Wie füttere ich hoch tragende Stuten?

Pferd grasend

Erst ab dem 8./9. Trächtigkeitsmonat, dem Beginn der hoch tragenden Phase ist von einer überproportional starken Entwicklung des Fohlens im Mutterleib der Stute auszugehen. Vor dieser Zeit wird sie lediglich auf Erhaltungsbedarf bzw. bei früher Reitnutzung auf den notwendigen Leistungsbedarf gefüttert. Parallel zum rapiden embryonalen Wachstum in der Hochträchtigkeit legt die Stute auch vermehrt Reserven für die bevorstehende Laktation an. Die tägliche Versorgung mit Energie, Eiweiß, Mineralstoffen und Vitaminen muss deshalb in den letzten Trächtigkeitsmonaten kräftig angehoben werden. Die Versorgungsempfehlungen in Tabelle 1 verdeutlichen diese Zusammenhänge. Verglichen mit dem Erhaltungsbedarf steigt der Energiebedarf bis zum 11. Trächtigkeitsmonat von 73 MJDE/Tag auf 101 MJDE/Tag, also um das 1,4fache, der Eiweißbedarf sogar um das 1,7fache. Ähnlich hohe Steigerungen sind in der Calcium-, Phosphor-, Vitamin A- und der Vitamin D-Versorgung vorzunehmen. Um eine gesunde Fohlenentwicklung vor und nach der Geburt zu ermöglichen, muss auch die Spurenelementversorgung besonders beachtet werden. Im Vordergrund stehen Kupfer, Zink und Selen, ein Mangel kann Störungen in der Entwicklung von Knochen, Gelenkknorpel, Sehnen und Bändern hervorrufen. Hinweise zur Bedarfsdeckung stehen in Tabelle 2. Die Angaben beziehen sich üblicherweise auf ein Kilogramm Futtertrockenmasse (TM). D. h., eine Stute, die in der hoch tragenden Zeit z. B. 9,5 kg TM pro Tag aufnimmt, benötigt 950 mg Eisen, 95 mg Kupfer und 475 mg Zink am Tag.

Andererseits dürfen die hoch tragenden Stuten trotz steigenden Bedarfes nicht überversorgt werden. Unkontrollierte Energiezufuhren können Verfettungen hervorrufen und zu Problemen wie Geburtsschwierigkeiten, Milchmangel durch verminderte Futteraufnahme in der Laktation und späteren Fruchtbarkeitsstörungen führen. Die genaue gewichtsmäßige, stichprobenartige Erfassung der Tagesrationen, bestehend aus Raufutter, Kraftfutter und in der Regel Mineralfutter ist auch in der Hochträchtigkeit anzuraten. Nur so lassen sich etwaige Versorgungsmängel frühzeitig erkennen. Voraussetzung für eine Leistungsangemessene Nährstoffversorgung der tragenden und später laktierenden Stute sind genaue Informationen zum jeweiligen Futterwert des Rau- und Kraftfutters. Während die Futtermittelhersteller die wichtigsten Inhaltsstoffe von den Mischfuttermitteln über Sackanhänger oder Lieferscheine mitteilen, liegen oft keine exakten Raufutterwerte vor. Zur richtigen Einschätzung der Raufutterqualität – gerade bei Ballensilage ist von hohen Schwankungen der Futterwertbestimmenden Inhaltsstoffe wie Protein und Energie usw. auszugehen – können eigene Futteruntersuchungsergebnisse der LUFA wertvolle Kenndaten liefern. Beim Getreide kann man hingegen mit den gängigen Tabellenwerten relativ sichere Rationsberechnungen durchführen.

Unabhängig vom Futterwert spielen futterhygienische Aspekte eine besondere Rolle. Die hygienische Beschaffenheit (Gehalt an Bakterien, Pilzen, Hefen) eines Futtermittels kann in der LUFA bestimmt werden. Auf die Verwendung von qualitativ einwandfreiem Rau- und Kraftfutter ist unbedingt zu achten. Höherer Besatz mit Bakterien,

Schimmelpilzen oder Hefen und Parasiten (Milben) kann zu Koliken und Aborten führen. Bei geringstem Verdacht auf verunreinigtes oder keimbelastetes Futter sollte von einer Verfütterung abgesehen werden. Eventuell erwärmte Ballensilagen sind deshalb auch nach dem Ausbreiten und Auskühlen kein geeignetes Futter für tragende und laktierende Stuten! Heu sollte optisch einwandfrei sein und den typischen Heugeruch aufweisen. Auch das Einstreustroh darf keine überhöhten Keimbelastungen aufweisen.

