Mischfutter jetzt "offen deklarieren"?

Raps als Futter für Schweine

Seit dem 1. Juli 2004 müssen bei Mischfuttermitteln für Nutztiere die verwendeten Einzelfuttermittel exakt in Gewichtsanteilen in % angegeben werden. Welche Folgerungen sich hieraus für die Praxis ergeben, erläutern Dr. Wolfgang Sommer von der Landwirtschaftskammer NRW in Münster und Dr. Karl-Hermann Grünewald vom Verein Futtermitteltest in Bonn.

Für die älteren Landwirte und Berater ist die sogenannte „offene Deklaration “ der Mischfuttermittel, das heisst die prozentuale Angabe der Einzelkomponenten in einem Mischfutter eigentlich nichts Neues: Bereits in den achtziger Jahren gab es diese gesetzliche Regelung. Man wollte so die Abnehmer von Mischfutter möglichst genau über die Zusammensetzung von Zukauffutter unterrichten. Erst in der Folgezeit trat dieses   „Komponentendenken“ zugunsten des „Nährstoffdenkens “ in den Hintergrund. Es kam die Zeit der sogenannten „halboffenen Deklaration“, wonach eine obligatorische Auflistung der einzelnen Komponenten (oder auch Futtermittelgruppen) in absteigender Reihenfolge ihrer Gewichtsanteile, und zwar ohne Prozentangabe vorgeschrieben wurde. Auf freiwilliger Basis war allerdings auch eine „offene Deklaration“ möglich.

Seit dem 1. Juli müssen nun wieder alle Mischfuttermittel für Nutztiere „offen deklariert“ werden, so sieht es eine bereits im Jahre 2002 verabschiedete EU-Richtlinie vor, die Ende 2003 in deutsches Recht umgesetzt wurde. Anlass für dieses Gesetz waren seinerzeit die BSE-Krise und diverse Dioxinfälle. Man glaubte durch genaue quantitative Angaben über die Futterzusammensetzung (siehe Beispiel Sackanhänger) zur Rückverfolgbarkeit von möglicherweise belastetem Material zu bestimmten Partien im Interesse des Verbraucherschutzes in größerem Umfang beitragen zu können. Der Tierhalter sollte und soll so über die prozentuale Angabe der Futtermittel-Ausgangserzeugnisse zusätzliche Informationen beim Futterzukauf erhalten. Allerdings kann die Mikroskopie nicht die „Qualität“ der einzelnen Komponenten z. B. hinsichtlich Verdaulichkeit u.a. fassen. Die Vormischung und Zusatzstoffe müssen nicht einzeln als Anteil angegeben werden, so ist die Summe der deklarierten Komponenten nicht 100%.

Zur Erleichterung der Kennzeichnung wurde seitens der EU vorgesehen, dass die tatsächliche Zusammensetzung eines Mischfutters um bis zu 15 v.H. vom angegebenen Gehalt des jeweiligen Einzelfuttermittels abweichen darf. Wenn ein Hersteller diese Spanne bei der Angabe nutzen möchte, muss er allerdings auf dem Begleitpapier folgenden Hinweis aufführen: „Die genaue Angabe der Gewichtshundertteile der in diesem Futtermittel enthaltenen Einzelfuttermittel ist erhältlich bei .... (Name oder Firma, Anschrift oder Firmensitz sowie Telefon-Nr. oder E-Mail-Adresse unter denen die Angabe erhältlich ist)“. Wenn ein Kunde eine solche Information nachfragt, muss der Hersteller diese innerhalb von drei Werktagen liefern. Nach Informationen aus Herstellerkreisen stellen die eingeräumten Spannen bei der Gemengeteildeklaration tatsächlich keine Erleichterung dar, da die Summe der Komponenten deutlich von 100 % abweichen könnte und zur Wahrung der Auskunftspflicht des Herstellers dieser bei Nachfragen sowieso die genauen Gemengteile mitteilen muss. Bislang habe es bei den Futtern mit halboffener Deklaration kaum solche Anfragen gegeben.

Aber bereits seit einigen Monaten laufen zahlreiche Mischfutterhersteller in fast allen Ländern der EU Sturm gegen diese Richtlinie, beim Europäischen Gerichtshof sind bereits mehrere Verfahren anhängig. Als Argument gegen die „offene Deklaration“ verweisen die Mischfutterhersteller u.a. darauf, dass diese Regelung nicht dazu beitragen könne, mögliche Futtermittelskandale zukünftig zu verhindern. Auch hätten BSE- und Dioxinprobleme in der Vergangenheit nicht durch eine prozentuale Angabe der Gemengteile vermieden werden können, was sicherlich den Tatsachen entspricht. Die Hersteller wehren sich auch deshalb gegen die Prozentangabe, weil sie hiermit ihre Rezepturen und ihr  Firmen-Know-How preisgeben müssten.

