Blauzungenkranheit kehrt nach Deutschland zurück

Mücke der Gattung Culicoides
Einer der natürlichen Überträger des Blauzungen-Virus sind kleine, 1–3 mm lange Mücken der Gattung Culicoides. Foto: vetjournal.it

Erste Fälle in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz nachgewiesen. Restriktionszonen reichen bis ins südliche NRW. Für Menschen völlig ungefährlich.

Im Spätsommer 2006 wurde in Europa erstmals nördlich der Alpen ein Blauzungenvirus nachgewiesen. Der damals in der Eifelregion festgestellte Stamm BTV 8 war bis dato nur südlich der Sahara beobachtet wurden.

Die Blauzungenkrankheit wird verursacht durch ein Orbivirus, von dem insgesamt 25 Serotypen bekannt sind. Sie kann alle Haus- und auch Wildwiederkäuer befallen und ist eine anzeigepflichtige Tierseuche. Klinische Verdachtsfälle sind deshalb dem zuständigen Veterinäramt anzuzeigen. Für den Menschen ist die Blauzungenkrankheit absolut ungefährlich.

Krankheitsbild

Bei unseren Haustieren sehen wir, abhängig von Tierart, Serotyp und der Viruslast, unterschiedlich stark ausgeprägte Klinik: entzündliche Rötungen der Maul- und Nasenschleimhäute, ödematöse Schwellungen im Kopfbereich, Entzündungen der Haut im Bereich von Zitzen und Kronsaum, also letztlich überall dort, wo die übertragenden Stechinsekten (vor allem Gnitzen) leicht an Blut gelangen können. Insbesondere die Veränderungen rund um die Maulhöhle führen zusammen mit dem auftretenden Fieber zu deutlichem Rückgang der Futteraufnahme mit teilweise massiven metabolischen Folgen (Energiemangel, Pansenübersäuerung aufgrund der Bevorzugung des weniger die Schleimhäute irritierenden Kraftfutters).

Leider gibt es zwischen den Serotypen des Blauzungenvirus keine brauchbare Kreuzimmunität, so dass damals die in Südeuropa bereits vorhanden BT-Vakzinen (gegen die Serotypen 2 und 4) nicht bei uns eingesetzt werden konnten, um den massiven klinischen Schäden entgegen zu treten. Die alleinige Anwendung von Repellent-Insektiziden zum Schutz der Tiere erwies sich schnell als nicht ausreichend, um die Erkrankung einzudämmen.

Impfungen erfolgreich

Dank eines gemeinsamen Kraftaktes von Politik, Veterinärverwaltungen, Tierärzteschaft und der pharmazeutischen Industrie konnten damals in kürzester Zeit neue Impfstoffe gegen BTV 8 entwickelt, zugelassen und koordiniert in einer Pflichtimpfung angewendet werden. Die Impfung erwies sich als gut verträglich und wirksam, so dass 2009 der letzte Feldvirusnachweis in Deutschland erfolgte. 2012 wurde Deutschland von der EU wieder als frei von BTV anerkannt. Allerdings blieb die BTV 8 in Ländern, die kein dermaßen stringentes Impfkonzept aufgelegt hatten wie beispielsweise Frankreich endemisch. Es bestand deshalb immer ein latentes Risiko der erneuten Einschleppung nach Deutschland, übrigens auch für den ebenfalls in Frankreich verbreiteten Serotyp 4, was die Ständige Impfkommission Veterinärmedizin (StIkoVet) beim FLI auch zu einer entsprechenden Impfempfehlung veranlasst hat.

Erste Fälle in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz

Im Dezember 2018 war nun der erste Fall von BTV 8 nach Jahren der Freiheit in Deutschland im Kreis Rastatt in Baden-Württemberg aufgetreten. Die dadurch bedingten Restriktionsgebiete (vorgeschriebener Radius mindestens 150 km) betrafen zunächst ganz Baden-Württemberg und das Saarland sowie die südlichen Teile von Rheinland-Pfalz und Hessen.

Durch einen weiteren Fall, der in der zweiten Januarwoche 2019 im Raum Trier in Rheinland-Pfalz bestätigt wurde, reichen diese Restriktionszonen nun auch in den Süden Nordrhein-Westfalens hinein.

Restriktionszone

Betroffen waren zunächst die Kreisgebiete Euskirchen, Düren, Region Aachen, Erftkreis, Rhein-Sieg-Kreis und südliche Teile des Kreises Heinsberg sowie die Städte Köln und Bonn. Mittlerweile ist durch einen weiteren Fall in Simmern (Rheinland-Pfalz) vom 18.01.2019 das Gebiet nach Nord-Osten ausgweitet worden und reicht mittlerweile bis in den Hochsauerlandkreis und nach Siegen-Wittgenstein. Für die Restriktionsgebiete gilt:

  • Tiere können im Restriktionsgebiet frei verbracht werden.
  • Für die Verbringung in freie Gebiete aus diesem Gebiet gelten folgende Voraussetzungen:
    • Tiere über 3 Monate müssen vor mindestens 60 Tagen eine vollständige Grundimmunisierung erhalten haben (und bei Bedarf innerhalb eines Jahres eine rechtzeitige Auffrischungsimpfung) oder
    • Tiere über 3 Monate werden einer Grundimmunisierung unterzogen und nach 35 Tagen mit negativem Ergebnis einer Virus-PCR im Blut unterzogen oder
    • Kälber bis 3 Monate stammen von geimpften Müttern (d.h. Grundimmuniserung der Mutter liegt mindestens 4 Wochen zurück und bei Bedarf wurde jährlich nachgeimpft), dazu ausgefüllte Tierhaltererklärung oder
    • Sonderregelung zunächst bis zum 31. 3. 2019: Tiere ohne Impfschutz, wenn sie mit einem Repellent behandelt worden sind und maximal 7 Tage vor dem Verbringen eine Virus-PCR mit negativem Ergebnis durchgeführt wurde oder
    • Schlachttiere (ausschließliche Verbringung zum Schlachten) ohne gültigen Impfschutz, wenn bei ihnen keine Anzeichen von Blauzungenkrankheit festgestellt werden konnten (Tierhaltererklärung Schlachttiere).

