Kälber durch Impfungen vor Erkrankungen schützen

Durch die mittlerweile auch in der Öffentlichkeit geführte Diskussion um Rückstände von Antibiotika in Lebensmitteln tierischer Herkunft sowie einer möglichen Entwicklung von Resistenzen, ist der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung massiv in die Kritik geraten. Auch in der Arzneimittelgesetzgebung, insbesondere was den vorbeugenden Einsatz von Antibiotika im Sinne einer sogenannten "Einstallprophylaxe" betrifft, wird es in absehbarer Zeit erhebliche Einschränkungen geben. Unabhängig davon, ob die Kritik an der bisherigen Verfahrensweise gerechtfertig ist oder nicht, geraten daher immunprophylaktische Maßnahmen ("Impfungen") vermehrt in den Vordergrund des Interesses. Über Möglichkeiten, Kälber durch Impfmaßnahmen vor Erkrankungen zu schützen, berichtet Dr. Hubert Brentrup, Fachtierarzt für Rinder bei der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen.

Was versteht man eigentlich unter "Impfung" ?

Jede Infektion, das heißt das Eindringen eines Erregers in den Körper eines gesunden Organismus, löst Abwehrreaktionen (Immunantworten) gegen die angreifenden Viren, Bakterien oder Parasiten aus. Hierbei werden von dem Organismus Schutzstoffe (Antikörper) gebildet, die entweder im Blutkreislauf zirkulieren (humorale Immunität) und somit dem Gesamtorganismus zur Infektionsabwehr zur Verfügung stehen. Im Unterschied dazu kann es alternativ oder zusätzlich an bestimmten Organen, wie z. B. der Schleimhaut des Darmes zur örtlichen Abwehrreaktionen (lokale Immunität) kommen. In beiden Fällen handelt es sich um eine aktive, das heißt durch die Auseinandersetzung des Körpers mit dem Erreger von ihm selbst aufgebaute Immunität. Neben dieser aktiven Immunität gibt es noch die sogenannte passive Immunität, bei der dem Organismus "vorgefertigte" Schutzstoffe (Antikörper) von außen zugeführt werden. Bekanntestes Beispiel aus der Natur hierfür ist die Übertragung von Antikörpern vom Muttertier auf das Neugeborene über die Biestmilch.

Diese Grundprinzipien der Immunologie der Säugetiere macht man sich bei der Herstellung und Anwendung von Impfstoffen zu Nutze. Im Gegensatz zu natürlichen und spontan erfolgenden Infektionen werden beim Einsatz von Impfstoffen bestimmte Erreger (Antigene) gezielt dem Organismus zugeführt, der dann analog der natürlichen Infektion mit der Produktion von Schutzstoffen reagiert. Impfstoffe können einen Erreger (monovalente Vakzinen) oder mehrere Erreger (polyvalente Vakzinen) enthalten. Letztere bieten den Vorteil, dass mit einer Impfung mehreren Krankheiten vorgebeugt werden kann. Daneben wir zwischen "Totimpfstoffen" und "Lebendimpfstoffen" unterschieden. Erstere enthalten vollständig abgetötete Erreger, Lebendvakzinen enthalten Erreger, die sich nach der Applikation im Tierkörper weiter vermehren können. Handelsübliche Impfstoffe werden von den Herstellerfirmen unter genau definierten und jederzeit reproduzierbaren Bedingungen mit genau spezifizierten Antigenen hergestellt und durchlaufen ein strenges und umfangreiches Zulassungsverfahren. Im Gegensatz hierzu werden die sogenannten stallspezifischen Impfstoffe aus zuvor isolierten Erregern erkrankter Tiere bzw. deren Organe auf gesonderte Veranlassung speziell für einen bestimmten Betrieb hergestellt. Dieses Verfahren kommt dann zur Anwendung, wenn handelsübliche Vakzinen für den verfolgten Zweck nicht zur Verfügung stehen. Impfstoffe dürfen nach § 34 der Tierimpfstoff-Verordnung bei Tieren grundsätzlich nur von Tierärzten angewendet werden. Die zuständige Behörde kann auf Antrag eines Tierarztes im Einzelfall Ausnahmen zulassen, sofern Belange der Seuchenbekämpfung nicht entgegenstehen.