Tabelle 3 enthält einige Rationsbeispiele für hoch tragende Stuten auf der Basis von Heu und Grassilage. Das Kraftfutter kann zu Beginn der Hochträchtigkeit aus Hafer, Gerste und einem normalen Ergänzungsfutter bestehen. Um den Übergang auf das Laktationsfutter zu erleichtern, empfiehlt sich in den letzten Wochen der Tragezeit eine Umstellung auf ein spezielles Kraftfutter für Zuchtstuten, das entsprechend geeignet und hochwertig ist. Abrupte Kraftfutterumstellungen nach dem Abfohlen sollten nach Möglichkeit vermieden werden. Gute Zuchtstutenfutter enthalten meist um die 15 % Rohprotein und 11,5 bis 12,5 MJDE/kg an Energie. Hierbei ist nicht nur der absolute Rohproteingehalt entscheidend, sondern im Hinblick auf die Fohlenentwicklung und Milchleistung die Konzentration und Qualität der im Zuchtfutter vorhandenen Aminosäuren. Zur Unterstützung der Verdauungsabläufe können zusätzlich Komponenten mit leicht abführender Wirkung wie Weizenkleie, Melasse, Leinkuchen und Mash verabreicht werden. Saubere, nicht angefaulte Möhren passen immer gut in die Ration. Zum Geburtszeitpunkt hin können der Raufutteranteil der Ration und die Menge der Gesamtration vorübergehend etwas abgesenkt werden, um den Verdauungstrakt während der Geburtsphase nicht zu überlasten. Auch hoch tragende Stuten sollten ausreichende Bewegungsmöglichkeiten erhalten. Viel Auslauf ist von Vorteil. Allerdings sind die Tiere vor Regen und kaltem Wind zu schützen. Die Aufnahme gefrorenen Futters sowie bereiften Grases sollte vermieden werden.

Gerade in der Hochträchtigkeit spielt die Mineralstoff- und Vitaminversorgung der Stute eine nicht zu unterschätzende Rolle. Mineralien werden ab dem achten Monat vermehrt in das embryonale Skelett eingelagert. Der Calcium- und Phosphorbedarf steigt im Vergleich zum Erhaltungsbedarf sogar noch etwas stärker an als der Eiweiß- und Energiebedarf. Unter den Spurenelementen sind Kupfer, Zink und Selen hervorzuheben, denen im Hinblick auf die Fohlenentwicklung besondere Aufgaben zufallen. Diese drei Spurenelemente kommen in Heu oder Grassilage nur in geringen Mengen vor. Bei Kupfer und Selen besteht ein besonders ausgeprägter maternaler Effekt, eine ausreichende Versorgung in der hoch tragenden Zeit wirkt sich positiv auf die Fohlenentwicklung in den ersten Lebensmonaten aus. Stuten benötigen z. B. 10 mg Kupfer je kg Futter-TM. In Grasprodukten werden häufig nur 6 mg gefunden. Zur Bedarfsdeckung an Mineralien sind deshalb gezielte Ergänzungen über entsprechende Mineral- oder Zuchtstutenfutter vorzunehmen. In den Beispielsrationen werden Empfehlungen zum Mineralfuttereinsatz in Abhängigkeit vom Kraftfutter ( Ergänzer, Getreide) gegeben. Die täglichen Mineralfuttergaben variieren zwischen 50 und 100 g.

Der Bedarf an Natrium und Chlor verändert sich während der Trächtigkeit nur unwesentlich.

Um die Versorgung ganz sicher zu stellen, sind Lecksteine vorzusehen, die aber für das neugeborene Fohlen unerreichbar bleiben müssen. Nach praktischen Erfahrungen kann durch ausreichende Na-Versorgung vor der Geburt dem Darmpechverhalten des Neugeborenen vorgebeugt werden.

Für Wachstum und Epithelschutz des Fohlens sind die Vitamine A und D besonders wichtig. Unterversorgungen führen beim Fohlen zu Risiken wie erhöhter Infektionsanfälligkeit der Atemwege, des Magen-Darm-Traktes und der Geschlechtsorgane. Sie kommen lebensschwach zur Welt und entwickeln sich entsprechend langsam. Der Bedarf für Vit. A und D wird deshalb in der Hochträchtigkeit doppelt so hoch veranschlagt wie in der nieder tragenden oder güsten Zeit. Pflanzen enthalten kein Vit. A, sondern die Vit. A-Vorstufe ß-Carotin, das im Tierkörper zu Vit. A umgewandelt wird. Bei Weidehaltung ist die Versorgung der Stute mit beiden Vitaminen gesichert. Bei Stallfütterung muss auf jeden Fall mit Mineralfutter oder dem fertigen Kraftfutter ausgeglichen werden. Überversorgungen beispielsweise durch zusätzliche Verabreichung von Vitaminpräparaten sind allerdings zu vermeiden. Denn ein Zuviel an Vit. A und D kann zu Lahmheiten, Knochenbrüchigkeit und Verkalkungen führen.

Der Vit. E -Bedarf der Stute steigt während der Trächtigkeit nicht an, im Winter kann es allerdings zu einem Mangel in der Versorgung kommen. Vit. E ist wichtig für den Immunstatus, es stärkt die Abwehrkräfte. Gute Vit. E-Quellen sind Pflanzenöle und Trockengrün. Am besten ist die Versorgung auch hier über gut vitaminierte Mineral- bzw. fertige Kraftfutter zu gewährleisten.

Autor: Dr. Wolfgang Sommer