Lippengrind auch für Menschen gefährlich

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Bösartige Form des Lippengrindes bei einem Texelschaf

Die Mehrzahl der Schafhalter dürfte im beruflichen Alltag bereits einmal indirekt mit Lippengrind konfrontiert worden sein. Beim Lippen- oder Maulgrind (Ecthyma contagiosum) handelt es sich um eine in der Schaf- und Ziegenhaltung weltweit verbreitete, ansteckende, pockenähnliche Erkrankung, die durch sogenannte Parapox-ovis-Viren hervorgerufen wird.

Wir unterscheiden drei Formen des Lippengrindes, die meldepflichtig sind und in unterschiedlicher Ausprägung, das heißt ohne oder mit Störung des Allgemeinbefindens, einzeln oder kombiniert, auftreten können:

Bei der häufigsten Variante des Lippengrindes, der labialen Form, beobachtet man an Ober- und Unterlippe, aber auch im Bereich der Nasenöffnungen und am Nasenrücken von Schafen oder Ziegen zunächst kleinerbsengroße Bläschen, die später zu einer mit deutlicher Schwellung der haarlosen Haut bzw. Schleimhaut einhergehenden, zusammenhängenden Wundfläche verschmelzen. Lämmer (besonders mutterlos aufgezogene Jungtiere!) sind aufgrund unzureichender Immunität besonders gefährdet. Die bösartige Verlaufsform ist dadurch gekennzeichnet, dass die Schleimhaut im gesamten Rachenbereich hochgradig entzündlich verändert ist und die Tiere aufgrund der Schmerzen die Nahrungsaufnahme verweigern. Beim Abheilen verschorfen die anfangs stark geröteten Wundflächen und es bilden sich Warzen-ähnliche Krusten, die das tiefer liegende, leicht blutende Gewebe abdecken. Im günstigsten Fall klingen die Symptome nach 14 Tagen wieder ab (Bild 1).

Bei der Genitalform findet man die Hautdefekte bevorzugt im Bereich der Zitzen und auf der Euterhaut. Die Symptome ähneln in Aussehen und Verlauf den beschriebenen Veränderungen am Kopf, treten aber relativ selten gemeinsam mit der Lippenform vor. Gelegentlich stellen sich auch Veränderungen im Bereich der Scheide und an der Schwanzunterseite ein.

Die mit mehr oder weniger starker Stützbeinlahmheit einhergehende Fußform des Lippengrindes ist nach Erfahrungen des Schafgesundheitsdienstes in unseren Breiten wirtschaftlich unbedeutend: am Kronsaum und im Zwischenklauenspalt findet man die bereits oben beschriebenen, geschwürigen Hautveränderungen. Bei bösartigem Verlauf kann es zum Ausschuhen, dass heißt zur völligen Ablösung des Hornschuhes vom Klauenbein kommen.

Da es sich beim Lippengrind um eine sogenannte Zoonose handelt, ist beim Umgang mit erkrankten Schafen Vorsicht geboten. Parapox- oder Orf-Viren können über kleine Risse in die Haut eindringen, es empfiehlt sich daher unbedingt das Tragen von Handschuhen beim Fixieren bzw. der Untersuchung betroffener kleiner Wiederkäuer. Der nachstehend exemplarisch beschriebene Fall wurde durch Kontakt mit mutterlos aufgezogenen, klinisch an Lippengrind erkrankten Schaflämmern ausgelöst.

Etwa ein bis zwei Wochen nach dem direktem Kontakt mit infizierten oder frisch geimpften Schafen oder Ziegen stellen sich beim Menschen meist an den Händen oder Armen im Bereich von Hautverletzungen hartnäckige, in der Regel lokal begrenzte Entzündungen ein.

Anmerkung: in Deutschland ist die in der Schweiz, Frankreich und den USA verwendete, attenuierte Orf-Vakzine nicht zugelassen; der Lebendimpfstoff wird dort erfolgreich zur Sicherung einer Bestandsimmunität jährlich 3-4 Wochen vor dem Lammen verabreicht wird. Als Notimpfung kann er auch unmittelbar nach der Geburt oder noch beim Auftreten der ersten Läsionen appliziert werden.

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Durch Orf-Viren verursachte Entzündungen an zwei Fingern nach Kontakt mit an Lippengrind erkrankten Schaflämmern. Fotos: Dr. Wilfried Adams

Bei betroffenen Personen (Bild 2; Mittelfinger und Daumen der linken Hand betroffen) entwickeln sich zunächst gerötete Hautbezirke mit einem Durchmesser von 2-4 mm, in deren Zentrum sich mit zunehmendem Größe ein Bläschen mit einem Durchmesser von 1,0 bis 1,5 cm bildet, das zunächst eine klare Flüssigkeit enthält, die später eintrübt. Bakterielle Sekundärinfektionen bei offenen Wunden werden beschrieben. Die Entzündungsherde können an mehreren Stellen der oberen Extremitäten auftreten und sind nur selten schmerzhaft. Mittels Trockentupfern können die Orf-Viren aus dem Wundsekret mit Hilfe eines sehr sensiblen diagnostischen Verfahrens, der sog. rt-PCR, im Labor nachgewiesen und differenziert werden. Die Hautdefekte werden meist symptomatisch behandelt und heilen - abgesehen von bakteriellen Sekundärinfektionen, die auch eine Antibiose erfordern - in der Regel ohne Störung des Allgemeinbefindens bei immunologisch nicht beeinträchtigten Patienten nach 2-4 Monaten wieder spontan ab. Bei größeren Wundflächen können gelegentlich narbige Strukturen zurückbleiben.

Der oben geschilderte Fall aus Nordrhein-Westfalen und Literaturrecherchen belegen, dass derartige Orf-Virusinfektionen beim Menschen offenbar auch in der Humanmedizin wenig bekannt sind. In Verdachtsfällen sollte man daher den behandelnden Arzt auf die Kontakte zu Schafen oder Ziegen hinweisen, auch wenn sie schon einige Wochen zurückliegen.

Mehr Informationen zum Lippengrind bei Schafen und Ziegen finden Sie hier: