Lohnt sich der Industrierübenanbau?

Zuckerrübenfabrik

Dieses ist eine viel diskutierte Frage und das Werben um die Ackerfläche für den entsprechenden Anbau hat schon im vergangenen Sommer begonnen. Dabei handelt es sich bei den Industrierüben um dieselben Zuckerrüben(sorten) wie beim „normalen Quotenanbau“. Etwas anderes ist die Verwertungsrichtung und der Erzeugerpreis. Industrierüben sind nach der Definition, die Zuckerrübenvertragsmenge, deren Zucker- bzw. Isoclukosemengen von einem Hersteller in der EU über die Quotenmenge hinaus zur Verarbeitung bestimmter chemischer oder pharmazeutischer Erzeugnisse erzeugt werden können. Für diese Mengen müssen seitens des Herstellers Verwendungsnachweise geführt und die entsprechenden Verkaufspreise an die EU gemeldet werden. Von Seite der der EU werden die Meldungen kontrolliert und die Preise für Industriezucker werden regelmäßig auch im Internet veröffentlicht.

Wie aus der Grafik 1 ersichtlich weichen die Preise auch aufgrund der vorher geschilderten Fakten voneinander ab und es muss klar sein, dass der Industriezuckerpreis zwar ein flexibler aber dennoch von der EU „beobachteter“ Preis ist.

An diesem Preis orientieren sich viele Zuckerrübenverarbeiter. So haben sich z. B. für die Jahre 2012 bis 2014 der Rheinische Rübenbauer-Verband und die Firma Pfeifer & Langen auf den regelmäßig von der EU-Kommission veröffentlichten durchschnittlichen Industriezuckerpreis als Preisbemessungsgrundlage für Industrierüben verständigt. Wie man des Weiteren aus der Grafik erkennen kann liegt zwischen dem Quoten- und dem Industriezuckerpreis ein Unterschied von knapp 200 EUR/t Weißzucker, der Unterschied zwischen den Quoten- und Industrierübenpreisen ist dahingegen auch relativ weit geringer.

Soweit die „Vorrede“, den Landwirt interessiert dies weniger, ihm kommt es darauf an, wie viel Geld der Abnehmer bietet und dieser Betrag scheint manch einem zu wenig, wenn er die hohen „freien“ Weltmarktpreise sieht. Die Angebote in den verschiedenen Zuckerrübenanbauregionen und von den verschiedenen Zuckerrübenfabriken sind dabei sehr unterschiedlich und bewegen sich zwischen einem festen und einem flexiblen Preis. Einjährige und mehrjährige Vertragsmodelle mit und ohne Abzüge bei Unterlieferung sind auch mit dabei. Auch von daher lässt sich nicht pauschal sagen, welches Angebot gut oder schlecht ist und vor allem, ob es im jedem Betrieb passt. Die Wettbewerbsverhältnisse in jeder Region und in jedem Betrieb sind oft sehr unterschiedlich und daher nur durch eine betriebsindividuelle Betrachtung zu beurteilen. Das neue mehrjährige Preismodell für Industriezucker im Rheinland orientiert sich am EU-Industriezuckerpreis, von dem ein Basispreis (bei 16% Zuckergehalt) für Industrierüben - in den Grenzen zwischen 23 bis 27,50 Euro/to - abgeleitet wird. Bei der für die kommende Anbauplanung entscheidungsrelevanten Deckungsbeitragsrechnung sind zu dem Basispreis der erwartete Zuschlag für den Zuckergehalt, Schnitzel und Qualität berücksichtigt und somit ein Erzeuger(netto)preis zwischen 25 bis 30 Euro/ zu erwarten.

