Für Aufzuchtferkel spezielle Rohfaserträger?

Futtereinfüllstützen am Stall

Ob sich die Leistung in der Ferkelaufzucht durch einen Futterzusatzstoff aus extrahierten Cellulosefasern verbessern lässt, wurde in zwei Praxisbetrieben untersucht. Über die Versuchsergebnisse berichten Dr. Wolfgang Sommer und Wolfram Pötting von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen in Münster und Herford.

Eine verlustarme, zügige Aufzucht gelingt nur, wenn der Darm des Ferkels optimal funktioniert. Darmstörungen können zu Durchfallerkrankungen, Ödemen und Totalausfällen führen. Sie stehen deshalb in engem Zusammenhang mit der Wirtschaftlichkeit in der Ferkelerzeugung. Auslöser können Stressfaktoren aus Haltung, Umwelt und Fütterung sein, die das Magen-Darm-Geschehen beeinträchtigen. Von wesentlichem Einfluss ist die Rohfaserversorgung des Ferkels bereits vor dem Absetzen sowie in der sich anschließenden Aufzuchtphase. Durch unlösliche Ballaststoffe (Rohfaser) im Futter wird nicht nur das Bakterienmilieu im Darmtrakt des Ferkels, sondern auch die Länge der Darmzotten und die Enzymaktivität stimuliert.

Um die Darmfunktionen des Ferkels gezielt zu unterstützen und zu verbessern, wird seit einiger Zeit ein aus extrahierten Cellulosefasern hergestelltes Rohfaserkonzentrat der Firma Rettenmaier und Söhne GmbH + CO.KG aus Rosenberg in Baden-Württemberg in der Praxis eingesetzt. Dieser spezielle Futterzusatzstoff mit dem Produktnamen Vitacel® enthält 70 % Rohfaser, die aus hochfeiner, unlöslicher Cellulose besteht. Aufgrund des Herstellungsprozesses ist dieser Rohfaserträger absolut mykotoxinfrei. Die besonderen Cellulosefasern bilden im Nahrungsbrei ein feines Fasernetzwerk, welches im Verdauungstrakt des Tieres eine bessere Enzymaktivität und Mikrobenentwicklung ermöglichen und nach Angaben des Herstellers Nährstoffverdaulichkeit, tägliche Zunahmen und Futterverwertung verbessern soll. Positive Effekte werden auch hinsichtlich Durchfallgeschehen und Kotkonsistenz erwartet. Eingesetzt wird dieser Zusatzstoff ab dem 10. Lebenstag bis etwa vier Wochen nach dem Absetzen. Für die Pre-Starter-Phase werden 2 %, danach 1 % Vitacel® im Aufzuchtfutter empfohlen. Das pulverförmige Rohfaserkonzentrat kann über den Futtermittelhandel bezogen werden.

Um die Wirksamkeit von Vitacel® unter Praxisbedingungen zu ermitteln, wurden von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen von September bis Dezember 2006 in zwei ostwestfälischen Sauenbetrieben entsprechende Fütterungsversuche mit Ferkeln durchgeführt. Versuchsplanung und -durchführung erfolgten in Abstimmung mit dem Hersteller.

Ergebnisse in den Praxisbetrieben

Im Betrieb A werden Zuchtläufer in Zusammenarbeit mit einer in der Region tätigen Zuchtorganisation produziert. Gearbeitet wird im konsequenten 4-Wochen-Rhythmus mit 80er Sauengruppen. Bei einer Säugezeit von 21 Tagen werden Absetzgewichte von gut 6,7 kg je Ferkel erzielt. Nach jeweils 52 Tagen Aufzucht werden alle Aufzuchtabteile geräumt und die Zuchtläufer in eine Aufzuchtstation umgestallt. Mit den erreichten biologischen Leistungen gehört dieser Betrieb zu den 10 % erfolgreichsten in Nordrhein-Westfalen.

