Akuter Schafrotz als Verlustursache beim Schaf

Bedeutung und Vorkommen

Trotz der vergleichsweise natürlichen Haltungsformen in der Schafhaltung kam es in den letzten Jahren sowohl während der Stallhaltungs- als auch zu Beginn der Weideperiode weitgehend unabhängig von der Witterung in mehreren Zuchtbeständen in Westfalen-Lippe zu verlustreichen, akuten Atemwegserkrankungen.

Betroffen waren vorzugsweise Lämmer ab einem Alter von 3-4 Tagen bis zum Alter von etwa 6 Wochen; in einzelnen Beständen konnte die Erkrankung während des Jahres 1998 über den Sommer hinaus bis zum Spätherbst auch bei älteren Schafen beobachtet werden. Bei Erkrankungsraten von 50 - 80% lagen die Verluste bei etwa 20%. Hinzu kommen nach Berichten der Schäfer erhebliche Minderzunahmen bei scheinbar erfolgreich behandelten Schlachtlämmern als Folge der bereits eingetretenen irreparablen Lungenveränderungen.

Im Untersuchungszentrum der Landwirtschaftskammer untersuchte Nasentupferproben und Sektionen verendeter Schafe zeigten, dass der bakterielle Erreger des sog. "Schafrotzes", Pasteurella hämolytica Typ A, für die Verluste verantwortlich war. Virologische Untersuchungen zur Klärung einer möglichen Beteiligung von Viren als Primärerreger verliefen bisher negativ.

Klinische Erscheinungen:

Schafrotz
Nasentupferentnahme bei einem an Schafrotz erkrankten Schaf

Klinisch fallen erkrankte Schafe zunächst durch sporadisch auftretenden, trockenen Husten, eine frequente Atmung und stark erhöhte Körpertemperatur von größtenteils deutlich über 40°C auf (Normaltemperatur bis 39,5°C).

Die Atemfrequenz beurteilt man am besten beim nicht fixierten Schaf im Ruhezustand anhand folgender Normalwerte:

  • Lamm und Jährling: 20-40 Atemzüge / Minute
  • Schaf erwachsen:   16 -30 Atemzüge / Minute

Der sich später einstellende wässrig-fadenziehende Nasenausfluß trübt zunehmend ein, trocknet im Randbereich unter gelblicher-grauer Krustenbildung ab, wobei es besonders bei Jungtieren zusätzlich zum Verkleben der Nasenöffnungen mit mehligen Kraftfutterpartikeln kommt. Einzelne Schafe erkranken perakut, d. h. die anfangs wenig auffälligen Tiere entwickeln innerhalb von Stunden eine mit hochgradiger Atemnot einhergendende Lungenentzündung und verenden trotz sofortiger Behandlung mit Schaumbildung vor Maul und Nasenöffnungen.

Übertragung:

Die Übertragung der Erreger erfolgt verzugsweise über die Stallluft als Tröpfcheninfektion; Ausscheider sind auch klinisch gesunde Altschafe. Anhand von Infektionsversuchen konnte demonstriert werden, daß bereits 12 Stunden nach Erregerkontakt charakteristische klinische Erscheinungen auftreten; die sog. Inkubationszeit ist somit im Vergleich zu anderen Infektionskrankheiten sehr kurz.

Vorbeugende Maßnahmen:

Schafhalter berichten übereinstimmend, daß eine gewisse Häufung der Erkrankung beobachtet werden kann, wenn das erste Drittel der Tiere abgelammt hat. Dabei erkranken sowohl die Lämmer der Altschafe als auch die der i. d. R. am Ende der Saison lammenden Erstlinge. Verluste treten in traditionellen, wärmegedämmten Schafställen, in letzter Zeit aber vermehrt in neu konzipierten Hallenkonstruktionen (Leimbinder- bzw. Stahlträgerkonstruktionen mit Trauf/First-Lüftung) auf. Offenbar wächst mit zunehmender Besatzdichte der Infektionsdruck.

Neben der Optimierung der Lüftungsverhältnisse, d. h. einer Reduzierung der rel. Luftfeuchtigkeit möglichst unter 80% und der Luftbewegung im Tierbereich unter 0,2m / sec., sollte die Besatzdichte vermindert oder die Ablammungen sogar in separate Stalleinheiten verlegt werden. In diesem Zusammenhang kann man über einen Kontakt mit der zuständigen Kreisstelle der Landwirtschaftskammer das Angebot einer objektiven Überprüfung des Stallklimas nutzen. Das Trockenhalten der Einstreu ist nicht zuletzt wegen der drohenden Kokzidiosegefahr eine Selbstverständlichkeit.

