BRSV-Infektionen rechtzeitig erkennen, Verluste vermeiden

Vorkommen und Erreger

Das zu den Paramyxoviren gehörende Bovine Respiratorische Synzytial-Virus führt bevorzugt im Herbst und Winter im Rahmen des Rindergrippekomplexes unter ungünstigen Haltungsbedingungen, das heißt bei hoher Luftfeuchtigkeit und zu hoher Besatzdichte sowie unter besonderen Belastungen (Zukauf von Tieren aus mehreren Beständen mit unterschiedlichem Immunstatus), zu Atemwegserkrankungen mit irreparablen Lungenveränderungen bis hin zu Totalverlusten.

Klinik

Bei der milden Verlaufsform beobachtet man typischerweise bei ca. 10% der Tiere im Altersbereich von 6 Wochen bis zu 6 Monaten, gelegentlich auch bei Rindern bis zu einem Jahr, sporadisch auftretenden Husten. Die Symptome sind vergleichbar mit der Frühphase des Lungenwurmbefalls im Spätsommer bei Weiderindern.

Das Allgemeinbefinden der Tiere ist zunächst wenig gestört. Im Gegensatz zur IBR- bzw. BHV-1-Infektion lassen sich weder eine vermehrte Tränensekretion und noch gerötete Nasenschleimhäute feststellen. Bakterielle Sekundärinfektionen können den Verlauf nachhaltig negativ beeinflussen und zu einem Anstieg der Körpertemperatur auf etwa 40,5°C führen. Dabei kommt den Pateurellen aufgrund ihrer Toxinbildung besondere Bedeutung zu.

BRSV-Beginn
Sägebockartige Haltung des Körpers zu Beginn der akuten BRSV-Phase

BRSV
Perakute BRSV-Phase mit Maulatmung und Produktion von feinblasigem Schaum

Aus der milden Form entwickelt sich innerhalb weniger Stunden bei einzelnen Tieren die dramatisch verlaufende, akute Verlaufsform. Einige Tiere sondern sich von der Gruppe ab und fallen zunächst durch ihr apathisches Verhalten (Hängenlassen der Ohren bei leicht nach vorne gestrecktem Kopf) und eine rasche Erhöhung der Atemfrequenz bis über 80 Atemzüge/Minute auf ( Bild 1).

Durch die in die Lungenbläschen einwandernden Entzündungszellen und die zunehmende Produktion zähflüssigen Schleims wird die Sauerstoffaufnahme innerhalb kürzester Zeit (Minuten bis Stunden) derart beeinträchtigt, daß sich eine lebensbedrohliche Atemnot einstellt. Dabei nehmen die Tiere bei weit auseinandergestellten Vordergliedmaßen eine sägebockartige Stellung ein und aus ihrem Maul werden große Mengen feinblasiger Schaum freigesetzt (Bild 2).

Die hochfieberhaft (Körpertemperatur bis zu 42° C) erkrankten Rinder verlieren infolge des mit einer extremen Kreislaufbelastung einhergehenden Sauerstoffmangels bald ihr Standvermögen und verenden ohne Behandlung nicht selten wenige Minuten später. Bei der Sektion findet man typischerweise bis zu faustgroße, blasige Veränderungen im Lungengewebe (sog. bullöse Emphyseme), die entstehen, wenn noch intakte Bezirke der Lungen die Funktion der defekten übernehmen müssen und dabei überdehnt werden.

Vorbeuge und Behandlung

Nicht zuletzt aufgrund der durch die BRSV-Infektion verursachten hohen direkten und indirekten Verluste müssen im Verdachtsfall alle Maßnahmen rechtzeitig in enger Abstimmung mit dem Hoftierarzt erfolgen. Langfristig lassen sich Verluste nur vermeiden, wenn die Haltungsbedingungen verbessert werden; in diesem Zusammenhang sollte man über einen Kontakt mit der zuständigen Kreisstelle der Landwirtschaftskammer das Angebot einer Überprüfung des Stallklimas nutzen.

Da die Erfolgsaussichten bei der Behandlung akut erkrankter Tiere gering sind und Rinder, die die akute Phase überlebt haben, in der Regel irreparaple Lungenschädigungen behalten, die einem weiteren wirtschaftlichen Einsatz in der Mast (verminderte Tageszunahmen) entgegenstehen, liegt der Schwerpunkt der Bekämpfung der BRSV in der Prophylaxe.

Die Bedeutung der BRSV-Impfung im Rahmen der Einstallungsprophylaxe unterstreicht eine Untersuchung der Landwirtschaftskammer in Münster, die belegt, daß 55 (ca. 66%) von 83 Bullenmastbetrieben mit überdurchschnittlichem Management ihre Kälber bzw. Fresser bei der Einstallung gezielt durch den Tierarzt gegen BRSV immunisieren lassen.