Das Verwaltungsgericht in Düsseldorf hat  Anfang Mai einem nordrhein-westfälische mn Mischfutterhersteller auf dessen Klage zugestanden, auch nach dem 1.7.2004 seine Produkte ohne prozentuale Angabe der Einzelfuttermittel in den Verkehr bringen zu dürfen.

Diese Regelung gilt jedoch nur für diese Firma, sie könnte aber richtungsweisend sein. Unabhängig von diesen rechtlichen Querelen wird die in NRW zuständige Futtermittelüberwachungsbehörde, das Landesamt für Ernährungswirtschaft und Jagd (LEJ) in Düsseldorf aber auf jeden Fall diese sicherlich umstrittene   EU-Richtlinie die geltenden rechtlichen Regelungen anwenden und umsetzen sowie mögliche Verstöße ahnden.

Die Prüfung der Zusammensetzung von Mischfutter ist möglich durch Buchprüfung und Mikroskopie. Während die Buchprüfung (Prüfung der Unterlagen zu Ein- und Verkauf, Mischanweisung) nur durch die amtliche Kontrolle möglich ist, kann die Mikroskopie anhand einer vorliegenden Futterprobe durchgeführt werden. Hierbei erfolgt eine Identifizierung der Bestandteile pflanzlicher, tierischer oder mineralischer Herkunft durch optische Betrachtung. Die Überprüfung ist möglich anhand charakteristischer mikroskopisch erkennbarer Merkmale der Futtermittel (Samenschale, diverse Zelltypen, Struktur der Stärkekörner und Kristalle). Wichtig sind hierbei eine Sammlung von Vergleichsmustern sowie langjährige Erfahrung.

Die Grenzen dieser Methode werden bei Futtermitteln mit sehr starker Verarbeitung und fehlenden Strukturmerkmalen erreicht. Einzelne Mineralstoffe, Öle, Milchpulver, feine Nachmehle sind nicht mehr unterscheidbar. Übliche Futter für Pferde, Rinder, Schweine und Geflügel machen allerdings kaum Schwierigkeiten.

Bei der Attestierung der mikroskopischen Befunde wird nicht ein Punktwert sondern grundsätzlich eine Spanne angegeben, da im Gegensatz zu chemischen Analysen für die Mikroskopie kein Analysenspielraum greift. Die Prüfung auf Übereinstimmung der Angaben erfolgt bei der Mikroskopie auf gleichem Weg. Wenn der jeweils deklarierte Wert für alle verwendeten Komponenten durch die jeweils attestierten Spannen bestätigt wird, ist die Deklaration in Ordnung. Werden zusätzlich zu den deklarierten Einzelkomponenten noch weitere gefunden oder können deklarierte Komponenten nicht bestätigt werden oder stimmen die ermittelten Gehalte nicht mit den deklarierten überein, so liegt eine Abweichung vor. Da Zusatzstoffe und Vormischung hier nicht aufgeführt werden müssen und Spannen attestiert werden, ist weder bei der Deklaration noch bei der Attestierung als Summe der Komponenten 100% zu erwarten.

Im Vorfeld der Verpflichtung zur offenen Deklaration wurde seitens des Verein Futtermitteltest im Winter 2002 sowie im Winter 2003 jeweils eine Stichprobe der im Warentest geprüften Futter zusätzlich der mikroskopischen Prüfung unterzogen. Ziel waren Informationen zum Anteil der Futter mit halboffener bzw. offener Deklaration, zur Deklarationstreue sowie die Sammlung von Erfahrungen zum Handling der Ergebnisse mikroskopischer Kontrollen zu erhalten.

Die zwei Stichproben umfassten 345 Futter (Rinder-, Schweine- und Legehennenfutter v.a. Milchleistungsfutter) aus verschiedenen Regionen Deutschlands. Zum Zeitpunkt der Probenziehung war die offene Deklaration noch nicht verpflichtend, so dass überwiegend halboffen deklariert wurde. Bei den Proben aus dem Winter 2003 waren lediglich 10 % offen deklariert (6 von 63 Proben). In Anbetracht des kleinen Anteils an Futter mit offener Deklaration ist eine getrennte Auswertung nach Deklarationstyp nicht möglich. Die mikroskopisch ermittelten Anteile wurden den deklarierten Anteilen bzw. der deklarierten Reihenfolge der Komponenten gegenübergestellt. In der Tabelle sind der Umfang der Stichprobe sowie das Ergebnis dargestellt.