Natürliche Impfung mit Biestmilch

Eine frühzeitige Versorgung des neugeborenen Kalbes mit qualitativ hochwertiger Biestmilch gilt nach wie vor als eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen für eine ungestörte Entwicklung. Mit der Biestmilch werden dem Kalb Abwehrstoffe zugeführt, die von dem jeweiligem Muttertier in Folge der Auseinandersetzung mit den in ihrer Umgebung vorkommenden Infektionserregern gebildet wurden. Somit handelt es sich um eine auf natürliche Weise erfolgende passive Immunisierung. Damit diese Abwehrstoffe bei dem Kalb im Sinne einer Infektionsabwehr tatsächlich wirken können, sei zum wiederholten Male daraufhin gewiesen, dass die Biestmilch innerhalb der ersten 2 Lebensstunden in möglichst großer Menge verabreicht werden muss. Je später die Gabe der Biestmilch erfolgt, desto mehr Schutzstoffe gehen verloren, da der Darm des Neugeborenen nur für eine begrenzte Zeit für die großmolekularen Eiweiße passierbar ist. Vor dem Hintergrund der enorm wichtigen Bedeutung einer frühzeitigen und ausreichenden Kolostrumgabe für die Gesundheit des Kalbes ist man in den USA vielfach dazu übergegangen, den neugeborenen Kälbern unmittelbar nach der Geburt 2 kg Kolostrum und nach 2 weiteren Stunden nochmals 2 kg Kolostrum per Maulsonde zu verabreichen.

In Deutschland wird aus unterschiedlichen Gründen von dieser Verfahrensweise abgeraten. Dass dies trotzdem gemacht wird, unterstreicht auf alle Fälle die Bedeutung der frühzeitigen und ausreichenden Biestmilchgabe. Die Qualtiät der Biestmilch hängt im wesentlichen von deren Menge und Zusammensetzung an Immunglobulinen ab. Untersuchungen haben ergeben, dass die Konzentration an Immunglobulinen im Blut neugeborener Kälber direkt mit der Immunglobulinmenge des verabreichenten Kolostrums korreliert. Kälber, denen qualitativ minderwertiges Kolostrum verabreicht wurde, erreichten niedrigere Blutserumspiegel als solche, die mit konzentrierter Kolostralmilch gefüttert wurden. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu beachten, dass Kühe, die wegen vorzeitigen Milchflusses bereits vor der Kalbung angemolken werden, über vergleichsweise geringe Gehalte an Immunglobulinen verfügen. Kälber solcher Muttertiere sollten in jedem Fall mit der vollwertigen Biestmilch anderer Kühe des Bestandes gefüttert werden.

Hierzu hat es sich bewährt, einen der Bestandsgröße angepassten Vorrat an Biestmilch von älteren Kühen des Bestandes einzufrieren, um im Notfall auf hochwertiges Kolostrum zurückgreifen zu können. Das Auftauen derart konservierter Biestmilch darf allerdings nicht in der Mikrowelle erfolgen, da hierbei die Immunglobuline zerstört werden. Desweiteren sollte man sich darüber im Klarem sein, dass Neugeborene über die Biestmilch nur gegenüber solchen Krankheitserregern eine Schutzwirkung erhalten, gegen die deren Muttertiere eigene Antikörper gebildet haben. Eine Kuh, die z. B. eine Infektion mit dem Virus der BVD durchgemacht hat, wird die gegen das BVD-Virus gebildeten Antikörper mit der Biestmilch an ihr Kalb weitergeben und diesem somit einen gewissen anfänglichen Schutz gegenüber dem Virus verleihen. Andererseits kann ein Muttertier, welches sich nie mit dem BVD-Virus auseinandergesetzt hat, auch keine BVD-Antikörper an ihr Kalb weitergeben, weil es selbst über keine verfügt. Werden die beiden Kälber nun an einen Fresseraufzuchtbetrieb verkauft, so ist das eine gegenüber dem BVD-Virus mangels Antikörper voll empfänglich, das andere abhängig von der Menge der Antikörper für etwa 2 - 3 Monate geschützt.

