Mutterkornbefallenes Getreide - ein Problem in der Schweinefütterung

Eine durch eine Futtermittelverunreinigung mit Mutterkorn hervorgerufene reduzierte Futteraufnahme mit Gewichtsverlust kann nicht ausgeschlossen werden, während ein Zusammenhang mit den beschriebenen Lähmungserscheinungen bei den Mastschweinen jedoch eher unwahrscheinlich ist.

Beim Mutterkorn handelt es sich um die Dauerformen (Sklerotien) des Pilzes Claviceps purpurea, die in erster Linie auf Roggen und Triticale, bei feuchter Witterung aber auch auf Weizen und Gerste sowie auf Wildgräsern vorkommen. Die von diesem Pilz gebildeten Giftstoffe, die sogenannten Ergotalkaloide, führen beim Schwein vorrangig zu Milchmangel und reduzierter Futteraufnahme. Weiterhin können die Zusammenziehung (Kontraktion) der glatten Muskulatur der Gebärmutter sowie ein negativer Einfluß auf die Bildung des Schwangerschaftsschutzhormones (Progesteron) eine verkürzte Trächtigkeitsdauer, Totgeburten, lebensschwache Ferkel und später Umrauschen, Unfruchtbarkeit und Gebärmutterentzündungen zur Folge haben. Eine durch erhöhte Anspannung der glatten Muskulatur der arteriellen Blutgefäße bedingte Gefäßverengung kann in Verbindung mit einer Schädigung der Gefäßinnenauskleidung erhöhten Blutdruck, eine erhöhte Herz- und Atemfrequenz sowie die Minderdurchblutung herzferner Körperteile bewirken, was im fortgeschrittenem Stadium zum Absterben der Haut an Schwanzspitze, Ohren oder Klauen führen kann. Dies ist beim Schwein aber selten zu beobachten. Zur Hemmung der Milchproduktion und -abgabe kommt es durch eine reduzierte Ausschüttung des Hormons Prolaktin im Gehirn und eine Verengung der Blutgefäße im Gesäuge. Es gibt auch eine nervöse Form des Ergotismus (Mutterkornvergiftung), die zu Aufregung, Krämpfen oder Lähmungen führen kann. Sie kann bei Fleischfressern, Pferd, Schaf und in Ausnahmefällen beim Rind vorkommen, während eine Lähmung der Hintergliedmaßen beim Schwein in der Literatur jedoch bislang nicht genannt wird.

Während es bei Sauen schon bei 0,1 % Mutterkorn in der Ration zu den beschriebenen Störungen der Milchproduktion und Fruchtbarkeit kommen kann, sind bei Ferkeln und Mastschweinen unzureichende Gewichtszunahmen sowie evtl. eine Minderdurchblutung peripherer Körperteile und Kreislaufsymptome zu erwarten. Dabei ist eine Reduktion der Futteraufnahme bei sehr unterschiedlichen Mutterkorngehalten beschrieben worden. Auch eine Durchfallneigung ist bei höherer Belastung des Futters bei Mastschweinen möglich, da Mutterkorn relativ fettreich ist und eine Fettsäure, ähnlich denen in Rizinusöl, enthält.

Es ist daher eine Quantifizierung der Mutterkornmenge notwendig, wobei die Ermittlung der Anzahl befallener Körner nicht ausreichend ist. Es muß eine genaue Abwiegung erfolgen. Futtermittelrechtlich sind 1 g Mutterkornmasse pro kg Getreide zulässig. Getreide aus dem eigenen Betrieb darf maximal 2,5 g Mutterkorn pro kg enthalten, es ist aber so nicht handelbar und im eigenen Betrieb so zu verschneiden, dass in der Gesamtration nicht mehr als 0,1 % Mutterkorn enthalten sind.

Die Festlegung eines Grenzwertes ist aber immer kritisch zu sehen, da die Konzentration an aktiven Alkaloiden in den Mutterkörnern innerhalb einer Claviceps-Art je nach Herkunft (Wirtspflanze, Klima) erheblich schwanken kann. Damit können auch die Auswirkungen auf die Tiergesundheit bei Aufnahme von Mutterkorn, auch in Abhängigkeit von der individuellen Empfindlichkeit, sehr variabel sein. Eine verlässliche Aussage ist daher nur durch Bestimmung der wichtigsten Ergotalkaloide im Futtermittel mit Hilfe moderner Analytik möglich, wie sie z. B. in der Tierärztlichen Hochschule Hannover durchgeführt wird, oder durch deren Nachweis in Blut- oder Organproben.

Eine direkte Therapie gegen die durch Mutterkorn hervorgerufenen Erscheinungen gibt es nicht, sie kann immer nur unterstützend sein. Am besten ist es daher das belastete Futter abzusetzen oder wenigstens so zu verschneiden, dass 0,1 % Mutterkorn im Futter nicht überschritten werden, dabei soll der Alkaloidgehalt bei längerer Lagerung feinvermahlenen mutterkornhaltigen Getreides um bis zu 40 % in einem Jahr zurückgehen, da 3 Tage nach feiner Vermahlung eine Zersetzung der Alkaloide beginnt. An tragende und säugende Sauen sollte belastetes Getreide keinesfalls verfüttert werden.

Autor: Dr. Claudia Lambrecht