Im Betrieb B werden normalgewichtige Ferkel im 3-Wochen-Rhythmus produziert. Nach Abschluss einer betrieblichen Aufstockungsphase wird mit 50er Sauengruppen bei 4-wöchiger Säugezeit gearbeitet. Alle Ferkel werden nach erfolgreicher Aufzucht an einen Mastbetrieb in der Nachbarschaft verkauft. Die biologischen Leistungen des Betriebes entsprechen dem guten Durchschnitt der Arbeitskreisbetriebe in Nordrhein-Westfalen.

In beiden Betrieben wurden je 100 Ferkel in einer Kontroll- und einer Versuchsgruppe aufgestallt. Wie üblich waren die Abteile zuvor gereinigt, desinfiziert und aufgeheizt worden. Im Betrieb A wurden jeweils 20 weibliche Ferkel je Gruppe, in Betrieb B wurden die Ferkel (männliche und weibliche Tiere) in 50er Buchten aufgestallt. Den Ferkeln standen jeweils mehr als 0,35 m² Bodenfläche zur Verfügung. Beide Betriebe arbeiteten mit Trockenfütterungsanlagen. Die verbrauchten Futtermengen wurden jeweils getrennt nach Kontroll- und Versuchsgruppen für die verschiedenen Fütterungsphasen erfasst. Betrieb A mischte sämtliche vier Aufzuchtfutter selbst, einschließlich des Pre-Starters. Betrieb B setzte vorwiegend Fertigfutter ein, und zwar einen Pre-Starter und zwei sich anschließende Aufzuchtfutter. Das vierte Aufzuchtfutter bestand aus einer Eigenmischung. Der zu untersuchende Rohfaserträger Vitacel® wurde im Betrieb A direkt als Einzelkomponente eingemischt. In dem anderen Versuchsbetrieb wurde Vitacel® über einen Chargenmischer dem Zukaufsfutter zugeführt. In beiden Betrieben erfolgte eine ad libitum Fütterung.

In beiden Betrieben erfolgte die Beifütterung der Ferkel in den Abferkelbuchten ab ca. dem 10. Tag vor dem Absetzen. Entsprechend der Herstellerempfehlung erhielten die Versuchstiere jeweils 2 % Vitacel® über den Pre-Starter. Am 18. Oktober wurden in beiden Betrieben die Absatzferkel in Flatdecks umgestallt. Solange der Pre-Starter nach dem Absetzen weiter gefüttert wurde, erhielten die Ferkel der Versuchsgruppen noch 2 % Vitacel®.

Die nachfolgenden Aufzuchtfutter wurden dann in den Versuchsgruppen entsprechend der Herstellerangabe mit jeweils 1 % Vitacel® ausgestattet. Die Verfütterung der Versuchsfutter mit Vitacel®-Zusatz endete in Betrieb A nach 4,5 Wochen und in Betrieb B nach 4 Wochen.

Anschließend erhielten in beiden Betrieben die Ferkel der Versuchs- wie auch der Kontrollgruppe jeweils das gleiche Aufzuchtfutter bis zum Ende der Aufzucht. In Betrieb A wurde der Versuch mit dem Verkauf aller Ferkel am 9. Dezember abgeschlossen. Mit dem Verkauf der ersten Ferkel zur Mast endete der Versuch im zweiten Betrieb. Die Ferkelgewichte wurden jeweils zu gleichen Wiegeterminen ermittelt.

Die in beiden Versuchsbetrieben erreichten Aufzuchtleistungen sind in der Übersicht dargestellt. Sowohl in Betrieb A als auch in Betrieb B waren die Ferkel der Versuchsgruppe beim Aufstallen im Flatdeck denen der Kontrollgruppe gewichtsmäßig geringfügig überlegen (Betrieb A: 6,8 kg gegenüber 6,7 kg, Betrieb B: 7,5 gegenüber 7,3 kg). Diese geringen Unterschiede blieben nahezu bis zum Versuchsende bestehen.