An diesem einfachen Beispiel wird deutlich, warum innerhalb einer aus verschiedenen Herkünften neu zusammengestellten Gruppe von Kälbern bei einer Exposition mit bestimmten Krankheitserregern einige Tiere erkranken, andere aber nicht. Ein Hauptproblem der auf Zukauf von Kälbern aus verschiedenen Herkunftsbeständen angewiesenen Aufzucht- und Mastbetriebe besteht demnach darin, wie sie es schaffen können, Tiere mit vollkommen unterschiedlichem Immunstatus gesund und leistungsfähig zu erhalten. Eine in der Praxis vielfach geübte Maßnahme besteht in der vorbeugenden Verabreichung von Antibiotika an die neu aufgestallten Kälber über einen Zeitraum von etwa 10 - 14 Tagen (Einstallprophylaxe). Diese Vorgehensweise wird insbesondere unter dem Aspekt einer möglichen Resistenzentwicklung bei auch für den Menschen relevanten Krankheitserregern zunehmend kritisch gesehen. Die derzeit in Vorbereitung befindlichen Änderungen arzneimittelrechtlicher Vorschriften werden zudem den Einsatz von Antibiotika an Tiere, die der Lebensmittelgewinnung dienen, an bestimmte Voraussetzungen, wie exakte Diagnosestellung und Durchführung von Resistenztesten knüpfen. Unter diesen Bedingungen wird die antibiotische Einstallprophylaxe in der bisher praktizierten Form kaum noch aufrecht zu erhalten sein. Umso mehr werden neben einem konsequenten Hygienemanagement und der weiteren Optimierung der Haltungsbedingungen die impfprophylaktischen Maßnahmen an Bedeutung gewinnen.

Schutz der Neugeborenen durch Muttertierimpfung

Milchviehbetriebe, die Probleme mit Durchfallerkrankungen bei neugeborenen Kälbern haben, können den Antikörpergehalt der Biestmilch und damit deren Schutzwirkung für die Kälber durch Impfung der Muttertiere in Bezug auf bestimmte Durchfallerreger gezielt erhöhen. Zuvor sollte aber auf jeden Fall eine Erregerdiagnostik aus Kotproben akut erkrankter Kälber durchgeführt werden, damit die Impfung gezielt eingesetzt werden kann. Zu bedenken ist auch, dass es Durchfallerreger (z. B. Kryptosporidien) gibt, gegen die nicht schutzgeimpft werden kann. Derzeit stellt die pharmazeutische Industrie vier Vakzinen mit jeweils gegen drei Durchfallerreger gerichteten Antigenen zur Verfügung, die in Form der Muttertiervakzination angewendet werden können. Kühe werden mit diesen Impfstoffen in der Trockenstehphase, Erstlingskühe in der Hochträchtigkeit nach den Angaben der Hersteller geimpft (siehe Tabelle 1).

Tabelle 1: Muttertiervakzinen für tragende Rinder

Muttertiervakzin

Die geimpften Muttertiere bilden daraufhin spezifische Antikörper, die sich in der Biestmilch anreichern und somit die neugeborenen Kälber vor Erkrankungen schützen. Die Impfung kann aber nur dann wirken, wenn die Kälber die Milch ihrer geimpften Mütter in den ersten 10 - 14 Lebenstagen tatsächlich auch bekommen. Die erste Gabe der "aufgewerteten" Biestmilch sollte - wie sonst auch - möglichst früh nach der Geburt erfolgen. Eine weitere Möglichkeit, Kälber direkt nach der Geburt mit spezifischen Antikörpern gegen Durchfallerreger auszustatten, besteht in der Verabreichung von Immunglobulinpräparaten (z.B. Biofakt, Locatim). Hierbei wird das Präparat entsprechend der Herstellerangaben entweder mit der Biestmilch vermischt oder vor der ersten Biestmilchgabe gleich nach der Geburt über das Maul verabreicht. Die Anwendung dieser speziellen Form der passiven Immunisierung ist zu empfehlen, wenn qualitativ hochwertige Biestmilch nicht zur Verfügung steht oder akute Probleme im Bestand bestehen, die wegen des zeitlichen Vorlaufes über die Muttertiervakzination nicht sofort zu beheben sind.

