Was halten pflanzliche Futterzusätze?

Fenchel (Foeniculum vulgare)
Fenchel (Foeniculum vulgare)

Bekanntlich wird mit Wirkung zum 1. Januar 2006 den vier noch erlaubten antibiotischen Leistungsförderern die EU-weite Zulassung entzogen. Vor diesem Hintergrund sind die Futtermittel- bzw. Wirkstoffhersteller seit längerem bemüht, potentielle Ersatzprodukte zu entwickeln und im Markt zu platzieren. Großes Interesse findet dabei eine breite Palette der bereits aus dem Humanbereich bekannten pflanzlichen Substanzen (phytogene Zusatzstoffe) von Kräutern, Gewürzen und ätherischen Ölen. Deren verschiedene positive Wirkungen in der menschlichen Ernährung sind weithin umschrieben.

Für die Schweinefütterung von besonderem Interesse sind Substanzen von Oregano, Thymian, Nelken, Knoblauch, Koriander, des weiteren von Salbei, Anis, Zimt, Fenchel, Schöllkraut, Mariendistelsamen und Basilikum. Häufig werden auch Mixturen aus diesen Substanzen angeboten und verwendet. Man erwartet von diesen pflanzlichen Substanzen gesundheitsstabilisierende und vornehmlich leistungsverbessernde Effekte. Bei diesen Stoffen handelt es sich meist um besondere Extrakte aus den Kräutern und Gewürzen. Leistungssteigerungen werden im allgemeinen mit verdauungsfördernden Wirkungen durch Anregung der Speichel-, Magen- und Darmsekretion der Tiere begründet. Durch diese spezifischen Wirkungen erhofft man speziell Verbesserungen in der Futteraufnahme und –verwertung sowie in den täglichen Zunahmen, vor allem unter kritischen hygienischen Haltungs- bzw. Fütterungsbedingungen.

Während die herkömmlichen antibiotischen Leistungsförderer ihre positive Wirkung im Verdauungstrakt, wo sie das Wachstum pathogener Keime verhindern, entfalten, wird durch Probiotika (z. B. Hefen, Milchsäurebaktieren) das Wachstum nützlicher Darmbakterien gefördert, was sich günstig auf das Leistungsgeschehen auswirken kann. Im Gegensatz hierzu ist die Wirkung von phytogenen Futterzusätzen komplexer. Neben den zuvor beschriebenen Wirksamkeiten können sie die Magen- und Darmmotorik und Enzymaktivität erhöhen. Von manchen Substanzen sind auch antimikrobielle Aktivitäten nachgewiesen worden, die sich auf Hefen, Pilze, Bakterien und sogar Viren erstrecken. Es wird darüber hinaus von verbesserten Proteinverwertungen berichtet, die sich positiv auf den Fleischansatz auswirken sollen. Welche Wirkstoffe dabei eigentlich ausschlaggebend sind, ist bisher nicht genau bekannt. Häufig sind Wirkungen auf mehrere Inhaltsstoffe dieser Substanzen zurückzuführen, weshalb meist Gemische verschiedener phytogener Substanzen zum Einsatz kommen. Im Gegensatz zu den antibiotischen Leistungsförderern, deren Wirkung im Tier unmittelbar nach dem Einsatz erfolgt, benötigen phytogene Substanzen ähnlich wie die Probiotika einen längeren Anwendungszeitraum, um im tierischen Organismus ihre Wirkung zu entfalten.

Ausgewählte wichtige Wirkstoffgruppen sind in der folgenden Übersicht aufgeführt.

  • Bitterstoffe
    z.B. in Enzian, Wermut, Wacholder, Mariendistelsamen
    = appetitanregend, verdauungsfördernd (Magenbitter!),starke Wirkung auf d. Leber
      
  • Gerbstoffe
    z.B. in Eichenrinde, Rosmarin, Haselnussblätter
    = zusammenziehend, bakterienhemmend, wundschützend äußerlich zur Wundheilung (Breitwegerichblätter), innerlich bei Entzündungen der Schleimhäute (Schwarztee!)
      
  • Schleimstoffe
    z.B. in Huflattich, Malve, Beinwellwurzel
    = schleimlösend bei Atemwegserkrankungen oder reizmildernd bei Durchfällen (Haferschleim)
      
  • Saponine
    z.B. in Brennesseln, Südßholzwurzel
    = entschlackend, entgiftend oder auch auswurffördernd, schleimlösend
    (Lakritz bei Husten)
      
  • Ätherische Öle
    (kommen in fast allen Pflanzen vor)
    z.B. in Eukalyptusöl, Citronella, Anis, Fenchel, Kümmel, Oregano
    äußerlich: hautreizend, durchblutungsfördernd
    innerlich: Drüsensekretion (Verdauung, Atemwege) und keimtötend
      
  • „Scharfstoffe“
    z.B. in Senfsamen, Ingwer, Knoblauch
    äußerlich (Senfumschläge):hautreizend, gewebserweichend, schadstoffabführend, innerlich: Verdauungssekretion, Darmperistaltik, Spasmolyse
      
  • Alkaloide
    z.B. in Kaffeebohnen, Tabakblättern, Schlafmohn
    sehr heterogene Wirkstoffgruppe, die sehr starke Wirkungen auf den Organismus ausübt (anregend, betäubend...)

