme wieder (Übersicht 3). Der Zuwachs sinkt im Endmastabschnitt bei fast allen Gruppen ab, bei den Ebern am deutlichsten auf ca. 850 g/Tag. Lediglich die Improvactiere, die 6 Wochen vor der Schlachtung „ geboostert“ wurden, verbleiben auf hohem Niveau bei 1010 g TZ. Die die Rationierung ließ die Tageszunahmen im Endmastbereich auf ca. 930 g sinken. Die Absenkung des Proteinversorgungsniveaus in der Endmast hatte auf das Merkmal Tageszunahme keinen erkennbaren Effekt.

Geimpfte Eber wachsen insgesamt besser

Über den gesamten Prüfabschnitt sind die geimpften Eber den intakten Ebern in den Merkmalen TZ und FVW mehr oder weniger deutlich überlegen (Übersicht 4). Allein der Impfeffekt (Gruppe 2 im Vergleich zu Gruppe 1) hat eine Steigerung des Zuwachses von über 40 g pro Tag und eine um 70 g bessere Futterverwertung zur Folge. Die geplante Anpassung des Proteinniveaus um - 20 % im Merkmal g Bruttolysin/MJ ME in der Endmast ab 90 kg LG konnte in den Analysenwerten der Futtermischungen nur in einem deutlich geringeren Umfang realisiert werden. Damit ist auch zu begründen, dass dieser Versuchsansatz der Proteinanpassung in der Endmast keinen erkennbaren Effekt auf Zunahmen und Futterverbrauch hatte. Die um zwei Wochen vorverlegte zweite Impfung vergrößert den Vorsprung dieser Gruppe 4 im Merkmal Zunahme gegenüber den intakten Ebern. Die geplante Futterrationierung auf 37,5 MJ ME/Tier und Tag in der Endmast spiegelt sich zwar in dem Merkmal tägliche Futteraufnahme kaum wieder, dennoch verschlechtert sich der Futterverbrauch je kg Zuwachs in dieser Gruppe deutlich. Dieser Effekt egalisiert in der Gruppe 5 nahezu den impfbedingten Vorsprung gegenüber den intakten Ebern.

Impftiere verlieren beim Schlachtkörperwert

Beispielhaft soll der Schlachtkörperwert im Folgenden zunächst mit dem Merkmal Fleischfläche beschrieben werden. Die Fleischfläche des Kotelettmuskels wird am Anschnitt des Schlachtkörpers zwischen dem 13. / 14. Brustwirbel erfasst. Mit durchschnittlich 52,1 cm² (Standardabweichung s x = 3,7) Fleischfläche liegen die Eber um 1,2 bis 1,6 cm² über den Ergebnissen der geimpften Tiere (Übersicht 2). Als weiteres Merkmal für den Fleischanteil zeigt der mit der AutoFOM-Technologie ermittelte Bauchfleischanteil (BFL) mit 58,4 % bei den intakten Ebern den mit Abstand höchsten Wert (Übersicht 5). Die geimpften Tiere weisen in diesem Merkmal Nachteile von über 2 %-Punkten auf. Die Gruppe mit der vorgezogenen Impfung fällt mit - 5,3 % BFL gegenüber den intakten Ebern besonders ab. Allein dieses Merkmal hat bei einem Preisniveau von 1,70 € / Indexpunkt (IXP) Erlösnachteile von ca. 1,50 bis 1,70 € / Schlachtkörper, bei der Gruppe 4 sogar in Höhe von ca. 3,20 € / Schlachtkörper zur Folge.

Die Unterschiede im Fleischanteil spiegeln sich auch im Merkmal Rückenspeck wieder. Die Überlegenheit der intakten Eber mit 1,98 cm Rückenspeck liegt um rund 0,6 bis 1 mm unter denen der geimpften Eber. Auch hier führt die vergleichsweise lange Mastphase nach der zweiten Impfung (Gruppe 4) mit 2,4 cm zu einer deutlich höheren Rückenfettauflage als in den Vergleichsgruppen.

Geruchsstoffe durch Impfung um bis zu 90 % reduziert

Das Ziel der Impfung, die Reduktion des Ebergeruchs im Schlachtkörper, ist durch Analyse der Ebergeruchsstoffe Androstenon, Skatol und der Vorstufe Indol geprüft worden. Dazu wurde bei allen intakten Ebern und bei dem Impfgruppen 2 bis 5 von jeweils 10 Tieren eine Nackenfettprobe entnommen und im Labor der Universität in Hohenheim untersucht. Im Vergleich zum mittleren Gehalt an Androstenon bei den intakten Ebern (1 614 ng/g Fett) führt die Impfung in den Prüfgruppen 2 bis 5 zu einer Reduktion um - 81 % bis - 90 % (Übersicht 2).

