Neues „europäisches Shamondavirus“
Hintergründe
Seit Mitte Juli 2026 wurden zunächst in der Schweiz Rinderherden beobachtet, bei denen unter hohem Fieber die Milchleistung einbrach und teilweise auch Durchfall auftrat. Schnell wurden ähnliche Beobachtungen auch aus Frankreich und dem südlichen Baden-Württemberg gemeldet.
Zunächst wurde das klinische Geschehen mit dem massiven Hitzestress in dieser Zeit in Verbindung gebracht. Dieser war sicher auch ein Co-Faktor, da er das Immunsystem schwächte. Dann konnte bei betroffenen Tieren in Frankreich und Deutschland (durch das FLI) ein bislang bei uns unbekanntes Orthobunya-Virus aus der Simbu-Serogruppe identifiziert werden. In diese Serogruppe ist beispielsweise auch das Schmallenberg-Virus (SBV) eingeordnet. Es hat die größte Ähnlichkeit mit dem Shamonda-Virus (SHAV), welches bereits in den 60er Jahren in Afrika entdeckt wurde. Es wird wie SBV durch Vektor-Insekten wie Gnitzen, vergleichbar mit Blauzunge (BTV), übertragen. Derzeit gibt es keine Hinweise auf ein zoonotisches Potenzial – es besteht keine Infektionsgefahr für den Menschen. Das Virus ist auch nicht als Tierseuche gelistet.
Die Verwandtschaft mit dem SBV soll nicht eng genug sein, um sich bei SHAV einen Schutz durch den zugelassenen SBV-Impfstoff zu erhoffen.
Dieses neue „europäische Shamonda-Virus“ zeigt derzeit eine ähnlich hohe Ausbreitungsgeschwindigkeit wie seinerzeit das SBV, welches sich ebenfalls deutlich schneller über Deutschland ausbreitete als von BTV bekannt war. Neben den bestätigten Nachweisen im Südwesten Deutschlands, in Frankreich und den Niederlanden müssen wir auch von einem bestehenden Infektionsgeschehen bei uns in NRW ausgehen.
Infektionen sind bisher neben dem vermutlich wichtigsten Wirt, dem Rind, auch für Schafe, Ziegen, Alpakas und Pferde bekannt. Hier scheint es einen deutlichen Unterschied zum SBV zu geben. Ob eine Infektion tragender Muttertiere zu Missbildungen beim Fötus führt, wie es beim SBV der Fall ist, lässt sich derzeit noch nicht beurteilen.
Therapie und Prophylaxe
Betroffene Tiere müssen vom Hoftierarzt symptomatisch behandelt werden. Daneben gilt es, die gesunden Tiere und Herden bestmöglich vorzubereiten:
- Bedarfsgerechte Fütterung: Das Immunsystem muss gut versorgt sein. Dazu gehört neben der Energie- und Eiweißversorgung auch eine passende Versorgung z.B. mit Vitaminen und Spurenelementen. Beim Wiederkäuer ist zwingend auch die Vermeidung von Pansenimbalancen durch eine wiederkäuergerechte Rationsgestaltung erforderlich, da Pansenacidosen durch die Störungen der Vormagenschleimhaut eine hochgradige unspezifische Belastung für das Immunsystem darstellen.
- Tiergesundheit stärken: Gleichzeitig darf das Immunsystem nicht überlastet sein, denn wenn es an zu vielen Fronten gleichzeitig kämpft, werden die einzelnen spezifischen Antworten natürlich immer schwächer. Um eine Überforderung zu vermeiden, gilt es die Tiergesundheit grundsätzlich hoch zu halten. Kontrolle von Parasitosen durch Weidemanagement und gezielte Behandlungen helfen hier genauso wie Impfprophylaxen vor bekannten und für den Betrieb relevanten Krankheitserregern. Grundsätzlich trägt auch die einzelbetriebliche Biosicherheit dazu bei, eine Überforderung des individuellen Immunsystems durch zu viele gleichzeitig belastende Erreger zu verhindern.
- Exposition gegenüber Vektoren verringern: Durch Stalltechnik wie Lüfter sowie eine gezielte Weideführung kann neben der Reduktion von belastendem Hitzestress auch die Exposition gegenüber Vektoren verringert werden. Bezüglich der Vektoren bewirkt auch der Einsatz von Repellentien eine gewisse Reduktion des Erregerdrucks.
Bei Fragen wenden Sie sich bitte an den Rindergesundheitsdienst der Landwirtschaftskammer NRW unter:
Autor: Dr. Peter Heimberg