Lassen sich Speisereste in der Schweinemast ersetzen?

Schweinefutter

Nach EU-Verordnung ist die Verfütterung von Speiseresten an Schweine seit dem 1. November 2006 nicht mehr erlaubt. Die Entsorgung erfolgt jetzt überwiegend über Biogasanlagen. Diese politische, aus fachlicher Sicht unsinnige Regelung stellt zahlreiche Schweinemäster vor arge Probleme. Erhitzte Speisereste aus Großküchen waren nämlich ein beliebtes da hochwertiges, preisgünstiges, hygienisch problemloses Schweinefutter. Durch den Einsatz ließen sich Futterkostenvorteile realisieren und gute Mastleistungen erzielen. Die üblichen Speisereste enthielten meist hohe Mengen an Eiweiß und Energie sowie andere wertvolle Inhaltsstoffe und wurden in der Regel mit anderen Nebenprodukten vermischt verfüttert. Durch Eintrag in der Positivliste durften Speisereste sogar in QS-Betrieben eingesetzt werden.

Gerade in dieser Zeit, wo die Getreide- und Eiweißfutterpreise enorm hoch sind, wiegt das Verfütterungsverbot natürlich besonders schwer. Zudem wird es kaum möglich sein, die entstandene Futterlücke einfach durch andere Nebenprodukte zu schließen. Denn die in der Lebensmittelindustrie anfallenden und für die Schweinefütterung geeigneten Nebenprodukte sind auf dem Markt nur begrenzt verfügbar. Das Verbot der Speiseresteverfütterung auf der einen und die gestiegenen Preise für Getreide und Sojaschrot auf der anderen Seite werden den Markt für Nebenprodukte sicherlich stark in Bewegung bringen. Diejenigen Mäster, die langfristige Abnahmeverträge besitzen, sind hier natürlich im Vorteil.

Unabhängig von dieser Marktentwicklung stellt sich die grundsätzliche Frage, welche Möglichkeiten bestehen, den Wegfall der Speisereste durch andere Nebenprodukte zu kompensieren. In Tabelle 1 werden einige Komponenten aus der Lebensmittelindustrie aufgeführt, die für die Schweinemast von größerer Bedeutung sind und sich in der Fütterungspraxis bewährt haben.

Altbrot und Backreste sind hoch verdauliche Produkte mit Energiewerten zwischen 13,8 und 16,6 MJ ME je kg (jeweils bezogen auf 88 % Trockenmasse). Backreste enthalten in der Regel viel Fett und Zucker, die sie auch besonders schmackhaft machen. Beide Nebenprodukte enthalten sehr wenig Rohfaser, was bei der Rationsgestaltung zu beachten ist. In der Gesamtration sollten nicht weniger als 30 bis 35 g Rohfaser je kg Mastfutter (mit 88 % TM) enthalten sein, entsprechend sind die Einsatzmengen zu veranschlagen. Beide Komponenten sind sehr natriumreich, auf der anderen Seite calcium- und phosphorarm. Auf die richtige Wahl entsprechender Mineralfutter muss deshalb besonders geachtet werden.

Brot- und Backreste weisen nur geringe Mengen an Aminosäuren auf, über deren Verdaulichkeit beim Schwein ist zudem wenig bekannt. Auf ausreichende Zufuhren über spezielle Ergänzungsfutter oder Sojaschrot ist hinzuweisen. Aus Erfahrung sollten 15 bis 35 % Altbrot bzw. 10 bis 25 % Backreste in der Mastmischung nicht überschritten werden.

Kartoffeldampfschalen waren schon immer ein beliebtes Nebenprodukt aus der Pommesherstellung oder sonstigen Kartoffelverwertung. Das Schälen der Kartoffeln erfolgt unter heißem Dampfdruck. Dadurch wird die Verdaulichkeit der an den Schalen noch haftenden Stärke erheblich verbessert. Trotzdem beträgt der Energiegehalt nur 11 MJ ME/kg (bei 88 % TM), so dass bei Verfütterung dieses Produktes energiereiche Komponenten ergänzt werden müssen. Speisereste boten hier gute Kombinationsmöglichkeiten. Um die Energiekonzentration im Mastfutter nicht zu weit absinken zu lassen, sollten nicht mehr als 20 % Kartoffeldampfschalen eingesetzt werden.