Aktive Immunisierung von Kälbern

Die aktive Immunisierung ist stets auf einen oder mehrere bestimmte Krankheitserreger bezogen. Voraussetzung für einen Impferfolg ist insbesondere ein funktionsfähiges Immunsystem des Impflings. Dieses ist beim Kalb erst ab einem Alter von drei Monaten vollständig ausgebildet (siehe Abbildung).

Immunität

Abbildung: Entwicklung der aktiven und passiven Immunität beim Kalb

In dem Maße, in dem die über die Biestmilch erworbene passive Immunität des Kalbes verloren geht, beginnt sich die vom Kalb selbst aufgebaute aktive Immunität zu entwickeln. Wie aus der Abbildung ersichtlich, ist dieser Vorgang ein fließendes Geschehen. Es wird aber deutlich, dass aktive Immunisierungen frühestens ab der 6. Lebenswoche zu einer belastbaren Immunität führen, weil noch jüngere Kälber aufgrund ihres noch nicht ausreichend reaktiven Immunsystems nicht in der Lage sind, als Antwort auf die Impfung ausreichende Mengen an Antikörpern zu bilden. Erschwerend kommt hinzu, dass vorhandene mütterliche Antikörper, die mit der Biestmilch aufgenommen wurden, den Aufbau einer aktiven Immunität verhindern. Führt man sich nun die in unseren Regionen übliche Vermarktungspraxis von Kälbern vor Augen, wird die Problematik deutlich. Überschüssige Kälber, insbesondere männliche Tiere, werden von den Milchviehbetrieben überwiegend mit einem Alter von 2 - 3 Wochen verkauft.

In den dann neu formierten Tiergruppen kommt es durch den Erregeraustausch unter den Tieren und dem mit Transport und Umstellung einhergehenden erheblichen Stress zu einer Überforderung, nicht selten auch zu einem völligen Zusammenbruch des Immunsystems. Der zur Krankheitsverhütung vorbeugende Antibiotikaeinsatz ("Einstallprophylaxe") wird wie oben ausgeführt in absehbarer Zeit in der bisher üblichen Form wohl nicht mehr erlaubt sein. Was also ist sinnvollerweise zu tun, insbesondere vor dem Hintergrund, dass 2 - 3 Wochen alte Kälber eigentlich noch gar nicht impffähig sind. Zunächst einmal gilt es, stressverursachende Faktoren soweit wie möglich abzubauen (ruhige Verladung, schonender Transport, ausreichende Tränke, usw.). Auch muss die Frage erlaubt sein, ob es im Interesse eines stabileren Gesundheitsstatus der Kälber nicht vorteilhafter ist, die Tiere erst ab einem Alter von 2 - 3 Monaten aus den Zuchtbetrieben abzugeben.

Selbstverständlich kann dies nicht von heute auf morgen geschehen, da es einschneidende Veränderungen der derzeit allgemein üblichen Verfahrensweise bei der Vermarktung von Kälbern erforderlich macht. Insbesondere Milchviehbetriebe müssten erhebliche Investitionen tätigen, um die Voraussetzungen für ein längeres Verbleiben der zum Verkauf vorgesehenen Kälber in ihren Betrieben zu schaffen. Bis dahin muss man versuchen, solche Impfstoffe bzw. Immunisierungsverfahren einzusetzen, die auch bei noch sehr jungen Kälbern einen Impferfolg erwarten lassen. Am besten gelingt dies durch die lokale Verabreichung von Lebendimpfstoffen.