Die Fruchtfolge und die Mechanisierung müssen passen

Nicht mehr so sehr starre Fruchtfolgen bestimmen die Anbauplanung, sondern die Fruchtfolgewirkungen werden eher beachtet. So sind zum Beispiel „weitere Fruchtfolgen“, d. h. zwischen dem Rübenanbau auf einem Schlag sollte ein längerer Zeitraum liegen, und natürlich das verbesserte Sortenspektrum für die Ertragssteigerungen der letzten Jahre verantwortlich. Standortangepasste Sorten und ein vielleicht vierjähriger statt dreijähriger Rübenanbau auf demselben Schlag wirken auf den Ertrag sehr positiv.

Im Vordergrund der Betrachtung sollte nach wie vor die Optimierung des gesamtbetrieblichen Deckungsbeitrags liegen, d. h. die gesamte Fruchtfolge muss „harmonieren“. So ist zu beachten, dass einzelne Kulturen bzw. der Anbauumfang einzelner Kulturen nicht das Wohl anderer Kulturen bzw. deren Erlösmöglichkeiten stören. Vorfruchteffekte müssen optimiert und negative Nachbaueffekte wie z. B. Schädlinge minimiert werden. So verlängert z. B. ein erweiterter Rübenanbau das Zeitfenster für die Ernte bzw. er verlangt eine höhere Mechanisierung.

Insgesamt bewirkt der Rübenanbau eine spätere Einsaat von Weizen gegenüber einer früheren Ernte der Vorfrüchte Raps und Mais. Dieses ist in der Praxis mit niedrigeren Weizenerträgen auf den betroffenen Schlägen verbunden und der Rübe als negativer Fruchtfolgeeffekt anzulasten. Bei den vielfach vorhandenen unterschiedlichen Bodenqualitäten ist die Betrachtung der Durchschnittserträge pro Kultur oftmals nicht richtig. Die ersten angebauten Rüben auf den besseren Böden haben höhere Ertragserwartungen als die „letzten Hektare“ auf vielleicht schon schwächeren Standorten oder „engeren“ Fruchtfolgen.

Neben den Fruchtfolgeaspekten sind auch verschiedene Mechanisierungseffekte zu beachten. So verringert z. B. eine Lohnernte oder – saat den Deckungsbeitrag und damit den Unterschied gegenüber einer Kultur, für die die Ernte – und Aussaatmaschinen vorhanden sind. Aufgrund mangelnder Auslastungsmöglichkeit wird bei den Rüben oftmals auf die eigene Erntemaschine verzichtet, während ein eigener oder mit anderen Betrieben gemeinsam angeschaffter Mähdrescher im Betrieb eher vorhanden ist.

Dagegen hat die Zuckerrübe als „Frühjahrskultur“ den Vorteil einer zu starken Konzentration der „Winterungen“ entgegen zu wirken. Die aufgeführten Beispiele für die Fruchtfolge- und Mechanisierungseffekte sind nicht umfassend, sollen aber dazu anregen die betriebsindividuelle Deckungsbeitragsoptimierung auf ein solides Datenfundament zu stellen. Somit ist es sicherlich auch richtig, dass für den einen Betrieb eine Ausdehnung des Rübenanbaus, für den Anderen eine Beibehaltung des Flächenumfangs oder für einen weiteren Betrieb gar die Einschränkung des Rübenanbaus – insbesondere bei verstärktem Kartoffel- oder Gemüseanbau im Betrieb - die richtige Maßnahme darstellt. Der Industrierübenanbau, d. h. der zusätzliche Rübenanbau wie auch der zusätzliche Getreide- oder Rapsanbau bewirkt insoweit die notwendigen Maschinen vorhanden sind keine höheren Festkosten.

