Landessortenversuche Wintergerste 2026

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Sortenversuche Wintergerste

Die nordrhein-westfälische Anbaufläche von Wintergerste hat sich zur Ernte 2026 deutlich erholt und lag mit etwa 140.000 ha auf dem höchsten Niveau seit 2020. Die gemeldeten Erträge schwankten von mäßig bis leicht überdurchschnittlich und waren stark abhängig von Sorte, Standort und Witterung.

Wetter bestimmt die Ernte

Die Aussaat der Wintergerste erfolgte unter meist guten Bedingungen und der anschließend milde, nicht zu feuchte Herbst förderte die Jugend- und Wurzelentwicklung. Aufgrund des geringen Blattlausdrucks war der Einsatz von Insektiziden nur selten erforderlich und auch auf nicht behandelte Flächen blieb ein Befall mit Gelbverzwergungsviren fast immer aus. Der Winter verlief wechselhaft, allerdings ohne sehr starken Frost oder sonstige, das Wachstum beeinträchtigende Ereignisse. Aufgrund des eher trockenen März/April blieb der Krankheitsdruck gering. Gleichzeitig profitierten in dieser Phase viele Bestände von einem gut entwickelten Wurzelsystem. Die kühlen Temperaturen ab der letzten April- und in den ersten beiden Maidekaden bremsten die Bestände deutlich. Darüber hinaus wirkten sich die regional unterschiedlichen Niederschläge auf die weitere Entwicklung aus: Während vor allem im südlichsten und nördlichen Rheinland eher geringe Niederschläge die Standorte mit einer besseren Wasserversorgung begünstigten, führten die höheren Niederschlagsmengen in einigen westfälischen Anbaugebieten eher zu einer Beeinträchtigung der besseren Standorte mit höherer Wasserhaltekapazität. Überlagert wurden diese Unterschiede teils durch die Hitzephase ab der zweiten Junihälfte mit Temperaturen von bis zu 40 °C, die vor allem in weniger entwickelten Beständen die abschließende Ertragsbildung negativ beeinflusste. Die diesjährige Ernte verlief witterungsbedingt sehr zügig und war landesweit in weniger als 14 Tagen abgeschlossen wurde. Der begrenzende Faktor war dabei seltener die Kornfeuchte, sondern die verzögerte Abreife des Strohs durch die hitzebedingt unterbrochene Umlagerung der Assimilate.

Auch wenn erst die Besondere Ernteermittlung zuverlässige Zahlen liefern wird, lassen die bisherigen Rückmeldungen aus der Praxis eine höchstens durchschnittliche Ernte mit relativ geringen Erträgen auf sehr schlechten und besseren Standorten und relativ hohen Erträgen auf mittleren Standorten mit relativ früher Reife und optimaler Wasserversorgung erwarten. Die erreichten Qualitäten lagen überwiegend auf einem guten Niveau und fielen nur auf sehr schwachen Standorten deutlich ab.

Versuche mit hoher Streuung

Die nordrhein-westfälischen Landessortenversuche mit Wintergerste erfolgten wie in den Vorjahren an insgesamt 8 Standorten, verteilt von der Köln-Aachener Bucht über den Niederrhein, das Münsterland bis nach Süd- und Ostwestfalen. Abhängig vom Standort erfolgte die Aussaat vom 24. September bis 15. Oktober mit 280 bis 330 kfK/m². Geprüft wurden alle Sorten sowohl bei reduzierten als auch bei intensivem Fungizid- und Wachstumsreglereinsatz. Besonders in der reduzierten Stufe trat in mehreren Versuchen frühes Lager und/oder Halmnicken auf. Der Krankheitsdruck lag im Vergleich zu den Vorjahren auf einem eher geringen Niveau. Die in den einzelnen Versuchen durchschnittlich ermittelten Erträge reichten von 72,0 dt/ha auf Haus Riswick (Pfalzdorf) bis 113,5 dt/ha auf Gut Ving (Nörvenich) und lagen im Mittel etwa 10% unter dem Niveau der Vorjahre. Die durchschnittlichen Ertragsverluste bei reduziertem Pflanzenschutz lagen zwischen 1-2% in Pfalzdorf bis 33% in Venrath. Lager und Halmknicken hatten daran einen erheblichen Anteil. Darüber hinaus wurde in den Versuchen in Nörvenich und Ostinghausen eine zusätzliche Stufe ohne Insektizide geprüft, um den möglichen Einfluss von Gelbverzwergungsviren auf die einzelnen Sorten zu ermitteln. Da in der Saison kein relevanter Befall auftrat, wurde diese Stufe gemeinsam mit der hohen Pflanzenschutzintensität verrechnet. Die teils schwierige Ernte führte in mehreren Versuchen zu hohen Grenzdifferenzen und dazu, dass einzelne Varianten von der späteren Auswertung ausgeschlossen werden mussten. Die durchschnittlichen Hektolitergewichte lagen mit 65,4-70,8 kg auf langjährig normalem Niveau. Die länderübergreifende Auswertung wurde um 5 Standorte aus Niedersachsen und 2 Standorte aus Hessen ergänzt, in denen meist ähnliche Erträge und Qualitäten erzielt wurden. Aktuell werden nur noch 13 Sorten landesweit geprüft, zusätzlich aber insgesamt 13 weitere Sorten in einzelnen Anbaugebieten oder nur an bestimmten Standorten.

