Blutende Kastanien durch neuen Krankheitserreger

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Blutende Stellen sowie Risse und Dellen am Hauptstamm von Rosskastanien deuten auf eine Bakterieninfektion mit Pseudomonas syringae hin. Foto: Dr. Monika Heupel

Neues Schadbild

Im Jahr 2006 ist erstmalig ein neues Krankheitssymptom an Rosskastanien in Nordrhein Westfalen häufiger beobachtet und intensiver untersucht worden. Die Symptome wurden an einzelnen Bäumen aber auch in Alleen beobachtet.

Auffällig für das neue Schadbild sind einzelne blutende Stellen am Hauptstamm sowie an den Ästen, die später eintrocknen. Typisch ist die Laubaufhellung infizierter Rosskastanienbäume. Mit zunehmender Erkrankung ist das Welken und Absterben einzelner Äste zu beobachten. Am Stamm und einzelnen Ästen bilden sich Risse und Dellen. Unterhalb der infizierten blutenden Stellen ist das Gewebe verbräunt. Die Verfärbungen sind lang gestreckt oder auch streifenförmig hellbraun bis rotbraun verfärbt und teilweise sehr stark nässend. Mit fortschreitendem Befall sterben die Bäume vollständig ab.

Diagnose

Von den Gewebestücken aus den Kambiumnekrosen der Bäume wurden regelmäßig bei der Laboruntersuchung zahlreiche Bakterien der Spezies Pseudomonas syringae isoliert. Bei der Probennahme war teilweise ein bakterieller Ausfluss zu beobachten (Bild). Untersuchungen auf Befall mit Pilzen der Gattung Phytophthora sp. ergaben regelmäßig einen negativen Befund. Derzeit werden mit den isolierten Bakterienkeimen molekularbiologische Untersuchungen zur genauen taxonomischen Einordnung durchgeführt.

Krankheit von internationaler Bedeutung

In Nordrhein-Westfalen sind bislang 7 Standorte mit den neuartigen Krankheitssymptomen an Rosskastanien bekannt. Dabei handelt es sich in 3 Fällen um Einzelbäume, in 4 Fällen um Alleen. Betroffen sind einerseits junge 5-15 Jahre alte Bäume und ebenso mehrere Jahrzehnte alte Bestände mit großem Stammumfang.

In Deutschland war Pseudomonassyringae an Rosskastanien bislang unbekannt. Von großer Bedeutung ist diese Bakterienspezies als Krankheitserreger im Obstbau sowie im Gehölzbereich z.B. an Flieder oder Esche.

In den Niederlanden ist Pseudomonas syringae seit 2002 häufig an Rosskastanien beobachtet und beschrieben worden. Das starke Befallsausmaß führte dort 2005 zur Gründung einer speziellen Arbeitgruppe mit der Zielsetzung, die neuartige Erkrankung zu untersuchen. Eine Kartierung durch diese Gruppe ergab im Jahr 2006 in den Niederlanden einen durchschnittlichen Befall von 40 % der Rosskastanienbäume in einzelnen Gebieten sogar bis zu 70 %.

2006 wurde ein Rosskastanienabsterben mit der neuartigen Symptomatik erstmalig auch in England, Belgien und Frankreich beobachtet.

In Nordrhein-Westfalen wurden bislang Krankheitssymptome an der weißblühenden und rotblühenden Rosskastanie, Aesculus hippocastanum und Aesculus carnea beobachtet. Diese Erfahrungen decken sich mit den Beobachtungen in den Niederlanden. Seltener wird die neue Krankheit dort an Aesculus pavia und Aesculus flava beschrieben.

Epidemiologie

Völlig unklar sind bis heute die Herkunft und Ausbreitung der neuen Krankheitserreger. Bakterien benötigen anders als Pilze Eintrittspforten in die Pflanzen. Sie können nur durch natürliche Öffnungen oder mechanische Wunden durch Wachstumsrisse, Hagel oder Insekten eindringen. Feuchtwarme Witterung fördert die Vermehrung. Anders als Pilze zeigen sie sehr große Vermehrungsraten in kurzer Zeit. Sie können an Pflanzenresten oder teilweise auch im Boden überdauern. Bislang ist unklar inwieweit die neuen Krankheitserreger dazu in der Lage sind.

Infektionsversuche und Taxonomie

Mit den isolierten Krankheitserregern wurden von der niederländischen Arbeitsgruppe Infektionsversuche durchgeführt. Sowohl 1 und 2 jährige Bäume als auch 10-15 Jahre alte Bäume wurden infiziert. Die Infektionsversuche wurden von intensiven histologischen Untersuchungen der erkrankten Bäume begleitet. Erste Symptome entwickelten sich bereits 2 Wochen nach der Infektion. Es wurden Verfärbungen des Kambiumgewebes beobachtet. Die Ausbreitung der Bakterien führte zur Zerstörung des gesamten Gewebebereiches und ausgedehnter Kambiumnekrosen. In den Gewächshausversuchen und in den Freilandprüfungen konnten die Bakterien der Spezies Pseudomonas syringae reisoliert werden. Die genaue Identität der Bakterienkeime wurde durch molekularbiologische Untersuchungen eindeutig sichergestellt.