Für einen wirksamen Schutz gegen BRSV sind im Rahmen der Grundimmunisierung 2 Impfungen im Abstand von 3-4 Wochen erforderlich, wobei für die Einstallungsprophylaxe bevorzugt Lebendimpfstoffe zum Einsatz kommen, das heißt nach Maßgabe des Tierarztes werden die Tiere unmittelbar nach der Ankunft erstmalig geimpft.

Da mütterliche Antikörper bei jungen Tieren den Impferfolg beeinflussen können, empfehlen die Hersteller, Rinder, die zum Zeitpunkt der Erstimpfung jünger als 3 bzw. 4 Monate sind, beim Erreichen dieses Altersabschnittes ein zweites mal nachzuimpfen. Lebendimpfstoffe können auch in infizierten Beständen noch erfolgreich eingesetzt werden.

Demgegenüber ist der Einsatz der inaktivierten Vakzine auf die Anwendung bei gesunden Tieren beschränkt, das heißt die Tiere müssen eine mehrwöchige Eingewöhnungsphase überstanden haben oder die Impfung erfolgt rechtzeitig vor Beginn der Herbst- und Wintermonate in einem geschlossenen Bestand (Zucht u. Mast) vor dem zu erwartenden erhöhten Infektionsdruck.

Zur Behandlung erkrankter Tiere eignen sich bei der milden Verlaufsform Fütterungsantibiotika über mehrere Tage zur Eindämmung der Sekundärinfektionen ggfls. in Kombination mit einem Lebendimpfstoff. Dabei ist zu berücksichtigen, daß fieberhaft erkrankte Tiere ( häufig nur durch Temperaturmessung zu erkennen ) oder im Allgemeinbefinden gestörte Rinder meist nicht die adäquate AB-Wirkstoffdosis über das Futter aufnehmen. In diesen Fällen bietet die Verabreichung über die Tränke bzw. den Tränkeautomaten die höhere Sicherheit. Betroffene Tiere müssen mit einem Farbstift gekennzeichnet und ggfls. per Injektion mehrtägig behandelt werden.

Akut erkrankte Tiere behandelt der Tierarzt zusätzlich mehrtägig mit entzündungshemmenden und schleimlösenden Präparaten.

Diagnostik

Grundlage einer erfolgversprechenden Prophylaxe und Therapie ist eine exakte Diagnose. Die oben aufgeführten Maßnahmen sollten daher möglichst auf der Basis eines Virusnachweises und des Nachweises der bakteriellen Sekundärerreger mit Sensibilitätsprüfung durchgeführt werden.

Für den Virusnachweis aus Nasentupfern, der in der Regel nur in der frühen Phase der Infektion gelingt (Beurteilung: Nasensekret hat noch wässrigen Charakter bei gleichzeitig erhöhter Köpertemperatur!), stehen spezielle Entnahme- und Transportsysteme zur Verfügung. So eignen sich bei mindestens 3-4 Monaten alten Rindern die ca. 60 cm langen speziellen Watteträger der Fa. Eydan/Kiel, die zur Gewinnung Zell-haltigen Sekrets tief in Nase des gut fixierten Tieres vorsichtig eingeschoben werden. Bei jüngeren Kälbern können die üblichen 15 cm langen Tupfer mit Transportmedium genutzt werden. Da die Probenentnahme möglicherweise nicht exakt mit der Phase der Virusausscheidung zusammenfällt, empfiehlt sich die gleichzeitige Beprobung von drei geeigneten Tieren. Die Tupfer sollten unmittelbar nach der Entnahme den Untersuchungsinstituten , z. B. den regionalen Staatl. Veterinäruntersuchungsämtern, überbracht oder möglichst gekühlt postalisch zugestellt werden. Einen besonderen Service bietet das

Veterinäruntersuchungsamt
des Landes Schleswig-Holstein
Max-Eyth-Str. 5
24537 Neumünster
Tel.: 04321 / 9045

Unter der Bezeichnung "Respiratorisches Kit" wird eine Untersuchung der Nasentupfer auf Parainfluenza-3-, BRSV- und BHV-1- Viren sofort bei Ankunft der Proben im Labor mittels der Immunfluoreszenz eingeleitet, so daß noch am gleichen Tag eine vorläufige telefonische Befundmitteilung erfolgt. Dies gilt unter der Voraussetzung, daß das Untersuchungsmaterial bis 14.00h im Labor des Veterinäruntersuchungsamtes eintrifft.

Den endgültigen Befund erhält man per Fax nach etwa 3 Tagen, wenn die Versuche zum Virusnachweis in der Zellkultur abgeschlossen sind. Auf Antrag erfolgt zusätzlich eine bakteriologische Untersuchung des Sekretes mit Resistenztest, so daß beim Nachweis krankmachender Sekundärerreger kurzfristig eine Umstellung der Therapie erfolgen kann, wenn 3 Tage nach der Erstbehandlung noch keine sichtbare Besserung der Bestandssituation zu erkennen ist.

Autor: Dr. Wilfried Adams