Julia ist Hauptempfehlung

Julia (GMV1+2) überzeugt zur Ernte 2026 erneut mit hohen und stabilen Erträgen und bleibt damit eine klare Hauptempfehlung für alle Anbaugebiete. Ansonsten erzielen nur die Hybriden und die neue Sorte Agathe durchschnittlich noch etwas höhere Kornerträge. Julia ist aufgrund der guten Herbstentwicklung und der Resistenz gegenüber dem Gelbmosaikvirus Typ 2 auch für späte Aussaaten und den Anbau auf entsprechend befallenen Flächen geeignet. Die Sorte ist relativ früh und standfest, allerdings nur durchschnittlich strohstabil. Besonders in der diesjährigen Saison wuchs die Sorte länger als erwartet. Bei den Blattkrankheiten ist vor allem auf die höhere Anfälligkeit gegenüber Rhynchosporium zu achten. Die insgesamt sehr „runde“ Sorte erreicht ein etwas geringeres Hektolitergewicht, das unter kritischen Bedingungen zu Abzügen bei der Vermarktung führen kann. Die Saatgutproduktion ist hoch.

Alternativen bei den mehrzeiligen Liniensorten

Auch wenn Julia für viele Landwirte eine gute und sichere Sortenwahl ist, bietet es sich vor allem für größere Betriebe oder bei besonderen Anforderungen an, auch in das weitere Sortiment zu blicken:

Esprit erzielt vor allem auf besseren Standorten nach wie vor durchschnittliche Erträge, ist im direkten Vergleich zu Julia allerdings etwas später, länger sowie etwas weniger standfest und weniger gesund. Auf leichten Böden oder bei frühen Hitzephasen sind deutliche Mindererträge möglich. Das Hektolitergewicht ist leicht unterdurchschnittlich. Betriebe mit guten Anbauerfahrungen können mit der Sorte nach wie vor erfolgreich sein. Die Saatgutverfügbarkeit ist relativ hoch.

Avantasia (GMV1+2) ist im direkten Vergleich zu Julia etwa 1-2 Tage früher in der Abreife, was der Sorte vor allem bei Trocken- und/oder Hitzephasen einen leichten Vorteil verschaffen kann. Aufgrund der geringeren Standfestigkeit, Strohstabilität und Blattgesundheit sowie der durchschnittlich geringeren Erträge wird die Sorte außerhalb der Köln-Aachener Bucht allerdings nur eingeschränkt empfohlen.

KWS Exquis (GVV) erzielt auf leichten Böden durchschnittlich etwas höhere Erträge als KWS Chilis und ist daher mindestens regional eine mögliche Alternative im gelbverzwergungstoleranten Sortiment. Darüber hinaus überzeugt der relativ kurze Bestandesdichtetyp mit einer guten Standfestigkeit und Strohstabilität sowie einer durchschnittlichen Blattgesundheit. Die Saatgutverfügbarkeit ist gering.

SU Hetti (GMV1+2) wird nur noch eingeschränkt für Betriebe empfohlen, für die eine möglichst hohe Standfestigkeit und Strohstabilität deutlich wichtiger sind als Kornertrag, Blattgesundheit oder Qualität. Die Sorte ist wie Julia und Avantasia auch für Standorte mit GMV2-Befall geeignet.