Ebenfalls mit molekularbiologischen Untersuchungen wurden weitere taxonomische Differenzierungen des neuen Krankheitserregers Pseudomonas syringae durchgeführt. Dabei zeigte sich eine enge Verwandtschaft zu den an Ulmen bekannten Pseudomonas syringae pv. ulmi. Kürzlich konnte von einer englischen Forschergruppe die Identität des neuen Krankheitserregers mit dem aus Blattflecken an Rosskastanien in Indien isolierten Stamm Pseudomonas syringae pv. aesculi gezeigt werden.

Bei den niederländischen Untersuchungen wurden in den infizierten Bäumen auch regelmäßig Viren gefunden. Bislang ist unbekannt, welche Rolle diese Erreger für die Erkrankung der Bäume spielen. Ebenfalls unbekannt ist derzeit der Einfluss von Stressfaktoren auf das Krankheitsgeschehen. Um das Krankheitssymptom schneller diagnostizieren zu können, wurden inzwischen Antikörper zur schnellen Testung entwickelt. Damit soll unter anderem auch die Bedeutung von Insekten als mögliche Überträger näher untersucht werden.

Zur Untersuchung des Wirtspflanzenkreises wurden mit den Pseudomonas-Keimen künstliche Infektionen an anderen Baumarten durchgeführt. Getestet wurden die neuen Krankheitserreger durch die niederländische Arbeitsgruppe unter anderem an Birken und Eichen. Die Bäume entwickelten keine Krankheitssymptome.

Maßnahmen

Bei den weiteren Untersuchungen durch die niederländischen Arbeitsgruppe, bei denen auch Forscher der Biologischen Bundesanstalt in Braunschweig und anderer betroffener europäischer Staaten mitwirken, sollen Abwehrmöglichkeiten getestet werden.

Derzeit stehen zur Bekämpfung von Bakteriosen keine direkten Maßnahmen zur Verfügung. Bislang sind die Schäden in NRW nur im Verwendungsbereich der Pflanze aufgetreten. Erkrankungen von Bäumen unter Kulturbedingungen sind derzeit nicht bekannt. „Vorbeugung“ heißt das Schlagwort, wenn es um den Schutz der Kulturpflanzen geht. Diesbezüglich kann der Produzent leider sehr wenig tun, als optimale Kulturbedingungen einzuhalten und Stresssituationen möglichst zu vermeiden:

Kastanien wachsen optimal auf gut durchlüfteten, lehmig frischen Böden mit hohem Humusgehalt. Der pH-Wert sollte für Kastanien zwischen 6,0-8,0 liegen. Auch sandige Lehme sind zur Kultur, primär für die Jungpflanzenanzucht, geeignet. Reine Sandböden hingegen beeinflussen die Wuchsleistungen durch zu geringe Wasserkapazität und zu geringes Puffervolumen negativ und bewirken ein vorzeitiges Vergreisen der Bäume. Im Weiteren zeigen Kastanien häufig Empfindlichkeiten beim Einsatz von Herbiziden. Im Winter sind Schutzmaßnahmen vor Wildverbiss sinnvoll, da sie bevorzugte Nahrungsquellen darstellen.

Mit Hilfe sorgfältiger Hygienemaßnahmen kann die Verbreitung von Krankheitserregern, sowohl der Pilze, als auch Bakterien, eingedämmt werden, Desinfektionen der Schnittwerkzeuge bei Schnittmaßnahmen beugen der Verschleppung von Erregern vor.

Noch ist nicht bekannt, in welchen Gebieten in Deutschland, die neue Krankheit verbreitet ist. Bei Krankheitssymptomen sollte unbedingt eine genaue Diagnose erfolgen, um die Differenzierung von Phytophthorapilzen oder dem Welkerreger Verticillium zu gewährleisten. Insbesondere eine Differenzierung der Erkrankung von Befall mit Pilzen der Gattung Phytophthora ist aufgrund der ähnlichen Symptomatik nur durch eine Untersuchung eindeutig möglich.

In der Regel ist unabhängig vom Krankheitserreger die Verkehrssicherheit befallener Bäume gefährdet. Bei fortschreitendem Befall sind Eintrittspforten für weitere Holz zerstörende Pilze vorhanden und die Bäume sterben vollständig ab.

Autor: Dr. Monika Heupel, Peter Tiede-Arlt