Frische Molke und Molke in Konzentratform sind weit verbreitete Nebenprodukte, die bei der Käse- und Quarkherstellung anfallen. Man unterscheidet Süß- und Sauermolke. Süßmolke wird in der Regel mit organischen Säuren versetzt, um sie haltbarer zu machen. Frischmolke enthält nahezu 95 % Wasser, ist somit bei großen Entfernungen kaum transportwürdig. Anders verhält es sich bei den Molkekonzentraten, die zwischen 24 und 33 % TM aufweisen. Beide Produkte enthalten auf 88 % TM bezogen weit über 50 % Milchzucker (Laktose). Da in einer Mastmischung nicht mehr als 10 % Gesamtzucker vorliegen sollten, um keine Verdauungsprobleme bei den Masttieren zu riskieren, begrenzt sich der Molkeeinsatz auf 10 bis 20 %. Ähnlich wie Speisereste enthalten Molken viel Natrium.

In letzter Zeit fallen größere Mengen Rapskuchen an, der von dezentralen, auf landwirtschaftlichen Betrieben oder bei Lohnunternehmern stationierten kleineren Ölpressen stammt. Je nach Abpressgrad kann der bei der Ölgewinnung übrig bleibende Rapskuchen viel oder wenig Restöl (-fett) enthalten, was den Energiewert bestimmt. Die von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen gemessenen Fettgehalte aus Praxisbetrieben bewegten sich zwischen etwa 14 und 22 %. Daraus resultierten Energiegehalte von 13,1 bis 15,2 MJ ME/kg, im Mittel von 14,0 MJ ME/kg, nahezu vergleichbar mit den Speiseresten. Rapskuchen enthält zudem deutlich mehr Protein als Speisereste. Allerdings werden die Aminosäuren des Rapskuchens vom Schwein ähnlich wie bei den Speiseresten nicht sonderlich gut verwertet, so dass die Proteinversorgung der Tiere bei Rapskuchenverfütterung nicht zu knapp kalkuliert werden darf. Aus praktischer Erfahrung sollten in der Anfangsmast bis zu 5 %, in der Endmast max. 8 bis 10 % eingesetzt werden.

Speisereste wurden in der Vergangenheit meist im Gemisch mit anderen Nebenprodukten verfüttert. In Westfalen gibt es einen größeren Vermarkter, der anstelle des Speiserestegemisches nun einen neuen Energie-Mix konzipiert hat, der aus Weizenprotein (eingedickte Schlempe), Molkekonzentrat, einem Maisnebenprodukt (aus der Stärkeherstellung) und aus Rapskuchen besteht. Dieser Futterbrei mit 31,6 % TM weist folgende Inhaltsstoffe auf: 15,6 % Rohprotein, 0,52 % Lysin, 2,3 % Rohfaser, 11,1 % Rohfett, 42,5 % Zucker, 4,6 % Stärke und 9,7 % Rohasche (jeweils bezogen auf 88 % TM). Der Energiegehalt beträgt etwa 15 MJ ME/kg (bei 88% TM). Dieses zuckerreiche Produkt mit einem ph-Wert von 4,2 wird mit 40 bis 50 Grad Celsius angeliefert und bleibt etwa 2 bis 3 Wochen haltbar. Empfohlen werden Mischungsanteile von 20 bis 30 % bei Soja-Getreiderationen.