Fascination (GVV) erzielt mehrjährig nur unterdurchschnittliche bis höchstens durchschnittliche Erträge und wird auch daher nur noch eingeschränkt für Betriebe mit positiven Anbauerfahrungen empfohlen. Die sehr frohwüchsige und kurze Sorte ist vor allem auf frühen Standorten eine mögliche Alternative zu KWS Exquis oder KWS Chilis. Fascination ist relativ standfest und strohstabil. Da der Züchter die Sorte weitestgehend vom Markt zurückgezogen hat, ist die Saatgutverfügbarkeit allerdings nur sehr gering.

KWS Chilis (GMV1+2, GVV) erzielt auch diesjährig in vielen Versuchen hohe bis sehr hohe Erträge, allerdings nicht auf allen Standorten. Besonders in Situationen mit einer nicht optimalen Wasserversorgung scheint die Sorte ihr Ertragspotential nicht realisieren zu können. Auf guten Böden hingegen überzeugt KWS Chilis nicht nur durch die guten Erträge, sondern auch durch den 3-fachen Virenschutz gegenüber GMV1+2 und GVV sowie die geringe Anfälligkeit gegenüber Ramularia. Die Kulturführung sollte auf eine Absicherung der Standfestigkeit und die Bekämpfung von Mehltau sowie Zwergrost ausgerichtet werden. Die Saatgutvermehrung wurde gegenüber dem Vorjahr deutlich erhöht.

Agathe überzeugt als einzige der neu geprüften Sorten in fast allen Versuchen mit hohen bis sehr hohen Erträgen, meist sogar über dem Niveau von Julia oder der Hybriden. Die Sorte ist darüber hinaus sehr standfest und strohstabil, zeigt aber deutliche Schwächen in der Blattgesundheit, vor allem gegenüber Rhynchosporium, Zwergrost und Ramularia. Der Anbau zur Probe wird vorerst nur für die besseren Standorte und für Betriebe mit einer angepassten Fungizidstrategie mit Zugabe von Folpet empfohlen. Agathe profitierte nach ersten Ergebnissen von einem reduzierten Wachstumsreglereinsatz. Aufgrund der guten Ergebnisse im nordwestdeutschen Raum könnte die Saatgutverfügbarkeit kritisch werden.

Hybriden nicht an der Spitze

Die besten Hybridsorten erzielen im mehrjährigen Vergleich nach wie vor durchschnittlich etwas höhere Erträge als die besten Liniensorten. Diesjährig allerdings fallen die Erträge der Hybriden sowohl in der Praxis als auch in den Versuchen eher mäßig bis höchstens leicht überdurchschnittlich aus und damit geringer, als es die höheren Saatgutkosten eigentlich erfordern.

SY Dakoota (Hy) bleibt eine Standardempfehlung für alle Anbaugebiete. Die Sorte erzielt im Vergleich zu den sonst geprüften Hybriden durchschnittlich die höchsten und stabilsten Erträge und überzeugt darüber hinaus mit einer relativ guten Standfestigkeit und Strohstabilität. SY Dakoota ist durchschnittlich etwas früher und deutlich kürzer als SY Colyseoo oder SY Loona, allerdings etwas weniger blattgesund. SY Dakoota erzielt ein relativ hohes Hektolitergewicht.

SY Loona (Hy) ist im Vergleich zu SY Dakoota deutlich später sowie weniger standfest und strohstabil. Die möglichen Erträge liegen zwar tendentiell etwas höher, lassen sich vor allem bei frühem Lager oder Halmknicken aber nicht zuverlässig realisieren. SY Loona zählt insgesamt zu den gesündesten Sorten. Aufgrund der gegenüber Julia oder SY Dakoota anspruchsvolleren Kulturführung wird die Sorte nur noch eingeschränkt für Betriebe mit Hybridenerfahrung und guter Wachstumsreglerstrategie empfohlen.