Die bislang erfolgreich eingesetzte, sowohl für die Impfung der Muttern als auch zum Einsatz bei noch gesunden Lämmern konzipierte inaktivierte, handelsübliche Pasteurellose/Clostridiose-Vakzine steht leider nicht mehr zur Verfügung. In Problembetrieben läßt sich eine deutliche Reduzierung der Lungenveränderungen bei Mastlämmern erzielen, wenn die Muttertiere eine Grundimmunisierung durch zwei Injektionen im Abstand von 4-6 Wochen erhalten, wobei die letzte Impfung etwa 2 Wochen vor dem Ablammen erfolgen muß. Zusätzlich müssen in Problembetrieben mit hohem Pasteurellendruck auch die Lämmer dieser Muttertiere ab der vierten Lebenswoche in das Impfprogramm einbezogen werden, da der über die Biestmilch passiv erworbene Schutz der mütterlichen Antikörper nicht mehr ausreicht.

In einem kontrollierten Versuch innerhalb eines Stalles konnte so der Anteil der Lämmer, die bei der Schlachtung chronische Lungenveränderungen (sog. Spitzenlappenpneumonien und katarrhalisch-eitrige Lungenentzündungen mit Verklebungen der Lungen mit dem Brustfell) aufwiesen, von 50% auf 5% reduziert werden. Impfversuche in anderen Betrieben verliefen weniger ermutigend.

Zur Zeit besteht die Möglichkeit, über das Impfstoffwerk Dessau-Tornau GmbH in Roßlau oder die Wirtschaftsgenossenschaft Deutscher Tierärzte (WdT) in Hannover-Memsen eine herdenspezifische Vakzine anfertigen zu lassen. Dazu entnimmt der Tierarzt bei erkrankten Schafen zwecks Erregerisolierung Nasentupfer. Über die Schutzwirkung der über beide Impfstoffwerke zu beziehenden herdenspezifischen Pasteurella-Vakzinen liegen keine Untersuchungen bzw. Auswertungen vor. Da unmittelbar nach der Anwendung der bestandsspezifischen Pasteurella-Vakzinen erfahrungsgemäß Nebenwirkungen auftreten können, wird der Tierarzt die Verträglichkeit zunächst an einer kleinen Tiergruppe vortesten.

Die Schutzwirkung von Pasteurella-Vakzinen bei Schafen und Rindern wird in Fachkreisen allgemein kritisch beurteilt. Neuerdings versucht man in der Rinderhaltung das Problem dadurch zu lösen, daß man die Vakzinen mit speziellen Komponenten (sog. Endo- und Kapselantigene) anreichert, die den Organismus in die Lage versetzen, die von den Bakterien gebildeten Gifte (z. B. Leukotoxine) zu neutralisieren.

Jungtieren bis zum Alter von 4-6 Wochen kann man durch die Verabreichnung von handelsüblichem Pasteurella-Serum einen Sofortschutz vermitteln; die Schutzwirkung dieser Antiköper hält allerdings nur wenige Tage an.

Behandlung:

Vor dem Einsatz von Antibiotika zur Bekämpfung der Lungenaffektionen sollte grundsätzlich durch parasitologische Untersuchungen von Kotproben ausgeschlossen werden, daß die Schafe mit Lungenwürmern befallen sind. Der Nachweis von Pasteurellen aus dem Nasensekret erkrankter Schafe allein rechtfertigt nicht die Aussage, daß die Tiere primär oder ausschließlich aufgrund der bakteriellen Infektion erkrankt sind.

Behandlungen müssen in Zusammenarbeit mit dem betreuenden Tierarzt möglichst auf der Grundlage von Antibiogrammen erfolgen. Auswertungen des Schafgesundheitsdienstes derehemaligen Landwirtschaftskammer Westfalen-Lippe belegen in Übereinstimmung mit Literaturberichten, daß Pateurella hämolytika besonders gut mit den Wirkstoffen Amoxicillin oder Ampicillin zu beeinflussen ist. Langzeitformulierungen garantieren wirksame Plasmakonzentrationen, die innerhalb von drei Stunden erreicht werden und ca. 48 Stunden anhalten. Eine zweite Injektion ist am dritten Tag zur Aufrechterhaltung des Blutspiegels zu empfehlen. Der Tierarzt verabreicht zusätzlich entzündungshemmende Präparate.

Tritt spätestens am dritten Tag keine Besserung des Allgemeinzustandes ein, ist dringend eine Umstellung der Therapie nach Resistenztest zu empfehlen.

Autor: Dr. Wilfried Adams