Die Wirkstoffe beeinflussen sich in der Pflanze gegenseitig und erst diese Kombination bestimmt anscheinend die Intensität der Wirksamkeit. Daher kann ein synthetischer oder auch isolierter Einzelstoff nicht die gleiche Wirkung haben wie das Zusammenwirken aller Komponenten in der Pflanze. Ähnliches gilt auch für Kräutermischungen, deren Geheimnis nicht im einzelnen Kraut zu suchen ist, sondern in der speziellen Kombination der Mischung. Das Wissen um die zu kombinierenden Mischungspartner ist natürlich das „Know-how“ der Firmen und Hersteller, wobei einzelne Hersteller ein Spektrum an Erfahrung von z.B. 80 Jahren haben. Daher sind Futtermittel mit Kräuterzusatz auf dem Markt kaum untereinander zu vergleichen.

Die generelle Problematik beim Einsatz der Stoffe liegt darin, dass die Produkte, auch wenn sie von der gleichen Pflanze stammen, in der Zusammensetzung sehr stark variieren können. Dies hängt von vielen Faktoren ab, wie Pflanzenart, Standort, Klima und welche Pflanzenteile verwendet werden und wie die Extraktion bei ätherischem Öl durchgeführt wird. Versuche mit ätherischen Ölen weisen darauf hin, dass die Wirkung nicht nur auf den Leitsubstanzen zurückzuführen ist , sondern auch maßgeblich von den mengenmäßig unbedeutenden Stoffen ausgeht. Beispielsweise kommen daher bei Oregano oft Produkte mit naturbelassenem Oregano-Öl zum Einsatz.

Bei Sichtung neuerer Literatur zu Fütterungsversuchen mit pflanzlichen Substanzen in der Tierernährung stößt man auf zahlreiche Ergebnisse, die mit Ferkeln und Mastschweinen ermittelt wurden. Es würde jedoch den Rahmen dieses Beitrages sprengen, diese zahlreichen Versuchsergebnisse detailliert wiederzugeben. Pauschal lässt sich feststellen, dass im Mittel der Versuche die Verfütterung von Kräutern, Gewürzen und ätherischen Ölen nicht immer zu Verbesserungen in der täglichen Zunahme und im Futteraufwand je kg Zuwachs führte. Ergebnisse zum Durchfallgeschehen usw. liegen kaum vor. Es muss aber ausdrücklich betont werden, dass mit einzelnen Produkten in verschiedenen Fütterungsversuchen teils erhebliche Verbesserungen in den Leistungen und in der Wirtschaftlichkeit erzielt wurden. Leider sind positive Ergebnisse in der Praxis oft nicht reproduzierbar oder die Wirkungen einzelner Produkte sind sehr undeutlich. Häufig sind es nicht auszumachende Einflussfaktoren, die über Erfolg oder Misserfolg eines pflanzlichen Produktes entscheiden.

Betriebe, die aber einen pflanzlichen Futterzusatzstoff einsetzen wollen, sollten sich auf jeden Fall vorher hinreichend über Verwendungszweck, Wirksamkeit und Kosten des Produktes informieren, und zwar am besten bei unabhängigen Versuchseinrichtungen oder neutralen Beratern.

Zur ersten Orientierung sind ausgewählte phytogene Zusatzstoffe in der nachfolgenden Tabelle (siehe unten) zusammengestellt. In der Tabelle sind ausgewählte phytogene Zusatzstoffe mit der Bezeichnung, Beschreibung und den Kosten der Produkte sowie den Einsatzmengen aufgeführt. Es muss ausdrücklich betont werden, dass die Tabelle keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Bei Produkten, die auch an Eigenmischer abgegeben werden, ist der Spielraum bezüglich der Produktkosten durch Rabattgewährungen bei Abnahme größerer Mengen relativ groß. Dies sollte bei einem Einsatz vorher abgeklärt werden.

Phytogene Zusatzstoffe gehören futtermittelrechtlich nicht zu den mengenbegrenzten Stoffen. Sie dürfen daher grundsätzlich auch von Eigenmischern eingemischt werden. Dennoch geben einige Hersteller ihre Produkte nur an Mischfutterwerke ab. Dies wird damit begründet, dass beim Eigenmischer mischtechnische Probleme auftreten können, weil z.B. wie bei Sangrovit die Einmischungsrate sehr gering ist. Andererseits werden häufig auch Vertriebsgründe genannt.