Standort und Absatzsicherheit

Der Zuckerrübenanbau passt nicht auf alle Standorte und in alle Regionen und wurde ja auch bereits in der Vergangenheit rund um den „Zuckerrübenfabrikschornstein“ organisiert. Die Konzentration der Verarbeitungsstätten führt oftmals zu größeren Transportentfernungen, die für den Anbauer weitgehend durch eine entsprechende Fuhrvergütung kompensiert wird. Dennoch müssen „überschüssige“ Transportkosten bei der Deckungsbeitragsrechnung berücksichtigt werden. Häufig wird der Rübentransport vom einzelnen Betrieb oder von Abfuhrgemeinschaften durchgeführt und in arbeitsarmen Zeiten als „Zubrot“ verstanden. Diese Argumentation passt nur insoweit, als dass überschüssige Transportmaschinen und Arbeitskräfte in dem Betrieb vorhanden sind. Diese Überschüsse sind zwar manchmal vorhanden, sollten aber nicht Kernbestandteil einer zukunftsgerichteten Unternehmensentwicklung sein. Die Organisation der Zuckerrübenernte und des Transportes gehören in professionelle Hände, um die Kosten weiter zu senken und damit die Wettbewerbsfähigkeit der Zuckerrübe weiter zu erhöhen.

Wie kalkuliere ist „sauber“?

Solange der erwartete Industrierübenerlös unter dem Erlös für Quotenrüben liegt, muss die Industrierübe als eigenständige Kultur bei der Deckungsbeitragsrechnung kalkuliert werden. Dabei ist sie grundsätzlich auf der Fläche zu bewerten, die nicht schon durch einen Quotenrübenanbau belegt ist. Das heißt, sie muss eventuell mit geringeren Erträgen und nicht nur mit geringeren Preisen angesetzt werden.

Die Industrierübe hat wie aus der Grafik 2 ersichtlich den Vorteil einer  sicheren Preis- und Absatzgarantie und die entsprechenden Verträge werden rechtzeitig zur herbstlichen Anbauplanung angeboten. Dieses ist im Gegensatz zu vielen anderen Kulturen eine komfortable Situation, die ohne großes Risiko einen sicheren Erlös verspricht. Bei den Konkurrenzkulturen muss der Landwirt die Absatzsicherung selbst vornehmen und sieht sich den Risiken sinkender Kurse, aber natürlich auch den Chancen steigender Preise ausgesetzt. Alles das sind Faktoren, die man auch in einer vergleichenden Deckungsbeitragsrechnung oder einer individuellen gesamtbetrieblichen Kalkulation berücksichtigen muss.

Ausgangspunkt jeder “sauberen“ Kalkulation ist ein belastungsfähiges Datenmaterial und in dem Falle, in dem es um die Ausdehnung oder Reduzierung einer Kultur geht, ist die Deckungsbeitragsrechnung das richtige Betrachtungsmodell. Einen guten Überblick bzw. Ansatzpunkte für die variablen Kosten bieten die Schlagkarteiaufzeichnungen. Die Ertragserwartungen und die Höhe der Direktkosten wie Saatgut, Dünger und Pflanzenschutz und der variablen Maschinenkosten sind in den betriebswirtschaftlich korrekt geführten Schlagkarteiprogrammen enthalten. Natürlich darf man nicht nur die Daten der Vergangenheit betrachten, sondern muss diese auf den kommenden Anbau „hochrechnen“.

Die Übersicht 1 zeigt eine „harmonische“ Fruchtfolge mit bei allen Kulturen guten Erträgen und einem damit hohen gesamtbetrieblichen Deckungsbeitrag von 1.249 Euro/ha.

In der Übersicht 2 ist die Fruchtfolge gleich, der Anteil der Industrierüben zu Lasten der Quotenrübe und eine Lohnernte senken jedoch den gesamtbetrieblichen Deckungsbeitrag auf 1.174 Euro/ha.

In der Übersicht 3 wurde ein umfangreicherer Rübenanbau kalkuliert, mit damit möglicherweise verbundenen geringeren Rüben- und Weizenerträgen. Der Gesamtbetriebsdeckungsbeitrag in Höhe von 1.130 Euro/ha liegt deutlich unter der Variante in Übersicht 1.

Kämen in den Fruchtfolgen noch Kartoffeln oder Gemüsekulturen hinzu, die vielfach mit hohen Deckungsbeiträgen aber nicht immer mit Gewinnen glänzen, würde das vielfach zu Lasten der Raps- und Rübenanbauanteile gehen.