Der Effekt fällt beim Skatol, der zweiten Leitsubstanz für den Ebergeruch, etwas geringer, aber dennoch deutlich aus. Die durch die Impfung bedingte Reduktion beträgt - 73 % bis -85 % im Vergleich zu den intakten Ebern.

Trotz der großen individuellen Streuungen, gemessen anhand der Standardabweichungen der analysierten Werte, wird die Wirkungsweise des Impfstoffs anhand der Laborwerte deutlich. Die per human nose (menschliche Nase) am Schlachthof der Westfleisch durchgeführte Überprüfung der Schlachtkörper auf Ebergeruch führte zu keinen Beanstandungen.

Aktuell rechnet sich die Impfung nicht

Die Vorteile der geimpften Eber in den Merkmalen der Mastleistung (TZ, FVW) stehen den Nachteilen in den Merkmalen der Schlachtkörperbewertung gegenüber. Darüber hinaus sind die Kosten für die Impfung zu berücksichtigen.

Die Futterkosten der Impftiere liegen mit Ausnahme der in der Endmast rationierten Tiere um 2 bis 2,60 € unter denen der intakten Eber (Übersicht 6). Dagegen fallen die Erlöse bei Anwendung des Westfleischabrechnungsmodells und einem Basispreis von 1,70 €/IXP um 6,30 bis 13,90 €/Schlachtkörper schlechter aus als die der intakten Eber. Bei der Westfelsich werden alle Tiere unabhängig vom Geschlecht einheitlich nach der „Schlachtschweinemaske“ abgerechnet. Beim Tönniesabrechnungsmodell, bei dem für Eber eine eigene „Ebermaske“ zum Einsatz kommt, werden die geimpften Tiere als Mastschweine bewertet. Dort liegen die Unterschiede zwischen 7,10 und 14,50 €/Schlachtkörper. Die geimpften Tiere haben Nachteile in allen Fleisch tragenden AutoFOM-Teilstücken, d. h. bis zu - 1 kg Schinken-schier, bis zu - 0,5 kg Schulter-schier und bis zu - 0,4 kg Lachs. Dazu kommen bis zu - 5,3 % BFL (Übersicht 5).

Die Eber erzielen bei Anwendung des AutoFOM-Abrechnungsmodells der Westfleisch im Mittel 1,008 IXP/kg SG. Der Abstand zu den Improvactieren beträgt im Mittel zwischen 0,03 und 0,081 IXP/kg.

Unter Berücksichtigung der Impfstoffkosten fallen die Impftiere im Merkmal „Überschuss über die Futterkosten beim Abrechnungsmodell der Westfleisch um - 6,9 bis - 14,2 €/Schlachtkörper und beim Abrechnungsmodell für Mastschweine des Unternehmens Tönnies um - 7,70 bis - 14,90 €/Schlachtkörper zurück. Als günstigste Variante schneiden dabei noch die Gruppen 2 und 3 ab, d. h. ab libitum-Fütterung und 2. Impfung ca. 4 Wochen vor der Schlachtung.

Fazit

  • Die Impfung gegen Ebergeruch führt zu einer Reduktion der Leitsubstanzen des Ebergeruchs (Androstenon, Skatol und Indol) in Höhe von bis zu 90 %.
  • Nach der zweiten Impfung haben die geimpften Eber in der Endmast Vorteile im Zuwachs und im Futterverbrauch je kg Zuwachs.
  • Über die gesamte Aufzucht erzielen die Impftiere eine tendenziell höhere Wachstumsleistung.
  • Der Zeitpunkt der zweiten Impfung sollte nicht früher als 4 Wochen vor der Schlachtung liegen.
  • Die Schlachtkörperbewertung der intakten Eber ist in allen Teilstücken nach AutoFOM und in den Indexpunkten je kg SG unabhängig vom Abrechnungssystem den Werten der Impftiere deutlich überlegen.
  • Die Vorteile der Impftiere in der Zuwachsleistung können die Nachteile in der Schlachtkörperbewertung nicht ausgleichen. Es verbleibt ein ökonomischer Nachteil der Impftiere im Überschuss über die Futterkosten unter Berücksichtigung der Impfstoffkosten je nach Versuchsgruppe in Höhe von rund 7 bis rund 15 €/Tier.

Autor: Dr. Friedhelm Adam, Christiane Norda, Ludger Bütfering, Dr. Gerhard Stalljohann