Bei 19 Mischfuttern wurde eine Abweichung bei der deklarierten Zusammensetzung festgestellt (5,5% der Proben). Bei Schweinefutter war der Anteil der Abweichungen niedriger als bei Geflügel- und Rinderfutter. Die Abweichungen waren durch eine andere anteilsmäßige Reihenfolge als ausgewiesen, durch Fehlen einzelner Komponenten oder durch Auffinden zusätzlicher Komponenten begründet. Beispiele für Deklaration und Mikroskopie-Attest für ein Futter mit Bestätigung bzw. Abweichung bei der deklarierten Zusammensetzung sind nachfolgend aufgeführt.

  Rinderfutter Schweinefutter Geflügelfutter gesamt
  Anzahl Abwei-
chung
Anzahl Abwei-
chung
Anzahl Abwei-
chung
Anzahl Abwei-
chung
Abwei-
chung in %
2002 158 11 86 1 38 2 282 14 5
2003 46 5 17 0 - - 63 5 7,9
gesamt 204 16 103 1 38 2 345 19 5,5
in %   7,8   1   5,3   5,5  

Bei einzelnen Futtermitteln wurden bei der mikroskopischen Prüfung zusätzlich pflanzliche Komponenten in Spuren (unterhalb von 1 %) gefunden, was die Bestätigung der Deklaration nicht beeinträchtigte. Dies beruht darauf, dass auch bei sehr gut geführten Pflanzenbeständen einzelne andere Kulturpflanzen oder Unkräuter eine Verunreinigung des Ernteguts möglich ist und bis zu einem gewissen Grad toleriert wird (botanische Reinheit).

Das Ergebnis der Sonderuntersuchung zeigt, dass die ermittelten Komponenten mit den Deklarationsangaben überwiegend übereinstimmen und somit die Deklaration meist korrekt ist; die aufgefallenen Abweichungen sind im Einzelfall gravierend und so nicht tolerierbar.

Nach aktueller Einschätzung verschiedener LUFA’en erfolgte in den vergangenen Monaten die Angabe der Komponenten in Form der offenen Deklaration nur teilweise. Unterschiede in der Einhaltung der Deklaration (halboffen bzw. offen) werden nicht gesehen, bei ca. 90-95 % der Mischfutter wird die deklarierte Zusammensetzung bestätigt.

Was könnte einen Tierhalter nun veranlassen, die Zusammensetzung eines zugekauften Mischfutters in der LUFA überprüfen zu lassen? Wann würde sich eine Mikroskopie für Ihn lohnen?

Zunächst einmal immer dann, wenn bestimmte Anforderungen ans Futter an die im Futter verwendeten Komponenten gestellt bzw. spezielle Einzelfuttermittel und -anteile vereinbart wurden. Beispielsweise im Rahmen von Markenfleischprogrammen, wenn bestimmte Getreideanteile verlangt werden. Oder auch in der Ökoproduktion, bei der einige Einzelkomponenten nicht verfüttert werden dürfen. Denkbar sind auch Fälle, in denen besonderer Wert auf hochwertige, dann meist teuerere Eiweißträger gelegt wird. Beispielsweise auf bestimmte Fischmehlanteile im Sauenfutter oder Milchpulvermengen in Milchaustauschern für Kälber usw.. Mikroskopische Untersuchungen sind auch sinnvoll, wenn Verunreinigungen des Futters vorliegen oder Verdacht auf ungewöhnliche Beimengungen besteht und Risiken für die Tiere ausgeschlossen werden sollen. Die Reihe dieser Beispiele könnte man fortsetzen. Standardmäßige Kontrollen scheinen aber nicht sinnvoll.

Mehrere LUFA’en führen mikroskopische Überprüfungen im Bundesgebiet für Landwirte durch. In Nordrhein-Westfalen erfolgen diese Untersuchungen bei der LUFA NRW (Außenstelle Bonn, Rohleber). In den Nachbarländern bei der LUFA Nord-West in Oldenburg und der LUFA Speyer. Die Preise für die Untersuchung sind abhängig von Labor und Aufwand (kann bei bestimmten Futtermitteln durch zusätzliche Aufbereitungsschritte höher sein). Sie liegen zwischen 33,50 und 56,00 €. Eine Deklaration sollte zur Erleichterung beigefügt werden.

Autor: Dr. Wolfgang Sommer, Dr. Karl-Hermann Grünewald