Da Handelskälber insbesondere von Atemwegserkrankungen betroffen sind, sollten die Tiere möglichst bald nach der Aufstallung mit einem Lebendimpfstoff z.B. gegen die Bovine Respiratorische Synzytial Virus-Infektion (BRSV, Abb. 2) intranasal geimpft werden. Hierbei wird der Impfstoff mittels eines auf die Impfspritze aufgesetzten Zerstäubers auf die Nasenschleimhäute gesprüht und damit die Eintrittspforte für virale und bakterielle Atemwegserreger weitgehend unpassierbar gemacht. Neben diesem so erzielten lokalen Schutz ist gleichzeitig gewährleistet, dass die Impfantigene nicht von den im Blut zirkulierenden Antikörpern aus der Biestmilch abgefangen und unwirksam gemacht werden. Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass mit dieser Methode auch solche Kälber geimpft werden können, die sich bereits in der Inkubationsphase (Zeit von der Ansteckung bis zum Ausbruch der Erkrankung) befinden oder bereits frisch erkrankt sind. In diesem Fall einen Totimpfstoff zu verwenden, wäre sicher falsch, da hierdurch das Krankheitsgeschehen beschleunigt und verschlimmert werden könnte. Die zweite Impfung (Boosterimpfung nach etwa vier Wochen) kann über die Impfnadel erfolgen. Sollten die Tiere zu diesem Zeitpunkt Anzeichen einer Atemwegserkrankung zeigen, sollte aber nochmals intranasal geimpft werden. Bei Kälbern, die bei der Zweitimpfung jünger als drei Monate sind, empfiehlt sich eine dritte Impfung, um eine ausreichende Schutzwirkung zu erzielen. In der Liste sind die wichtigsten Kälberkrankheiten aufgeführt, gegen die mit handelsüblichen Vakzinen aktiv immunisiert werden kann.

Kälberkrankheiten, gegen die aktiv immunisiert werden kann

  • Rindergrippekomplex
  • BRSV
  • BHV1
  • BVD
  • infektiöser Neugeborenen-Durchfall
  • Salmonellose
  • Trichophytie
  • Lungenwurminfektion

Es ist an dieser Stelle aber unangebracht und aus fachlicher Sicht sogar unverantwortlich, zu all den dort aufgeführten Krankheiten konkrete Impfempfehlungen zu geben. Diese müssen in Zusammenarbeit mit dem betreuenden Tierarzt unter Berücksichtigung betriebsspezifischer Faktoren, wie Alter und Immunstatus der Impflinge, Erregersituation des Betriebes sowie regionaler Gegebenheiten erarbeitet werden. Hierbei muss der Tierarzt den Tierhalter über die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen und mögliche Schadwirkungen des Impfstoffeinsatzes aufklären. Nicht selten werden in der Praxis impfprophylaktische Maßnahmen mit einer großen Euphorie und Erwartungshaltung begonnen, die dann aus welchen Gründen auch immer, mit Enttäuschung und Frustration enden. Allein ein Blick auf die verschiedenen Arten von Impfstoffen, die gegen die Bovine Respiratorische Synzytial-Virus-Infektion (BRSV) zur Verfügung stehen (Tabelle 2) verdeutlicht die Komplexität der zu berücksichtigenden Faktoren und Zusammenhänge in diesem Bereich. Alle dort aufgeführten Impfstoffe haben sich als wirksam und praxistauglich erwiesen. Entscheidend ist aber die fachliche Kompetenz des Tierarztes, in Kenntnis der betriebsspezifischen Gegebenheiten, die richtige, für den jeweiligen Betrieb "passende", Impfstrategie zu entwickeln und danach die Impfstoffauswahl zu treffen.

Tabelle 2: Impfstoffe gegen die Bovine Respiratorische Synzytial-Virusinfektion (BRSV)

Impfung

Interferoninducer zur Vorbeuge?