Zweizeiler mit schwachen Ergebnissen

Auch wenn zweizeilige Sorten vor allem im süddeutschen Raum regelmäßig gute Ergebnisse erzielen, können diese in Nordrhein-Westfalen meist nur in einzelnen Versuchen überzeugen. Auch in dieser Saison fielen die Ergebnisse der geprüften Sorten schwächer aus als im mehrjährigen Vergleich.

Annemiek (zz) wird trotz der diesjährig schwachen Ergebnisse noch eingeschränkt für den Anbau auf leichten Böden empfohlen, allerdings nur für Betriebe, die gezielt die Vorteile einer zweizeiligen Sorte nutzen können. Die sehr blattgesunde Sorte ist kurz, relativ spät und erfordert einen angepassten Wachstumsreglereinsatz. Die Saatgutverfügbarkeit ist trotz der bundesweit guten Ergebnisse gering.

Als mögliche zweizeilige Alternativen sind die aktuell nicht mehr geprüften Sorten SU Laubella (früher, ähnliches Ertragspotential, hohe Blattgesundheit) und KWS Tardis (durchschnittlich geringere Erträge, höhere Standfestigkeit und Strohstabilität, höhere Qualität) zu nennen. Auch bei diesen Sorten ist die aktuelle Saatgutvermehrung eher gering, allerdings deutlich höher als bei Annemiek.

Braugerste mit schwierigem Markt

Winterbraugerste erzielt im Vergleich zu (mehrzeiliger) Winterfuttergerste durchschnittlich mindestens etwa 5-10% geringere Erträge. Damit sich der Anbau rentiert, sind entsprechend höhere Marktpreise erforderlich. Diese sind aktuell aufgrund des Überangebots und rückgängiger Nachfrage allerdings nicht zu erwarten. Daher erfolgt auch für die etablierte Sorte KWS Donau keine Anbauempfehlung.

Ähnliches gilt auch für den Anbau von Sommerbraugerste in Herbstaussaat, so dass auch dieser nur für Betriebe mit positiven Anbauerfahrungen empfohlen werden kann. Die Sortenwahl beschränkt sich in der Voreifel auf die Sorten Leandra und Lexy, während sich in Westfalen leichter Lexy und LG Caruso vermarkten lassen. Abnehmer und Konditionen sollten allerdings bereits vor der Aussaat definiert sein. Auch bei einem geplanten Anbau als Sommerfuttergerste sollte die deutlich höhere Frostempfindlichkeit gegenüber einer echten Wintergerste und das daraus resultierende Ausfallrisiko beachtet werden.

Aussaat immer ein Kompromiss

Die um 2 Wochen spätere Aussaat von Wintergerste führte in der vergangenen Saison in zwei von drei Versuchen zu deutlichen Ertragsverlusten von etwa 14% gegenüber 2-8% in den Vorjahren. Die extrem späte Aussaat um 4 Wochen nach dem optimalen Saattermin führte an den gleichen Standorten sogar zu Mindererträgen von durchschnittlich 22% statt der sonst üblichen 14-15%. Allein in den Versuchen in Ostinghausen lagen die Ertragsverluste geringer und teils unter dem mehrjährig durchschnittlichen Niveau. Als mögliche Ursachen sind die schwächere Herbstentwicklung der Spätsaaten und die Überlagerung der kritischen Phasen der Ertragsbildung mit ungünstiger Witterung und besonders der frühen Hitzephase zu nennen. Den diesjährig schlechten Erträgen stehen nach wie vor relevante Vorteile beim integrierten Management von Ackerfuchsschwanz (mit steigender Bedeutung durch den Wegfall von Flufenacet), sowie von Gelbverzwergungsviren und herbstbürtigen Krankheiten entgegen.

Latitude XL nur bei Bedarf

Die zusätzliche Beizung der Wintergerste mit Latitude XL führte in dieser Saison in keinem Versuch zu signifikanten Mehrerträgen. Auch mehrjährig lagen die durchschnittlichen Ertragssteigerungen gegenüber der nur mit Vibrance Trio gebeizten Variante selbst beim Anbau nach Getreidevorfrucht nur bei etwa 2%. Daraus resultiert, dass eine Beizung mit Latitude XL oder Latifam aktuell nur auf Standorten mit bekanntem oder stark zu erwartendem Befall mit Schwarzbeinigkeit empfohlen wird.

Autor: Johannes Roeb, Heinz Koch, Landwirtschaftskammer NRW