Obwohl phytogene Zusatzstoffe beim Verbraucher im Gegensatz zu herkömmlichen Leistungsförderern eine hohe Akzeptanz besitzen, dürfen die futtermittelrechtlichen Vorschriften nicht außer acht gelassen werden. Im Futtermittelrecht werden diese Zusatzstoffe in Anlage 3 zur Futtermittelverordnung unter Nr. 3 „Aroma- und appetitanregende Stoffe“ geführt. Entsprechend ist ihr Verwendungszweck, d. h. nur unter diesem Aspekt dürfen diese Substanzen beworben und verfüttert werden. Häufig werden jedoch Werbeaussagen von Anbietern gemacht, die gesundheitsfördernde Aspekte in den Vordergrund stellen, beispielsweise mit Slogan wie „Extrakt zur gesundheitlichen Prophylaxe“ oder „Heilkräuter“ oder „Zur Verbesserung der Tiergesundheit“ usw. Derartige Werbeaussagen zu Futterzusatzstoffen sind futtermittelrechtlich unzulässig. Produkte mit solchen Hinweisen müssen im Grunde als Arzneimittel eingestuft werden, woraus sich dann aber völlig andere rechtliche Aspekte sowohl für den in Verkehrbringer als auch den Landwirt ergeben.

Bislang fehlen leider verlässliche LUFA-Analysemethoden zum Nachweis der wirksamen Inhaltsstoffe dieser Kräuter und ätherischen Öle, was die exakte Überprüfbarkeit der Herstellerangaben nicht nur erschwert, sondern fast unmöglich macht.

Allerdings werden für Produkte auf Basis ätherischer Öle (z.B. Sangrovit, EV-Biogrün, Oreganoprodukte) Nachweismethoden erarbeitet oder befinden sich kurz vor der Praxisreife, mit denen im Mischfutter die Gehalte an bestimmten Substanzen in ätherischen Ölen ermittelt werden können.

Schließlich ist darauf hinzuweisen, dass phytogene Futterzusätze neben den gewünschten Substanzen auch unerwünschte wie z. B. bestimmte Glykoside und Alkaloide enthalten können. Deshalb mit phytogenen Zusätzen in der Fütterung vorzuhalten oder nach dem Motto „viel hilft viel“ zu verfahren, kann negative Folgen für die Gesundheit und damit das Leistungsgeschehen der Tiere haben.

Mit dem Einsatz pflanzlicher Stoffe sind darüber hinaus Fragen zur geschmacklichen Beeinträchtigung des Fleisches von Schlachtschweinen aufgeworfen. Hierüber gibt es so gut wie keine Untersuchungen. Gleiches gilt für Fragen zur möglichen Rückstandsbildung von phytogenen Substanzen im Fettgewebe. Auch hierzu bedarf es in Zukunft unbedingt sicherer Daten, um die Unbedenklichkeit dieser Substanzen für den Verbraucher zu dokumentieren.

Fazit für die Praxis

Pflanzliche Substanzen sind im Futtermittelrecht unter den Aroma- und appetitanregenden Stoffen zugelassen, sofern sie als solche bezeichnet und nicht anders beworben werden. Der Handel bietet mittlerweile eine Fülle von Produkten an. Häufig handelt es sich dabei um Kombipräparate verschiedener pflanzlicher Substanzen. Von Nachteil für den Landwirt ist, dass viele Produkte ohne Angabe der wirksamen Inhaltsstoffe und deren Konzentration verkauft und eingesetzt werden. Leider fehlen bislang für viele Produkte verlässliche Analysenmethoden zum Nachweis der wirksamen Inhaltsstoffe.

Nimmt man die zahlreichen Ergebnisse aus vorliegenden Fütterungsversuchen zusammen, so muss man feststellen, dass die phytogenen Zusatzstoffe im Durchschnitt kaum signifikante Leistungsverbesserungen bewirken. Was nicht heißen soll, dass nicht auch Leistungssteigerungen (Tageszunahme, Futterverwertung) mit einzelnen Produkten erreicht werden können.

Allerdings muss auch festgehalten werden, dass deutliche Leistungseffekte immer wieder aus der Praxis berichtet werden, wobei die absolute Höhe des Effektes recht betriebsindividuell zu sein scheint. Eine aussagekräftige Einordnung der Gruppe „Kräuter und Gewürze“ ist unter dem Aspekt der Kosten-Nutzen-Relation zur Zeit nicht möglich.

Autor: Dr. Wolfgang Sommer, Josef Bunge