Neben den bisher behandelten Impfstoffen gibt es als weitere Möglichkeit der Krankheitsvorbeuge bei Jungtieren die Anwendung der sogenannten Interferoninducer. Im Unterschied zu den spezifisch wirkenden Impfstoffen, das heißt gegen einen oder mehrere ganz bestimmte Erreger gerichteten Impfstoffen, sollen die Interferoninducer einen breit wirksamen Schutz gegenüber ganz unterschiedlichen Erregern bewirken. Das funktioniert folgendermaßen: nach der Verabreichung des Inducers wird der Organismus zur Bildung des sogenannten Interferons angeregt. Hierbei handelt es sich um ein Eiweiß, welches die Vermehrung in den Körper eingedrungener Mikroorganismen hemmt. Ein entscheidender Nachteil dieses Verfahrens liegt in der relativ kurzen Schutzwirkung, die maximal zehn Tage beträgt. Der Einsatz von Interferoninducern ist also dann angezeigt, wenn ein Tier oder eine Gruppe von Tieren über einen begrenzten Zeitraum in erhöhte Abwehrbereitschaft gegenüber Infektionen versetzt werden soll. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass die höchste Interferonkonzentration in dem Zeitraum vom zweiten bis siebten Tag nach der Anwendung des Inducers vorliegt. Demzufolge müssten Kälber 2 - 3 Tage vor dem Verkauf/Transport mit einem Interferoninducer behandelt werden, um während der Transport- und Umstellungsphase optimal geschützt zu sein. Die Anwendung von Interferoninducern konnte sich in der Praxis aber nicht so recht durchsetzen. Ein wesentlicher Grund hierfür dürfte sein, dass es enorm schwierig ist, überbetriebliche Vereinbarungen hinsichtlich des Gesundheitsstatus, der Impfregime, Entwurmungsprogramme usw. einschließlich der Frage, wer die Kosten für die durchgeführten Maßnahmen übernimmt, zu treffen. Im Rahmen der derzeit viel diskutierten integrierten und transparenten Lebensmittelproduktion wird sich auch in diesem Bereich in Zukunft aber hoffentlich einiges zum Besseren bewegen.

Keine Impfung ohne die notwendigen Begleitmaßnahmen!

Tierhalter setzen häufig zu hohe Erwartungen in die krankheitsverhindernde Wirkung von Impfstoffen. Die meisten Impfstoffe bieten aber keineswegs einen absoluten Schutz vor der jeweiligen Erkrankung, da es sich insbesondere bei den Atemwegserkrankungen oder dem Neugeborenen-Durchfall um klassische Faktorenkrankheiten handelt, die allein durch Impfmaßnahmen nicht in den Griff zu bekommen sind. Ziel muss daher sein, neben der durch den Impfstoffeinsatz erreichbaren spezifischen Immunität die allgemeine Widerstandskraft der Tiere zu fördern. Hierzu bedarf es umfassender Maßnahmen, die in ihrer Gesamtheit zu einem befriedigenden Ergebnis führen. In erster Linie ist ein optimales Stallklima mit einer hohen Luftaustauschrate zu gewährleisten. Hierdurch werden die Infektionserreger aus dem Stall herausbefördert und belasten die Tiere nicht mehr. Als weiteren entscheidenden Punkt sei an dieser Stelle auf die Notwendigkeit und Beachtung eines umfassenden Hygienekonzeptes hingewiesen, welches sowohl die Stallhygiene, die Personalhygiene, die Futterhygiene, als auch regelmäßige Reinigungs- und Desinfektionsmaßnahmen umfassen muss. Schließlich ist nicht zuletzt auch im Hinblick auf die Entwicklung eines voll funktionsfähigen Immunsystems auf eine ausgewogene und bedarfsgerechte Fütterung der Kälber zu achten. Schlechtes Management, unhygienische und untaugliche Haltungsbedingungen, sowie Fehler in der Fütterung sind niemals durch Impfungen zu kompensieren!

Autor: Dr. Hubert Brentrup