Im Folgenden werden Mastmischungen mit Nebenprodukten, die auch weiterhin verfüttert werden dürfen, dargestellt. Um einen besseren Vergleich zu haben, sind der Tabelle 2 Mischungen mit, inzwischen verbotenen, Speiseresten und normalen Getreide-Soja-Mischungen vorangestellt. Aus den Inhaltsstoffen der Mischungen wird deutlich, dass bei Nebenprodukten aufgrund schwankender Inhaltsstoffe ein Sicherheitszuschlag bei Lysin notwendig ist. Um eine Kontrolle über die schwankenden Inhaltsstoffe zu haben, empfiehlt es sich bei allen flüssigen Nebenprodukten den TS-Gehalt regelmäßig zu kontrollieren. Bei Eiweißfuttermitteln muss der Rohprotein- und Lysingehalt kontrolliert werden, bei Nebenprodukten, die reich an Fett, Stärke oder Zucker sind, ist eine Untersuchung auf den Energiegehalt angezeigt. Der Ergänzer bzw. das Mineralfutter müssen auf die Besonderheiten der eingesetzten Nebenprodukte genau abgestimmt werden, insbesondere was die Versorgung mit essentiellen Aminosäuren (z.B. Lysin) bzw. Mineral­stoffen (z.B. Natrium) betrifft.

Bedingt insbesondere durch den hohen Fettgehalt zeichneten sich Rationen mit Speiseresten durch einen hohen Energiegehalt aus, der je nach Anteil der Speisereste in der Ration um 0,3 - 0,5 MJ ME/kg höher liegt. Vergleicht man die Energiegehalte der Nebenprodukte aus Tabelle 1 mit dem Energiegehalt von Weizen (14,4 MJ ME/kg), so wird deutlich, dass nur Backreste und das Nebenproduktgemisch aufgrund des hohen Zuckergehaltes die Mastmischungen energetisch aufwerten. Um insbesondere Durchfallerkrankungen zu vermeiden, dürfen zuckerreiche Nebenprodukte nicht in zu hohen Anteilen verfüttert werden. Als Orientierungswert gilt 10 - 11 % Zucker in der Gesamtmischung. Die anderen Nebenprodukte fallen in den Energiegehalten deutlich ab, insbesondere die Kartoffeldampfschalen mit 11,1 MJ ME/kg. Daraus wird deutlich, dass der Wegfall der Speisereste bei vielen Mischungen zu dem Problem führt, dass Energie knapp wird. Der Einsatz von Rapskuchen ist aufgrund des hohen Fettgehaltes auf max. 10 % in der Endmast beschränkt. In der Praxis empfiehlt es sich, z.B. zuckerreiche Komponenten mit stärke- und rohfaserreiche Komponenten zu kombinieren, um den Anteil der Nebenprodukte in der Gesamtration möglichst hoch fahren zu können.

Fazit

  • Das Fütterungsverbot der Speisereste hat zur Folge, dass ein wichtiger Energieträger (Fett) für die Rationsgestaltung nicht mehr zur Verfügung steht.
  • Energiemäßig können Rationen in erster Linie durch zuckerreiche Nebenprodukte aufgewertet werden, wie z.B. Backreste, Nebenprodukte der Süßwarenindustrie oder Nebenproduktgemische. Um einen möglichst hohen Anteil von Nebenprodukten verfüttern zu können, empfiehlt sich eine Kombination von Nebenprodukten, die sich in ihren Inhaltsstoffen gut ergänzen, z.B. stärkereiche Nebenprodukte mit zuckerreichen Nebenprodukten.
  • Die Überprüfung der Preiswürdigkeit von Nebenprodukten wird in Zukunft noch wichtiger, da durch den Wegfall der Speisereste das Angebot knapper geworden ist und sich der Preis nach Angebot und Nachfrage regelt.
  • "Nebenproduktprofis", die sehr kurzfristig auf "Sonderangebote" reagieren können, haben weiterhin die Chance, die Futterkosten deutlich zu senken.
  • In vielen Fällen haben die Mäster in erster Linie Vorteile durch "Nebeneffekte", wie z.B. bessere Fließfähigkeit und Schmackhaftigkeit des Futters oder als Wasserersatz.
  • Auch die Mast ohne Nebenprodukte ist eine Alternative, wenn sich die Vorteile, insbesondere die Futterkosten, Grenzbereichen nähern und andere Vorteile nicht vorhanden sind.

Autor: Dr. Wolfgang Sommer, Dr. Otmar Maier-Loeper