Neue Verbringungsmöglichkeit für Kälber aus Restriktionsgebieten

Seitens des Bundeslandwirtschaftsministerium und des niederländischen Landwirtschaftsministeriums wurde am 15. März 2019 ein Memorandum unterzeichnet, welches eine neue Verbringungsmöglichkeit für Kälber in die Niederlande ermöglicht:

Kälber bis zum Alter von 90 Tagen dürfen verbracht werden, wenn sie in einer maximal 7 Tage zurückliegenden Blutuntersuchung negativ auf das BTV8-Virus getestet wurden und zeitgleich mit der Probennahme einer Repellentbehandlung unterzogen wurden. Entsprechende Tierhaltererklärung (zur Repellentbehandlung) finden Sie unter anderem beim LANUV NRW.

Für weitere Fragen zum Thema Verbringung von Tieren oder bezüglich der Ausdehnung der Restriktionsgebiete wenden Sie sich bitte an ihre zuständige Veterinärbehörde. Aufgrund der anstehenden Untersuchungen für Überwachung und Handel in den betroffenen Regionen ist mit weiteren Fällen und möglicherweise mit Ausweitungen der Restriktionsgebiete zu rechnen

Aus Sicht des Tiergesundheitsdienstes sollte jeder Tierhalter, der auf den uneingeschränkten Tierhandel angewiesen ist oder der in den Jahren 2006/2007 besonders schwere Klinik in seiner Herde beobachten musste und somit vermutlich in einem „Gnitzengunstgebiet“ liegt, sich zeitnah mit seinem Hoftierarzt bezüglich einer rechtzeitigen Schutzimpfung in Verbindung setzen.

Beihilfe zu den Impfkosten

Da die Impfung gegen die Blauzungenkrankheit eine Infektion der Tiere und insbesondere die Erkrankung verhindern kann, wird dringend angeraten, die Tiere per Impfung zu schützen. Eine landesweite Impfung in den Jahren 2008 – 2012 war erfolgreich, sodass bis heute in NRW keine neuen BTV8-Fälle mehr aufgetreten sind und alle Restriktionen aufgehoben waren.

Der Verwaltungsrat der Tierseuchenkasse hat aufgrund der aktuellen Seuchengefahr eine Beihilfe der Rinderkasse zur Übernahme von Impfstoffkosten in Höhe von 1 € pro Impfung und Rind beschlossen.

Die Beihilfe kann ab sofort in Anspruch genommen werden.

Die Voraussetzung für den Erhalt der Beihilfe ist die ordnungsgemäße Meldung der Rinder in der HIT - Datenbank und eine evtl. Nachmeldung von Zukauftiere bis zum 15.02. bei der Tierseuchenkasse NRW, die fristgerechte Zahlung der Beiträge bei der Tierseuchenkasse sowie die Einhaltung aller tierseuchenrechtlichen Vorgaben. Den Hoftierärzten ist das Procedere aus der Beihilfe zu BVD-Impfung seit Jahren bekannt.

Die Impfstoffkostenbeihilfe BTV 8 dient der Gesunderhaltung der Rinderbestände – ausdrücklich nicht der Vermarktung (EU-Recht!).

Für die Gewährung der Beihilfe wird die Impfung des Gesamtbestandes (mindestens aller weiblichen Rinder, ab impffähigen Alter nach Angaben des Impfstoffherstellers) vorausgesetzt.

Sofern auf Grund der begrenzten Verfügbarkeit von Impfstoffen zuerst nur die Kuhherden geimpft werden sollen, ist dies als Teilbestandsimpfung möglich, unter der Voraussetzung, dass die Jungrinder/Nachzucht bei ausreichender Verfügbarkeit von Impfstoffen zeitversetzt geimpft werden. Die Impfung von männlichen Rindern ist wünschenswert und in der Beihilfe enthalten, jedoch keine zwingende Voraussetzung.

Die Beihilfe wird für die Impfung gegen den Serotyp BTV 8 gewährt, unabhängig davon, ob ein Mono- oder ein Kombiimpfstoff zur Anwendung kommt.

Weitere Informationen

Karten zu den aktuellen Restriktionsgebieten in NRW sowie Informationen zum Verbringen und Vordrucke für die Tierhaltererklärungen finden sie auf der Homepage des LANUV: www.lanuv.nrw.de/verbraucherschutz/tiergesundheit/tierseuchenbekaempfung/tierseuchen/blauzungenkrankheit/

Weiterführende Informationen zur Blauzungenkrankheit finden sich auf der Homepage des FLI:
www.fli.de/de/aktuelles/tierseuchengeschehen/blauzungenkrankheit/

Autor: Dr. Peter Heimberg