Anwendung von Herbiziden unter elektrischen Wolfschutzzäunen

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Mobiler Litzenzaun mit zusätzlichem Flatterband an der obersten Litze

Ab sofort können Anträge auf Einzelbetriebliche Genehmigung nach § 22 Abs. 2 Pflanzenschutzgesetz (PflSchG) zur Anwendung des Herbizides Roundup Power Flex gegen Bewuchs unter elektrischen Wolfschutzzäunen auf landwirtschaftlichen Nutzflächen beim Pflanzenschutzdienst der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen (NRW) gestellt werden. Dies wurde mit dem Ministerium für Landwirtschaft und Verbraucherschutz NRW abgestimmt.

Wolf- und Herdenschutz kombinieren

Auch in NRW verbreitet sich der gesetzlich geschützte Wolf. Neben durchziehenden Individuen sind einige Wölfe und Rudel bereits standorttreu geworden. Dies stellt landwirtschaftliche Betriebe vor große Herausforderungen. Eine der wichtigsten Schutzmaßnahmen für das Weidevieh sind (elektrische) Wolfsschutzzäune. Um die Funktionstüchtigkeit elektrischer Zäune zu erhalten, ist es notwendig, sie von Bewuchs frei zu halten. Mechanisch, beispielsweise per Freischneider, ist das jedoch sehr aufwändig.

Zum Schutz von Schafen und anderen Nutztieren vor Wolfsangriffen werden meist fest installierte Zäune aus Drahtlitzen oder mobile Zäune verwendet, die mit einer Hütespannung von mindestens 2.500 Volt gesichert werden. Hierbei sind mehrere stromführende Litzen beginnend ab 20 cm Bodenabstand übereinander angebracht. Bei Berührung mit dem Zaun bekommt der Wolf einen Stromschlag, ergreift die Flucht und meidet zukünftig bestenfalls die Zaunanlage. Die unterste Litze in 20 cm Wuchshöhe über dem Boden ist hierbei die wichtigste, weil ein Wolf meist zuerst versucht die Absperrung zu untergraben.

Bewuchs unterhalb des Zaunes führt jedoch zu massiven Spannungsverlusten bis zur völligen Nutzlosigkeit der Anlage. Daher gilt es, den Bewuchs unterhalb des Zaunes klein zu halten, wenn die Nutzung kurz ist (z. B. bei Wanderschäfern), oder ganz frei zuhalten bei dauerhafter Nutzung. Hierzu genügt eine Breite von etwa 40 cm. Ein dauerhaftes Kurzhalten des Aufwuchses zum Beispiel mit der Motorsense ist arbeitswirtschaftlich kaum leistbar. Zudem können eventuelle Schäden an der Litze bei der Maßnahme nur unter Inkaufnahme von Spannungsverlusten repariert werden. Ein Abflämmen mit Gas als Alternative ist auch und gerade in Waldnähe gefährlich und verbietet sich somit aufgrund der Waldbrandgefahr. Auch kann die untere Litze durch das Flammgerät sehr schnell beschädigt werden.

Auswahlkriterien für das Herbizid

Ein Herbizid muss bestimmte Kriterien aufweisen, um für diese Anwendung geeignet zu sein: die Wirksamkeit muss ausreichen, um einen bestehenden, etablierten Pflanzenbestand und auch Wurzelunkräuter ausreichend zurückzudrängen. Weiterhin müssen Rückstandsdaten und Wartezeiten für Tiere nach der Anwendung vorliegen. Derzeit kann der Bewuchs unterhalb des elektrischen Zaunes unter Berücksichtigung dieser Anforderungen nur mithilfe Glyphosat-haltiger Herbizide ausreichend kurzgehalten werden. Herbizide aus dieser Wirkstoffgruppe sind nicht persistent und die behandelten Flächen ergrünen mittelfristig wieder.

Glyphosat-haltige Pflanzenschutzmittel dürfen im Grünland zur Wiesen- bzw. Weideneuansaat (Grünlanderneuerung) angewendet werden. Neben den allgemeinen Auflagen haben sie die Auflage VV549, in der es heißt: Behandelter Aufwuchs (Abraum vor der Neuansaat) nicht zur Heugewinnung verwenden, er kann der direkten Verfütterung oder Silierung dienen. Insofern ist die direkte Aufnahme durch Weidetieren nicht problematisch. Wobei die meisten Tiere die Nähe des Zaunes meiden, um keinen Stromschlag zu bekommen.

Wie und wo ist die Genehmigung zu erhalten?

Beim Pflanzenschutzdienst NRW können Betriebe der Landwirtschaft, des Gartenbaus oder der Forstwirtschaft aus Nordrhein-Westfalen eine einzelbetriebliche Genehmigung nach § 22 Abs. 2 PflSchG beantragen.

Einzelfallgenehmigung nach § 22 Pflanzenschutzgesetz

Die Genehmigung gilt ausschließlich für den Antragsteller bzw. den Betrieb, ist nicht übertragbar und zeitlich befristet (unter Beachtung der Aufbrauchfrist max. 3 Jahre).

Gibt es im Betrieb keinen Mitarbeiter mit einem Pflanzenschutz Sachkundenachweis zur beruflichen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln, wie es z. B. bei Schafzüchtern der Fall sein kann, kann der Betrieb eine sachkundige Person oder ein entsprechendes Unternehmen mit der Anwendung beauftragen.

Die Anwendung ohne eine erteilte Genehmigung ist nicht erlaubt und stellt eine Ordnungswidrigkeit dar!

Praktische Anwendung des Herbizids

Roundup Power Flex (Wirkstoff: 480 g/l Glyphosat) darf unter elektrisch betriebenen Zäunen mit maximal 3,75 l/ha pro Jahr in 1-2 Anwendungen gegen ein- und zweikeimblättrige Unkräuter auf landwirtschaftlichen Nutzflächen zum Herdenschutz (Wolf) gespritzt werden. Die Anwendung darf nur in einer Breite von ca. 40 cm erfolgen, eine Wartezeit entfällt. Es sind alle in der Gebrauchsanweisung aufgeführten Auflagen und Anwendungsbedingungen einzuhalten.

Es darf nur Fläche im Bereich der Weide behandelt werden, der Ackerrain ist als Nichtkulturland und Rückzugsgebiet von Nichtzielorganismen von der Behandlung ausgeschlossen.

Weitere Hinweise und regionale Anwendungsverbote

Unabhängig von einer einzelbetrieblichen Genehmigung nach § 22 Abs. 2 PflSchG für die beschriebene Indikation gilt ein generelles Anwendungsverbot Glyphosat-haltiger Mittel in:

  • (1) Gebieten mit Bedeutung für den Naturschutz, wie Naturschutzgebieten, Nationalparken oder gesetzlich geschützten Biotopen nach § 30 BNatSchG (§ 4 Abs.1 PflSchAnwV) und
  • (2) Wasser- und Heilquellenschutzgebieten (§ 3b Abs.4 PflSchAnwV).

Weiterhin dürfen Pflanzenschutzmittel nicht an Gewässern innerhalb eines Abstandes von zehn Metern zum einem Gewässer angewendet werden. Abweichend davon beträgt der einzuhaltende Mindestabstand fünf Meter, wenn eine geschlossene, ganzjährig begrünte Pflanzendecke vorhanden ist (§ 4a Abs.1 PflSchAnwV).

Für Flächen des Vertragsnaturschutzes können besondere Regelungen gelten und sind vorher abzuklären.