Nicht allein die gebotenen Preise und die Ertragserwartungen für Industrierüben, sondern die Deckungsbeitragserwartung des Industrierübenanbaus bzw. die Optimierung des gesamtbetrieblichen Deckungsbeitrags sind für die Entscheidung Pro oder Contra Industrierüben entscheidend. Dabei gibt auch das Verhältnis von den Rüben- zu den Getreide- und Rapspreisen - Gleichgewicht in etwa bei 0,15 zu 1 zu 2 - gewisse Aufschlüsse über die Vorteilhaftigkeit der jeweiligen Kultur bei den gegebenen Kostenverhältnissen.

Fazit

Für die Anbauentscheidungen vieler Betriebe sind pauschale Betrachtungen nicht richtig. Eine eigene oder im Lohn durchgeführte Ernte hat Auswirkungen auf die zu erwartenden Rentabilitäten der verschieden Kulturen. Eine Lohnernte bei einer Kultur wirkt bei einer Flächenausdehnung im Verhältnis zur eigenen Ernte bei einer anderen Kultur zusätzlich belastend. Aber insbesondere Fruchtfolgewirkungen müssen verstärkte Berücksichtigung finden. Es gibt keinen Grund die Rüben über die für die Fruchtfolge bzw. den Gesamtdeckungsbeitrag nicht förderlichen Aspekte (z. B. Ertragsrückgang bei den Rüben bzw. Ertrags- und Qualitätsbeeinträchtigungen bei anderen, insbesondere umsatzstarken Kulturen) hinaus auszudehnen. Es ist daran zu erinnern, dass durchaus auch die einzelbetriebliche Einschränkung des Rübenanbaus in den letzten Jahren zu den Ertragssteigerungen beigetragen hat. Mit einem zusätzlichen Industrierübenanbau sollte man kein derartiges, möglicherweise vorhandenes, Potential verschenken.

Man kann unschwer erkennen, dass die Rüben zu Quotenpreisen bei den aktuellen Preiserwartungen für die Ernte 2012 die „Nase vorn“ haben. In einigen Regionen, wie zum Beispiel im Rheinland, ist für die Ernte 2011 ein höherer Erzeugerpreis von mindestens 2 Euro/t als der von der Zuckermarktordnung abgeleitete Mindestpreis angekündigt worden. Auch für 2012 soll sich diese Entwicklung fortsetzten. Gleichzeitig sprechen für die Rüben zu Quotenpreisen die hohe Erlösstabilität, während bei Getreide und Raps die Preise auch noch stärker als dargestellt schwanken können. Diesen Schwankungen kann man durch Teil-Absicherungen in günstigen (Preis)Phasen - wie zum Teil auch schon für 2012 erfolgt - vorbeugen. Die gleiche Rübe, jedoch im Vertrag Industrierübe genannt, schneidet bei der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung deutlich schlechter als die Quotenrübe ab, so dass der Weizen, der Raps oder gar der Mais ernsthafte Konkurrenten, bei entsprechenden Verhältnissen (guten Marktpreisen, auf schwächeren Standorten usw.) sogar eine bessere Wirtschaftlichkeit versprechen.

Um es noch etwas anders auszudrücken, man sollte in jedem Fall versuchen, für die Rüben, die man anbauen will, eine Quotenrübenbezahlung anzustreben. Ob dann noch „Platz“ für Industrierüben ist, muss jeder nach individueller Kalkulation selbst herausfinden. Unabhängig von der Vorteilhaftigkeit der Angebote ist das Vorgehen der Rübenverarbeiter, sich rechtzeitig um die Ackerflächen zu bemühen, zukunftsweisend. Auch Getreide, Raps, Kartoffeln und andere Produkte könnten schon verstärkt für 2012 oder gar 2013 kontrahiert werden. Aber von einer Angebotsoffensive bzw. dem Werben der entsprechenden Händler ist kaum etwas zu bemerken.

Autor: Hans-Jürgen Hölzmann