Das mittlere Ausstallgewicht in Betrieb A betrug in der Versuchsgruppe 26,8 kg und bei den Tieren der Kontrollgruppe 26,7 kg. Die vergleichbaren Gewichte lagen in Betrieb B bei 27,3 bzw. 27,0 kg. In Betrieb B mussten drei Ferkel der Versuchsgruppe krankheitsbedingt vorzeitig aus dem Versuch genommen werden. Es bestand kein Zusammenhang mit dem eingesetzten Futter.

Mit jeweils durchschnittlich 385 g Tageszunahme in der Kontroll- und Versuchsgruppe erreichte Betrieb A ein für diese kurze Säugezeit ansprechendes Niveau. In Betrieb B wurden mit durchschnittlich 437 g (Kontrollgruppe) bzw. 439 g (Versuchsgruppe) praxisübliche Zunahmen erreicht. In keinem der beiden Betriebe konnte eine nennenswerte Steigerung der täglichen Zunahme durch den Vitacel®-Zusatz erzielt werden.

Mit 655 g bzw. 652 g täglicher Futteraufnahme im Betrieb A und 704 g bzw. 718 g täglicher Futteraufnahme im Betrieb B bestanden weiterhin keine wesentlichen Unterschiede zwischen den Ferkeln der Kontroll- und Versuchsgruppen. Gleiches galt für den Futterverbrauch je kg Zuwachs. Die Unterschiede betrugen in Betrieb A lediglich 0,01 kg/kg (1,70 zu 1,69 kg/kg) und in Betrieb B nur 0,03 kg/kg (1,61 zu 1,64 kg/kg).

Ergebnisse aus zwei westfälischen Praxisbetrieben zum Einsatz eines Rohfaserkonzentrates


  
 
  Anzahl Ferkel  
Betrieb A Betrieb B
Kontrollgruppe Versuchsgruppe Kontrollgruppe Versuchsgruppe
100 104 100 100
Anfangsgewicht, kg 6,7 6,8 7,3 7,5
Endgewicht, kg 26,7 26,8 27,0 27,3
Zuwachs, kg 20,0 20,0 19,7 19,8
Verluste, % 0 0 0 3 *)
tägliche Zunahme, g 385 385 437 439
Futteraufnahme/Tag, g 655 652 704 718
Futterverbrauch, kg/kg 1,70 1,69 1,61 1,64

*)   nicht Futter bedingt

Was festzuhalten bleibt

In der Ferkelfütterung sind Zufuhren mit Ballaststoffen notwendig, um Gesundheit und Darmfunktionen der Tiere zu fördern und zu unterstützen. Dies dürfte unbestritten sein. Optimierte Verdauungsabläufe beim jungen Ferkel sind unabdingbare Voraussetzung für die Reduzierung von Durchfallerkrankungen, Ferkelverlusten und damit für hohe Leistungen.

Mit dem speziellen Rohfaserzusatz Vitacel® der Firma Rettenmaier und Söhne konnte jedoch in keinem der beiden Praxisbetriebe eine Leistungsverbesserung erzielt werden. Die jeweiligen Ferkel der Kontrollgruppe (ohne Zusatz) bzw. der Versuchsgruppe (mit Zusatz) hatten nahezu identische tägliche Zunahmen und Futterverwertungen. Insofern konnte in beiden Betrieben auch keine wirtschaftliche Verbesserung der Ferkelaufzucht realisiert werden. Bei den mit Vitacel® gefütterten Ferkeln war in diesen Versuchen von produktbedingt höheren Futterkosten auszugehen.

Da spezielle Betriebseinflüsse, Faktoren wie Stallklima, Fütterungstechnik, Gesundheitsstatus, Management usw. immer das Leistungsgeschehen in der Ferkelaufzucht mitbestimmen, sollten die Ergebnisse dieser beiden Praxisversuche allerdings nicht überinterpretiert werden. Denn wenn in einem Betrieb gute Fütterungs- und Produktionsbedingungen vorliegen, lassen sich durch Einzelmaßnahmen eher in Ausnahmefällen Leistungssteigernde Zusatzeffekte erzielen.

Autor: Dr. Wolfgang Sommer und Wolfgang Pötting